Weltbienentag

Biene nicht gleich Biene: Nutztier und bedrohte Verwandte

Biene nicht gleich Biene: Nutztier und bedrohte Verwandte

Biene nicht gleich Biene: Nutztier und bedrohte Verwandte

dpa
Hilpoltstein/Braunschweig
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Eine Gehörnte Mauerbiene (Osmia cornuta) sitzt an einem speziellen Insektenhotel in einer Obstplantage in Brandenburg. Fast die Hälfte der mehr als 560 Wildbienen-Arten in Deutschland ist gefährdet oder gilt als verschollen. Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB

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Bei Bienen denkt fast jeder erst mal an die Honigbienen. Doch nicht sie, sondern die viel weniger bekannten Wildbienen sind gefährdet. Kann es sein, dass ausgerechnet ihre beliebte Verwandte ihnen schadet?

Jetzt summt es wieder überall, wo Pflanzen blühen. Unermüdlich fliegen Bienen von Blüte zu Blüte. Das Ergebnis kann man sich als Honig auf dem Brot oder im Tee schmecken lassen.

Für ein Glas davon müssen Honigbienen viele Tausend Kilometer zurücklegen. Doch die Tierchen können viel mehr: Während sie Nektar sammeln, bestäuben sie nebenbei unzählige Pflanzen. Ohne Bienen gäbe es viel weniger Kirschen, Äpfel und Pflaumen. Allein in Deutschland sind nach Angaben des Deutschen Imkerbundes (DIB) 80 Prozent aller Blühpflanzen drauf angewiesen, dass Bienen und andere Insekten sie bestäuben.

Kaum ein Tier hat so ein positives Image wie die Honigbiene. Schon ganz kleine Kinder erkennen das Insekt. Schließlich bevölkert es Kinderbücher und hat mit Biene Maja sogar eine eigene Filmheldin. Kein Wunder, dass Nachrichten über das Bienensterben viele Leute beunruhigen. Der Verlust von Lebensraum, die Monokulturen in der Landwirtschaft und Pestizide machen Bienen zu schaffen, wie es heißt. Darauf weisen auch jedes Jahr Experten zum Weltbienentag am 20. Mai hin, den die Vereinten Nationen 2018 ins Leben gerufen haben.

Doch Biene ist nicht gleich Biene. Die Honigbiene ist keineswegs vom Aussterben bedroht. Die Zahl der Honigbienen-Völker in Deutschland ist in den vergangenen Jahren nach DIB-Angaben sogar gestiegen: Etwa 160.000 Imkerinnen und Imker kümmern sich demnach um geschätzt 1,1 Millionen Völker. «Die Honigbiene ist für die Bestäubung wichtig», sagt Norbert Schäffer vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) im bayerischen Hilpoltstein. «Aber sie kann es nicht allein.» Wildbienen bestäuben zudem auch Pflanzen, an die Honigbienen nicht gehen. Und gerade diese oft spezialisierten Bestäuber sind stark bedroht.

Fast die Hälfte der mehr als 560 Wildbienen-Arten in Deutschland sei gefährdet oder gelte als verschollen, sagt Swantje Grabener vom Thünen-Institut für Biodiversität in Braunschweig. Das geht aus der Roten Liste bedrohter Tier- und Pflanzenarten hervor - allerdings ist der Stand von 2011. «Das verdeutlicht, wie wenig wir eigentlich über Wildbienen wissen», sagt Grabener. Das liege daran, dass es in Deutschland nur wenige Fachleute gebe, die sich mit den Insekten auskennen, und dass die Tiere im Feld schwer zu bestimmen seien.

Die Biologin und ihre Kolleginen und Kollegen vom Thünen-Institut für Biodiversität in Braunschweig wollen Abhilfe schaffen: Sie bauen ein bundesweites Monitoring für Wildbienen in Agrarlandschaften auf. Damit wollen sie herausfinden, welche Arten in welcher Zahl wo verbreitet sind und welche Effekte zum Beispiel Blühstreifen in der Agrarlandschaft haben. Manche der Wildbienenarten sind so selten und unscheinbar, dass die meisten Menschen sie wahrscheinlich noch nie zu Gesicht bekommen haben - oder zumindest nicht als besonders erkannt haben. Wildbienen leben eher einzeln und stechen meist nicht, ihr Aussehen unterscheidet sich von Art zu Art stark.

Dass Initiativen zum Bienenschutz oft die gar nicht gefährdete Honigbiene als Wappentier verwenden, sieht der Umweltforscher Josef Settele kritisch. Denn bei dieser Art handele es sich um ein hochgezüchtetes Nutztier, schreibt der Professor vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle in seinem Buch «Die Triple-Krise». «Aus Untersuchungen wissen wir: Wildbienen mit kleinem Aktionsradius können von Honigbienen verdrängt werden, wenn sie nicht auf genügend Blüten in der unmittelbaren Nachbarschaft ausweichen können.»

Zu einem ähnlichen Schluss kommt eine Studie, die Forscher 2019 im Fachblatt «Scientific Reports» vorstellten. Sie hatten über drei Jahre hinweg zur Blütezeit im Frühjahr bis zu 2700 Bienenstöcke in einem Nationalpark auf Teneriffa aufgestellt. Das Ergebnis: Bienenhaltung in natürlichen Umgebungen könne das Netzwerk wilder Bestäuber negativ beeinflussen. Die weltweite Haltung von Honigbienen könnte demnach größere und länger andauernde Folgen für Ökosysteme haben als bisher angenommen.

Der Deutsche Imkerbund widerspricht der Annahme, dass Honigbienen ihre wildlebenden Verwandten verdrängen können. Dass es in Einzelfällen durch widrige Umstände nicht für alle am selben Ort und zu jeder Zeit ausreichend Nahrung gibt, sei in der Natur nicht ungewöhnlich, heißt es in einer Stellungnahme. Es gelte vielmehr, Hauptursachen des Wildbienenschwunds wie den Verlust an Nahrungs- und Nistmöglichkeiten anzugehen.

Auch die Biologin Swantje Grabener hält nichts von einer Debatte, die die Honigbiene in Konkurrenz zu den Wildbienen stellt. «Man muss das in einem Gesamtkontext sehen», sagt sie. Es komme immer darauf an, in welcher Region wie viele Bienenstöcke aufgestellt werden. Und am Ende verfolgten Imker und Wildbienenschützer die gleichen Ziele: mehr blütenreiche Habitate und weniger Pestizide.

In Bayern wurde die Biene zum Symbol für das Volksbegehren «Artenvielfalt - Rettet die Bienen!», das der LBV und andere Naturschützer initiierten. Die Sympathieträgerin mobilisierte mehr als 1,7 Millionen Menschen, die sich für eine insektenfreundlichere Politik aussprachen. Seitdem ist unter anderem gesetzlich festgelegt, dass 15 Prozent der offenen Flächen in Bayern zu einem Biotopverbund werden müssen. «Das sind die Rahmenbedingungen für fundamentale Veränderungen», sagt der LBV-Vorsitzende Schäffer. Und das gelte nicht nur für Bayern: Eine ganze Reihe Bundesländer habe inzwischen ähnliche Ziele übernommen.

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