Grenzland-Serie 2020

Ein Dänen-Klub in Deutschland

Ein Dänen-Klub in Deutschland

Ein Dänen-Klub in Deutschland

Ruwen Möller, Flensborg Avis
Flensburg
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Foto: shz-Grafik: Krönung, Fotos shz-Archiv, Martin Ziemer

Die SG Flensburg-Handewitt lebt 100 Jahre nach der Grenzziehung einen deutsch-dänischen Alltag – mit der Minderheit als Plus für ihre Spieler.

Die SG Flensburg-Handewitt ist 1990 gegründet worden und seitdem als Dänen-Klub bekannt. 100 Jahre nach der Grenzziehung feiern die dreimaligen deutschen Meister ihr 30-jähriges Bestehen – mit alten und neuen Dänen im Kader.

In den sozialen Medien verwendet die SG Flensburg-Handewitt den Hashtag #OhneGrenzen. Damit folgt der Handballklub einem Motto, das es bei seiner Vermarktung bereits seit Jahren gibt. Damals lautete es „Grenzenlose Leidenschaft”. Die dreifachen deutschen Handballmeister sind sich der Nähe zum Nachbarn – geografisch, mental und handballmäßig – bewusst. Die SG steht sie im Zentrum zweier großer Handballkulturen, die 2019 gemeinsam die Handballweltmeisterschaft ausgerichtet haben.

Praktisch seit seiner Gründung im Jahr 1990 richtet der Klub den Blick nach Norden, wenn es um neue Talente geht. Seinen Beinamen Dänen-Klub hatte er daher schnell weg. Seit 1992 verpflichtet der Verein an der dänisch-deutschen Grenze Spieler und Manager aus dem Königreich.

Jan E. Jørgensen war der erste von über 25 Spielern, die seitdem das SG-Trikot getragen haben. Lars Christiansen ist der Spieler, der mit 14 Jahren am längsten dabei gewesen ist. Seit dem Vorjahr ist er wieder in Flensburg. Als „Head of Development of Sports” unterstützt er das Klubmanagement und die Trainer. Lars Christiansen bringt in dieser Funktion nicht zuletzt ein großes Netzwerk aus Dänemark mit. Kasper Nielsen ist vom Klub zweimal verpflichtet worden. Kasper Kisum hat nur wenige Monate für den Klub gespielt.

Foto: shz-Grafik: Krönung, Fotos shz-Archiv, Martin Ziemer

Dänische Trainer

Neben vielen Spielern haben dänische Trainer den Spielbetrieb der SG geprägt. Der Erste war Anders Dahl-Nielsen, der später zum Team-Manager avancierte. Jan Paulsen war Assistent und zudem wiederholte Male als Spieler aktiv. Mit Kristian Gjessing hätte noch ein dänischer Spieler Einzug in die Annalen der SG halten sollen. Soweit ist es nie gekommen: Sein Vertrag wurde 2004 aufgehoben, noch bevor er nach Flensburg kam.

Im Sommer 2015 wechselten Rasmus Lauge und Henrik Toft Hansen zur SG und stellten damit einen neuen Rekord auf. Im Tor stand damals Kevin Møller. Flügelspieler waren Anders Eggert und Lasse Svan, Spielmacher Thomas Mogensen. Rasmus Lauge spielte im linken Rückraum, Anders Zachariassen und Henrik Toft Hansen waren Kreisläufer. Sieben Dänen zu Beginn der Saison – das war selbst für den Dänen-Klub schlechthin eine beeindruckende Zahl.

Drei Dänen

In der aktuellen Saison sind die Dänen zum ersten Mal seit langer Zeit in der Minderheit. Lasse Svan, Anders Zachariassen und Simon Hald sind die einzigen Dänen. Das junge Talent Mikkel Ebeling, übrigens mit Lars Christiansen verwandt, hat in jenen Spielen, in welchen er den von Verletzungen heimgesuchten Bundesliga-Kader verstärkt hat, zwar Akzente setzen können, doch mit vier Norwegern im regulären SG-Kader haben die Nachbarn aus dem hohen Norden die Führung übernommen. Die SG arbeitet an dieser Schieflage. Der Klub hat bereits Verträge mit Lasse Møller und Mads Mensah Larsen unterzeichnet, die im Sommer 2020 nach Flensburg wechseln.

Die Standortfaktoren

Warum fühlen sich die Dänen in Flensburg, in der SG so wohl? Auf sportlicher Ebene geht es um Titelkämpfe. Das passt zum Temperament der besten dänischen Handballspieler: Es ist ihr sportlicher Antrieb. Dann ist da die geografische Nähe zu Dänemark und damit zu Familie und Freunden, die man an einem freien Tag besuchen kann. Darüber hinaus ähnelt das Leben in Flensburg und Umgebung in vielerlei Hinsicht dem Leben in Dänemark. Nicht zuletzt, weil es die dänische Minderheit gibt.

Thomas Mogensen hat seine elf Jahre im Verein (2007-2018) genossen. Deutschland ist ihm in dieser Zeit ans Herz gewachsen – und zwar so sehr, dass er und seine Familie in Handewitt wohnen blieben, obwohl er 2018 wieder zu „Skjern Håndbold” in die dänische Liga wechselte.

„Die dänische Minderheit ist einzigartig. Wir sind dankbar, dass wir dazugehören”, hatte Thomas Mogensen vor einigen Jahren in seiner Rede am Lagerfeuer des Mittsommerfestes von „Hanved Ungdomsforening” gesagt. Was die Minderheit angeht, so betrachtet Mogensen sich und seine Familie als integriert. Daran ist der Familie sehr gelegen gewesen, und sie ist dankbar für die Aufnahme.

Der Handballspieler hebt die beiden Kulturen hervor, Mehrheit und Minderheit: Beide hätten ihre eigene Identität und würden einander akzeptieren, sich gegenseitig helfen und bereichern.

Fester Lebensmittelpunkt dank Tradition

„Das hat im Landesteil Tradition. Wir und unsere Kinder sind Teil dieser Tradition geworden. Mit einer solchen Grundlage von Zusammengehörigkeit und Traditionen haben wir einen guten und festen Lebensmittelpunkt. Dies wiederum ist eine gute Ausgangsposition für unsere weitere Entwicklung”, so Thomas Mogensen. Er hofft und wünscht, dass dieses Miteinander auch in Zukunft ein Quell der Inspiration ist.

100-prozentig integriert

„Wir sind einfach richtig gut integriert. Das gilt für mich als Handballspieler, aber auch für meine Familie”, erläutert Thomas Mogensen: „Für unsere Familie ist es mindestens ebenso wichtig, dass wir auch ein Leben außerhalb der Handballhalle haben – und Menschen, die uns einen sinnvollen Alltag außerhalb der Halle ermöglichen. Die Familie bedeutet mir alles. Auf sie konzentriere ich mich voll und ganz, wenn ich nicht auf dem Spielfeld bin. Handball ist seit so vielen Jahren ein wesentlicher Teil meines Lebens, aber nach der Geburt meiner Kinder haben sich die Prioritäten verschoben. Es ist schwer zu erklären, aber irgendwie entdeckt man, dass es auch andere wichtige Dinge im Leben gibt.”

26 dänische Spieler

26 Dänen haben im Laufe der Zeit bei der SG gespielt:
  • 1992-2001: Jan E. Jørgensen
  • 1993-1994: John Jacobsen
  • 1996-2001: Christian Hjermind
  • 1996-2010: Lars Christiansen
  • 1997-2000: Morten Bjerre
  • 1998-2001: Søren Haagen
  • 2000-2004: Lars Krogh Jeppesen
  • 2001-2008: Søren Stryger
  • 2001-02 & 2005-2008: Kasper Nielsen
  • 2001-2007: Joachim Boldsen
  • 2005-2014: Michael V. Knudsen
  • 2005-06: Simon Friis
  • 2006-2008 & 2009-2017: Anders Eggert
  • 2007-2018: Thomas Mogensen
  • 2009/02-2009: Jakob Thoustrup
  • 2008-2010: Lasse Johannsen
  • 2008-2011: Lasse Boesen
  • 2008-: Lasse Svan
  • 2010-2014: Søren Rasmussen
  • 2014/15: Kasper Kisum
  • 2014-2020 Anders Zachariassen
  • 2014-2018: Kevin Møller
  • 2015-2019: Rasmus Lauge
  • 2015-2018: Henrik Toft Hansen
  • 2017/08-2017/12: Rasmus Lind
  • 2018-: Simon Hald
  • 2019-2020: Mikkel Ebeling
  • 2020-: Mads Mensah Larsen
  • 2020-: Lasse Møller
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Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Papes Schattenspiele“