Interview mit Jens Henrik Jensen

„Vom Typ her käme Viggo Mortensen für Oxen infrage“

Claudia Knauer /Büchereidirektorin/
Apenrade/Aabenraa
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Jens Henrik Jensen hat sich inzwischen auch in Deutschland einen Namen gemacht. Foto: Red Star Foto

Der Schriftsteller Jens Henrik Jensen spricht im Interview mit Büchereidirektorin Claudia Knauer über den Umgang mit Kritik, seinen Arbeitsalltag und Ideen für weitere Bücher.

Jens Henrik Jensen aus Esbjerg hat sich vom Journalisten bei JydskeVestkysten zum Vollzeit-Krimiautor entwickelt. Büchereidirektorin Claudia Knauer von der Deutschen Zentralbücherei Apenrade sprach mit dem Schriftsteller über seine Bücher, seinen Arbeitsalltag und die Unterschiede zwischen deutschen und dänischen Lesern und Lesungen.

Du reist viel in der Welt herum, du bist neugierig und abenteuerlustig. Wie viel davon findet sich in deinen Büchern wieder?

Es stimmt, ich bin viel gereist, vom Amazonas bis nach Murmansk. Einige meiner Bücher, zum Beispiel die Kazanski-Trilogie (auf Deutsch erschienen, d. R.), in der ich als Autor mit dem Rucksack auf dem Rücken auf der Spur meiner Hauptperson war, sind davon stärker geprägt als andere. In der Oxen-Serie spiegelt sich mehr der Freiluft- und Naturmensch Jens Henrik Jensen. Ich liebe es, draußen zu sein, die Natur hautnah zu erleben, gerne mit der Angelrute in einem Bach stehend – im Großen und Ganzen also wie Niels Oxen. Deshalb passt es auch richtig gut zu mir, gegen den Strom zu schwimmen: den Krimi aus der Großstadt herauszuholen und in die Natur zu versetzen, wo sich das meiste der Oxen-Trilogie abspielt. Da draußen bin ich am besten.

Wo liegt der Unterschied zwischen einem deutschen und einem dänischen Leser?

Hm, das ist derzeit noch schwer für mich zu beantworten. Es macht auf mich den Eindruck, als sei der deutsche Leser besonders interessiert am Skandinavischen – im Stil, im Tonfall, in der ganzen Art. Vielleicht sogar mehr als die dänischen Leser.

In Dänemark erzählt der Autor bei einer Lesung von seinem Tun und Lassen. In Deutschland liest er wirklich laut aus seinem/ihrem Buch vor – in deinem Fall liest ein Schauspieler. Wie erlebst du diesen Unterschied?

Daran musste ich mich erst gewöhnen. Aber jetzt mag ich diese Art gerne. Tatsächlich ist in so einer Lesung in Deutschland viel mehr „Show“ und „Auftritt“ drin – und das Vorlesen rückt das Buch mehr in den Mittelpunkt. Aber ich meine, es ist wichtig, dass ein Schauspieler vorliest. Das ist deren Profession, und sie sind gut darin. Ich selbst könnte nicht annähernd so gut vorlesen. Mit dieser Methode wird das Publikum auch festgehalten. Bei meiner gerade beendeten Lesereise hat Dietmar Wunder – die deutsche Stimme von Daniel Craig/James Bond – vorgelesen. Und er ist unglaublich gut darin, ein lebendiges Drama auf die Bühne zu bringen – mit verschiedenen Stimmen. So wird die Show lebendiger. Deshalb mögen die Deutschen offenbar ein solches Vorlesen im Gegensatz zu den Dänen, die dem kein eigenes Gewicht beimessen.

Verstehst du ausreichend Deutsch oder hast du „einfach“ Vertrauen zu deiner Übersetzerin?

Ich verstehe in etwa, was auf der Bühne gesagt wird. Aber das ist nicht genug, um die Übersetzung zu beurteilen.

Hast du während des Übersetzungsprozesses Kontakt zu Friederike Buchinger – deiner Übersetzerin? Ich finde, sie macht das hervorragend und bleibt genau in deinem Stil.

Ja, ich hatte oft Kontakt mit Friederike Buchinger – und habe sie jetzt auch getroffen. Der DTV-Verlag hat sie unter verschiedenen Probeübersetzungen ausgewählt – das ist eine angenehme Form der deutschen Gründlichkeit: nicht zufrieden sein mit dem ersten Besten, sondern unter mehreren auswählen. Und von verschiedener Seite ist mir bestätigt worden, dass Friederike eine sehr, sehr gute Arbeit abliefert – und genau einen besonderen Erzählton trifft – also meinen.

Wenn du an die Filmatisierung der Oxen-Trilogie denkst, die kommen soll – wer soll Oxen spielen, wer Margrethe Franck? Hast du Einfluss auf das Drehbuch?

Ich habe keine konkrete Vorstellung, aber vom Typ her käme Viggo Mortensen für Oxen in Frage – leider ist er aber mittlerweile zehn Jahre zu alt. Das Wichtigste für den Typus Franck ist es, Selbstbewusstsein und Coolness auszustrahlen, das ist zentraler, als hübsch zu sein. Auf Film oder Drehbuch habe ich keinen Einfluss.

Gab es Kommentare zu der neuen Justizministerin im zweiten Band der Oxen-Trilogie? Sie ist jung und schön und blond. Und ein bisschen dumm, aber perfekt für den Bildschirm. Ist so ein Frauenbild nicht problematisch derzeit? Aber okay als du das Buch geschrieben hast, war die MeToo-Kampagne noch nicht gestartet.

Bisher gab es keine negativen Bemerkungen. Aber – und davon kannst du jetzt noch nichts wissen – im nächsten Band ändert sich das Bild vollständig. Die Leute haben die Justizministerin komplett unterschätzt. Aber ich will trotzdem einen Kommentar anfügen: Meiner Ansicht nach ist das ständige politisch Korrektsein langweilig und gibt dem Leser nichts. Es ist doch ein wohlbekanntes politisches Phänomen, dass diejenigen, die gut aussehen und auftreten und schnell das Richtige sagen können, wenn sie auf dem Bildschirm erscheinen, weit kommen können. Andere, denen das nicht so leicht fällt, die aber über mehr Wissen verfügen und eigentlich besser gerüstet sind, haben es schwerer als Politiker. Kürzlich wurde ein Preis angekündigt für denjenigen, der einen Krimi schreibt, in dem keine Frau getötet oder verunglimpft wird. Diese Art widerstrebt mir als Journalist und Redakteur schon seit 25 Jahren. Das sollte nicht prämiert werden. Man richtet nicht den Blick auf etwas, indem man es wegzensiert. Im Gegenteil. Die vornehmste Aufgabe des Journalisten (und der Krimis) ist es, die Probleme zu beschreiben, damit sie ins Auge fallen und diskutiert werden können, so kann man Änderungen erreichen.

Erreichen dich Vorschläge, wer oder was in deinem nächsten Buch auftauchen soll? Hast du Sanne und Svend Brodersen gefragt, ehe du Schloss Gramm in deinem Buch verwendet hast? Ist es amüsant für sie, dass ihr Schloss Heimstatt für die dunklen Männer ist? Ansonsten sind sie ja eher für ihre ökologischen Waren bekannt.

Ab und an erreichen mich Vorschläge wohlmeinender Menschen. Aber ich sage immer höflich danke. Es ist mein Prozess, den ich selbst vollständig steuere. Das Ehepaar Brodersen hat mir erlaubt, mich frei auf seinem Gelände zu bewegen. ... Bisher habe ich nicht gehört, was sie dazu sagen, so im Fokus zu stehen. Aber sie kannten die Prämissen.

Zu deinem Schreibprozess: Schreibt du eine bestimmte Anzahl Wörter jeden Tag? Oder eine Anzahl Seiten? Oder von 7 bis 13 Uhr? Wer liest deine Bücher zuerst?

In den Perioden, in denen es hektischer zugeht und ich meinem Zeitplan hinterherlaufe, da würde ich gerne auf einen Durchschnitt von fünf Buchseiten pro Tag kommen. In diesen Zeiten stehe ich um 4 Uhr morgens auf und schreibe. Damit habe ich zwei effektive Arbeitsstunden, bevor ich die Brotdosen fertig mache und unsere beiden Jungs (6 und 8 Jahre) wecke. Wenn sie in der Schule sind, frühstücke ich, lese währenddessen die Nachrichten und arbeite danach weiter. Meine Frau ist immer die erste Leserin.

Wie gehst du mit Kritik um – sofern du welche bekommst. Viele deiner Bücher haben ja hervorragende Rezensionen. Ist das eine gewisse Last, wenn man dann an das nächste Buch denkt?

Ich gebe gerne zu, dass negative Kritik ärgerlich ist, denn ich arbeite zwei Jahre an jedem Buch. Aber negative Kritik ist in Ordnung, wenn sie fair ist. Die allermeisten Kritiken sind positiv. Das kann den Druck erhöhen, das nächste Mal auch so etwas Gutes abzuliefern und das nächste Mal ... Aber ich versuche, das in eine positive Richtung zu drehen: Die hohen Erwartungen fordern mich heraus, jedes Mal noch besser zu werden. Jedes Mal ist es eine Herausforderung an mich selbst, nicht nachzulassen.

Welchen Literaturpreis würdest du gerne einmal entgegennehmen?

Darüber denke ich eigentlich nicht nach, aber das Schönste wäre De gyldne Laurbær (Preis der Buchhändler und Buchhandelsmitarbeiter, d. R.) – Dänemarks vornehmster Preis.

Ist das Krimi- und Thrillergenre für dich Literatur? Wo verläuft die Grenze zwischen Literatur und Unterhaltung, oder sollte man in solchen Parametern gar nicht denken?

Für mich sind Krimis und Thriller in hohem Maße Literatur. Um sie zu schreiben, muss man dieselben Fertigkeiten haben wie für Literatur – allerdings kommt zusätzlich noch die große Herausforderung hinzu, dass man unterhalten will und einen raffinierten und durchdachten Plot liefern muss. In dieser Hinsicht ist ein richtig guter Krimi etwas vom Schwersten, das man schreiben kann. Sprachlich gesehen gibt es keine Unterschiede. Ich arbeite sehr intensiv an und mit der Sprache ... und könnte das in einem anderen Genre nicht besser machen.

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