Auch Alternativen zum Lockdown

Corona-Lage spitzt sich zu: Wie Europa mit der zweiten Welle ringt

Corona-Lage spitzt sich zu: Wie Europa mit der zweiten Welle ringt

Corona: Wie Europa mit der zweiten Welle ringt

Micha Lemme/ Birgit Holzer/ André Anwar/ Detlef Drewes/ shz.de/ dpa
Berlin
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Eine Fernsehansprache, die den Lockdown bringt: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Foto: AFO/ shz.de/ Stephane de Sakutin

Die zweite Corona-Welle erwischt Europa mit voller Wucht. Unsere Korrespondenten berichten, wie dramatisch die Lage ist.

Frankreich geht in den zweiten Lockdown

Er hatte es vermeiden wollen. Alles werde er tun, versprach Frankreichs Präsident Emmanuel Macron vor zwei Monaten, um dem Land einen neuerlichen Lockdown zu ersparen. Doch in den vergangenen Tagen schwante den Franzosen längst, dass das kaum möglich sein würde – zu alarmierend entwickelten sich die Infektionszahlen. "Das Coronavirus verbreitet sich mit einer Geschwindigkeit, die selbst die pessimistischsten Prognosen nicht vorausgesehen haben", sagte Macron am Mittwoch bei einer Fernsehansprache.

Innerhalb von zwei Wochen habe sich die Zahl der Neuinfektionen auf rund 40.000 pro Tag verdoppelt und so reichten die bisherigen Maßnahmen wie eine Sperrstunde in vielen Städten und Regionen nicht mehr aus: Ohne eine "brutale Bremsung müssen die Ärzte bald zwischen einem Covid-19-Patienten und dem Opfer eines Straßenunfalls entscheiden", warnte der Präsident.

Ab Freitag gelten daher wieder strikte Ausgangsbeschränkungen im ganzen Land, zunächst bis 1. Dezember. Wer draußen unterwegs ist, etwa um einzukaufen oder für einen Arztbesuch, muss den Grund wieder auf einer Bescheinigung vermerken. Private Treffen sind verboten und jeder, der aus dem Ausland einreist, soll an Flughäfen oder Bahnhöfen einen Schnelltest machen.

Anders als zwischen Mitte März und Mitte Mai bleiben Schulen und Kinderkrippen allerdings offen, ebenso wie Ämter oder Baustellen. Cafés und Restaurants schließen wiederum komplett, ebenso Geschäfte für nicht lebensnotwendigen Bedarf. Macron kündigte die Verlängerung der Kurzarbeiter-Regelungen sowie massive Hilfen unter anderem für kleine und mittelständische Unternehmen an.

Seit Tagen kritisiert die Opposition die Regierung für ihr Krisenmanagement. Macron erwiderte, dass Frankreich "wie alle unseren europäischen Nachbarn" von der zweiten Pandemie-Welle überwältigt worden sei. Er setze auf das Verantwortungsbewusstsein und den Bürgersinn eines jeden Einzelnen. "Bleiben wir vereint und solidarisch", sagte der Präsident in der für ihn typischen optimistischen Art. "Gemeinsam werden wir es schaffen." (Birgit Holzer aus Paris)

Belgiens Kliniken stehen vor dem Kollaps

In der vergangenen Woche meldete das gut zehn Millionen Einwohner große Belgien über Tage hinweg mehr als 15.000 Neuinfektionen pro Tag. In den Städten Brüssel und Lüttich kletterten die Inzidenzwerte (der Warnwert liegt bei 50 Infektionen pro 100.000 Menschen) auf 1700 beziehungsweise 2000.

Seit Montag gibt es daher eine landesweite Ausgangssperre ab 22 Uhr bis sechs Uhr morgens. Die Maske ist auch in der Öffentlichkeit zu tragen. Die Liste der geschlossenen Einrichtungen wird jeden Tag länger: Restaurants, Bars, Sportzentren, Schwimmbäder und so weiter. Emmanuel André, ein Mikrobiologe und Regierungsbeamter, sagte: "Wir sollten uns nicht mehr die Frage stellen, was man schließen muss. Wir müssen uns fragen, was offenbleiben darf."

Nicht nur die Zahlen machen Angst. Sie spiegeln vor allem die Realität nur statistisch steril wider. Die drei großen Klinikverbände meldeten sich in der vergangenen Woche zu Wort: "Im ganzen Land brennen die Krankenhäuser." Intensivbetten sind das eine, das Personal das andere. 20 Prozent der Ärzte und Pfleger sind bereits infiziert. Seit vergangener Woche werden sie mehr oder minder offiziell gebeten, auch dann weiterzuarbeiten, wenn sie positiv getestet wurden, aber keine Symptome zeigen.

Die Experten sind sich einig: Der Anfang der "Katastrophe" liegt im August und September, als die Beschränkungen nach Meinung der Virologen zu früh und zu schnell gelockert wurden. Vor einigen Tagen beantwortete der neue Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke die Frage, ob er eine Implosion des Gesundheitssystems für möglich halte, mit nur einem Wort: „Absolut.“ (Detlef Drewes aus Brüssel)

Niederlande: "Teil-Lockdown" zeigt nur bedingt Wirkung

In den Niederlanden liegt die Zahl der Corona-Infektionen seit Tagen auf einem relativ hohen Niveau – gemessen an der Einwohnerzahl des Landes. Die dramatische Entwicklung der zweiten Corona-Welle hatte die Regierung schon vor zwei Woche dazu veranlasst, mit einem "Teil-Lockdown" zu reagieren. Kneipen, Cafés und Restaurants wurden geschlossen. Außerdem dürfen die Bürger nur noch maximal drei Gäste pro Tag in ihren Wohnungen empfangen. Premier Mark Rutte kündigte auch eine Maskenpflicht für öffentliche Räume an.

Doch trotz "Teil-Lockdwon" und neuen Maßnahmen steigt die Zahl der Neuinfizierten in den Niederlanden weiter an: Am Mittwoch wurden 10.283 neue Infektionen gemeldet. Insgesamt sind in dem Land nun gesichert mehr als 7000 Menschen im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben.

Bedrohlich ist die Lage vor allem in Krankenhäusern und auf Intensivstationen. Dort liegen bereits so viele Covid-19-Patienten, dass die normale Pflege für andere Patienten abgebaut wird. Die Kapazität reicht hinten und vorne nicht. Zu Beginn der Corona-Pandemie gab es rund 1150 Betten auf Intensivstationen. Im Vergleich: Allein in Nordrhein-Westfalen, das eine ähnliche Einwohnerzahl hat, gibt es über 6000. Deswegen wurden zuletzt erstmals in der zweiten Corona-Welle Patienten aus den Niederlanden in deutsche Kliniken verlegt.

Auch die Gesundheitsdienste sind vollkommen überlastet: Die Kontaktverfolgung nach einer Infektion mit dem Coronavirus wurde zum Teil eingestellt. Die Niederlande hatten monatelang eine weniger strikte Corona-Politik verfolgt als ihre europäischen Nachbarn; nun wird die Kritik an der Regierung um Premier Rutte lauter. "Wir alle haben es nicht gut gemacht", gab er zuletzt offen zu. (mile, dpa)

Ohne Lockdown: Schweden sieht sich auf dem "richtigen Weg"

Die Corona-Lage in Schweden liegt derzeit irgendwo zwischen relativ gut und durchwachsen. Statt der Politiker bestimmen Staatsepidemiologe Anders Tegnell und sein Gesundheitsamt über die Corona-Strategie des Landes. Auf die Frage ob es in Schweden mit seinem lockeren Sonderweg ohne Lockdown, ohne Masken und fast ohne Verbote eine zweite Coronawelle gibt, antwortet Tegnell mit einem knappen "Nein".

Schweden wurde monatelang von ausländischen Medien und einzelnen Experten scharf für seinen Sonderweg kritisiert, während im Lande selbst die große Mehrheit hinter der Strategie von Tegnells Gesundheitsamt steht. Inzwischen erwägen auch andere Länder, die in eine zweite Welle rutschen, den schwedischen Weg zumindest teilweise nachzuahmen, statt nach einstweiligen Lockerungen in den zweiten Lockdown zu gehen.

Viele Schweden hielten sich an die weichen Empfehlungen, daheim zu bleiben und im Homeoffice zu arbeiten. Die U-Bahnen, Geschäfte, Bars und zentralen Stadtteile in Stockholm waren zeitweise gespenstig leer. Während Schulen bis einschließlich der neunten Klasse offen blieben, wurde ab der zehnten Klasse und in Universitäten frühzeitig auf digitalen Fernunterricht umgeschwenkt.

"Das Umdenken im Ausland über die schwedische Strategie von sehr kritisch zu mehr Verständnis hat natürlich mit unseren guten und stabilen Zahlen zu tun", kommentierte Tegnell gegenüber dieser Zeitung. "Wir haben den richtigen Weg eingeschlagen." Dennoch steigen derzeit auch die Neuinfektionen in Schweden wieder an. Allerdings auf geringerem Niveau als in vielen anderen EU-Ländern.

Doch ist wirklich alles so rosig in Schweden? Zumindest zu Beginn der Pandemie schützte das Land seine Altenheime nicht richtig vor Corona. Dadurch starben relativ zur Bevölkerungszahl viel mehr Menschen als in Deutschland und den skandinavischen Nachbarländern. Insgesamt sind fast 6000 Schweden an Corona gestorben, die meisten davon waren über 80 Jahre alt. (André Anwar aus Stockholm)

Italienische Protestwelle

In Italien haben verschärfte Coronaschutz-Maßnahmen in vielen Städten des Landes zu Protesten geführt. Seit knapp einer Woche gab es bei Demonstrationen gegen die Regierung gewaltsame Ausschreitungen. Politiker machten unter anderem Neo-Faschisten, jugendliche Straftäter und linke Extremisten für Übergriffe verantwortlich. Am Mittwochabend hatten in Verona nach Angaben der Nachrichtenagentur Ansa rund 500 Menschen vornehmlich aus dem rechtsradikalen Spektrum randaliert. Auch in Palermo, Bari und Genua gab es Krawalle.

Regierungschef Giuseppe Conte rief die Bürger nun zum Zusammenhalt auf. "Dies ist wirklich die Zeit, um vereint zu bleiben, insbesondere angesichts des wirtschaftlichen Leids, der seelischen Belastungen, des Ärgers, der Angst und der Sorgen vieler Mitbürger", sagte er vor dem Parlament in Rom.

Man wisse, dass die Einschränkungen für Bars und Lokale sowie die Schließung von Theatern und Kinos harte Einschnitte seien, versicherte der parteilose Jurist. Doch andere Länder Europas seien wegen der rasant steigenden Zahlen von Virus-Neuinfektionen in einer ähnlich schwierigen Lage. Einige Staaten hätten noch schärfere Einschränkungen erlassen als Italien, sagte er.

Einen zweiten vollen Lockdown wie im Frühjahr bei der ersten Corona-Welle will Rom vermeiden. Conte forderte die Italiener daher erneut zur Änderung von Verhaltensweisen und zum Einhalten der Schutzregeln auf. In dem Land mit rund 60 Millionen Einwohnern hatte die Anzahl der binnen eines Tages gemeldeten Corona-Neuinfektionen am Mittwoch fast die Marke von 25.000 erreicht. (dpa)

Todeszahlen in Spanien steigen rasant

Spanien hat wieder die Corona-Handbremse angezogen: Um eine nächtliche Ausgehsperre und andere strenge Maßnahmen anordnen zu dürfen, rief die Regierung am vergangenen Wochenende zum zweiten Mal den Notstand aus. "Spanien ist in einer extremen Lage", warnte Ministerpräsident Pedro Sánchez.

Nur unter dem Notstand darf die Regierung die Bewegungsfreiheit der Menschen einschränken. Anders als beim Alarmzustand im Frühjahr, als die Spanier drei Monate zu Hause bleiben mussten, wurde diesmal (noch) keine totale Ausgangssperre verhängt, sondern nur ein nächtliches Ausgehverbot. Die Anordnung gilt praktisch für das ganze Land. Ausgenommen sind nur die Kanaren. Die Urlaubsregion im Atlantik vor der Westküste Afrikas, hatte zuletzt das Virus wieder einigermaßen unter Kontrolle bekommen.

Auf dem Festland grassiert das Virus jedoch weiterhin: Spanien ist so stark von der Pandemie betroffen wie kaum ein anderes Land in Europa, 367.000 neue Corona-Fälle wurden in den vergangenen vier Wochen registriert. Am Dienstag meldete das Gesundheitsamt die höchste Zahl an Corona-Toten seit Monaten, 267 Menschen waren innerhalb von 24 Stunden verstorben. Die Gesamtzahl der Todesopfer im Zusammenhang mit Covid-19 beläuft sich in Spanien auf über 35.000.

Die Krankenhäuser in Teilen Spaniens sind bereits jetzt überlastet. Mehr als 16.000 Covid-19-Patienten liegen aktuell im Hospital. Operationen müssen verschoben werden, ganze Stockwerke werden für Corona-Patienten reserviert. "Die nächsten Wochen und Monate werden sehr hart", warnte Sanchez, der den totalen Lockdown unter allen Umständen vermeiden will. Zuletzt appellierte der Regierungschef eindringlich an die Bevölkerung und forderte die Menschen auf, sich nach Möglichkeit in Selbstisolation zu begeben. (mile, dpa)

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