Kardels Tagebuch: 1914-1918

Einträge von Oktober 1917

Harboe Kardel
Frankreich
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Kardels Tochter Elsbeth Kardel Knutz hat unserer Zeitung die eigenhändig abgetippten Tagebücher zur Verfügung gestellt, sodass Der Nordschleswiger bis zum Ende der Aufzeichnungen bis 2018 Kardels Tagebucheintragungen abdrucken kann. Die Einträge sind immer am 1. eines Monats 100 Jahre später abrufbar.

3. Oktober 1917.

Das Aufstehen bekommt mir gut und macht mir keinerlei Beschwerden.

Auf mein Zimmer haben sie einen schwerkranken gelegt, dessen Seufzen und Stöhnen, und sein geisterhaftes Aussehen mich nachts erschreckt und beunruhigt.

Ich bin jetzt fast den ganzen Tag auf und spiele gerne unten auf dem Harmonium.

Hans Gätgens schreibt mir, man erwarte meine Beförderung dort jeden Tag. Das war ein Klang, der das Herz erfreut. Nun will ich weiter geduldig warten.

Wenn ich auf bin muss ich noch oft laufen. Die Kräfte fehlen noch.

13. Oktober 1917.

Gestern Abend gegen 10 Uhr –ich lag schon im Halbschlummer—trat die Schwester mit einem Telegramm ins Zimmer. Es war das langersehnte und lautete: „ Durch A.K.O. vom 8.10.1917 zum Leutnant befördert.“ Die Freude ließ mich lange nicht einschlafen.

Heute Morgen war Schwester Hulda schon hier, und nähte mir die Leutnantsachsel-

stücke auf meine Bluse. So ist mein Wunsch denn erfüllt. Das Ziel erreicht. Dem Allmächtigen sei Dank! „So bleibt kein Ding vergessen, ihm kommt sein Blütentag.“

Eben bin ich umgezogen nach Zimmer 13, in dem ich mit Lt. Lindeloff zusammen wohnen soll. Und ein Abendessen bekam ich—dicken Milchreis mit Kanel und Milch sowie eine gewaltige Menge belegtes „Butter“brot.

Ja“, meinte der Krankenwärter, „für 5 M könne man schon etwas mehr geben als für 2,50 M.“ So merke ich allmählich die Segnungen des Leutnandstandes.

16. Oktober 1917.

Nachdem ich gestern mit Mutter und den Geschwistern etwas hier im Garten spaziert hatte, konnte ich sie heute zu Hause aufsuchen. Wir betrachteten zusammen Rudi`s sauberes Photographie-Album. Du lieber, guter Bruder, warum musstest Du uns verlassen?—So lange ich lebe werde ich nicht aufhören um Dich zu trauern--!

Wie hab ich`s hier gut! Der Tag geht schnell hin. Nachts schlafe ich gut, weil ich später zu Bett gehe. Das Essen ist über alles Lob erhaben. Lindeloff hatte heute Geburtstag, und die Schwestern schenkten ihm eine Torte, die er mit Max Kukei und mir zum Kaffee teilte. Bruder Willi, der mich abholte, bekam auch ein Stück ab.

Ich sah zu Hause Rudi`s Koffer an. Wie einfach hat er sich gekleidet. Er, der innerlich so überaus Reich war, hatte es nicht nötig, sich äußerlich herauszuputzen.

18. Oktober 1917.

Heute traf ich zu Hause Bruder Andreas, der 7 Tage Urlaub hat, weil er für Tante Grete-Kellinghusen Kriegsanleihe gezeignet hat. Ich zeichnete „in letzter Stunde“ 100 M.

Ein Tag geht hier wie der andere. Aber wann werde ich`s wieder so gut bekommen?

Um 7.30 bringt uns die Schwester den Kaffee ans Bett. Der Kaffee (Bohnen!Rahm!)

ist ein Gedicht.

Um 8.15 erheben wir uns und ziehen uns in aller Gemütlichkeit an.

Dann gehe ich nach Hause.

Um 11.30 gibt`s Mittagessen, das jedesmal den Namen „lukullisch“ verdient.

Danach legen wir uns nieder. Lesen oder Schlummern, bis um 14.15 der Kaffee, Butterbrot und Keks hereingebracht wird.

Nach dem Kaffee gehe ich wieder zu Muttern und bleibe, bis mich das Abendbrot, das um 18.30 kommt, wieder nach dem Lazarett ruft. Dieses besteht aus Bratkartof-

feln und Fleisch, oder eine Grütze, sowie belegtem Butterbrot (7 Schnitten!) und Tee.

Bis jetzt verbrachte ich die Abende mit Lesen und Schreiben. Von morgen ab will ich sie bei Mutter verbringen. Es ist für mich eine Zeit der Erholung, Der Muße und stiller Beschaulichkeit. Wie sehr hätte ich eine solche Zeit meinem lieben Bruder Rudi gegönnt!

29. Oktober 1917.

Inzwischen hat unsere Offensive gegen Italien eingesetzt. Gebe Gott, dass sie uns dem Frieden einen Schritt näher bringt.

Mutter freut sich, dass ich noch bei ihr sein kann. Gott hat die Krankheit geschickt

-uns zum Besten-. „Führt er uns auch raue Wege, gibt er auch die nöt`ge Pflege“.

30. Oktober 1917.

Eben erfahren wir von Frau Hauptmann von Winkler, dass der König von Bayern unseren lieben Rudi zum Ritter des „Max-Joseph-Ordens“ ernannt hat und ihm damit die höchste bayrische Kriegsauszeichnung verliehen hat, die dem preußischen Pour le mèrite entspricht. Die Ritter erhalten zugleich den persönlichen Adel, den wir nun nur auf seinen Grabstein schreiben können---

---Nie wirst Du die Tage erleben, von denen Schenkendorf schreibt----:

Dann klang von allen Türmen

und Klang aus jeder Brust

und Ruhe nach den Stürmen

und Fried und Lebenslust.“

Wie oft hat er freudig sein Leben eingesetzt. Ein sorgenloses, ein ehrenvolles, ein reiches, ein heiteres Dasein hatte er verdient. Aber ehe er sich dessen freuen konnte, starb er auf der Wacht. Ein treuer Sohn seiner Heimat.

Ich hielt heute Abend den Soldaten hier im Lazarett einen kleinen Vortrag über Luther. Er bereitete mir keinerlei Schwierigkeiten, denn ich beherrschte den Stoff vollkommen.

Ich komme mir gegen Rudi so armselig vor, ich bin nur sein schwacher Nacheiferer.

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