Leitartikel

„Lotsenfisch und Hai USA“

Lotsenfisch und Hai USA

Lotsenfisch und Hai USA

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
Nordschleswig
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Im Verhältnis zwischen Dänemark und den USA ist es wichtig, die Arbeitsteilung zu kennen. Die dänische Politik wird auch im Falle eines Wahlsieges von US-Präsidentschaftskandidat Biden mit Veränderungen der amerikanischen Politik gegenüber Europa rechnen müssen, meint Siegfried Matlok.

Nach jüngster Umfrage würden nur 6 Prozent der Dänen in den USA Präsident Trump wählen, auch weil viele naiv glauben, eigene Maßstäbe in Amerika ansetzen zu können. Die Realität ist eine andere, die Welt hat sich in den vergangenen vier Jahren unter Trump teilweise dramatisch verändert. Das gilt nicht zuletzt für das dänisch-amerikanische Verhältnis durch eine Verschiebung der Koordinaten. Nach einem kritischen Moment um den abgesagten Trump-Besuch in Dänemark wirkt es jedoch inzwischen meist wie ein harmonisches Paarlaufen. Die USA sind der sicherheitspolitische Garant für Dänemark, vor allem für Grönland: Nie zuvor ist diese strategische Erkenntnis so klar geworden wie unter Trump.

Als er den Vorschlag machte, die USA wolle Grönland kaufen, gab es heftigste Proteste. Nicht „gentlemanlike“ seine Art, einen Deal zu machen, doch das Interesse der USA bestand schon seit Jahrzehnten. Im Repräsentantenhaus schlug der republikanische Abgeordnete Hamilton Fish bereits 1940 (!) vor, US-Präsident Roosevelt zu ermächtigen, Dänemark 40 Millionen Dollar für den Kauf Grönlands anzubieten. Während der deutschen Besatzung Dänemarks hatte der damalige dänische Botschafter in Washington, Henrik Kauffmann, im April 1941 ohne Mandat seiner Regierung mit den Amerikanern ein Geheim-Abkommen vereinbart, das auf der ersten Sitzung (!) des dänischen Reichstages nach 1945, auch mit einer Huldigung an Roosevelt, nachträglich gebilligt wurde.

Erst vor wenigen Jahren wurde bekannt, dass der sozialdemokratische Staatsminister H. C. Hansen in den 50er Jahren Bevölkerung/Folketing hinters Licht geführt hatte, weil er streng geheim amerikanische Atomwaffen auf Grönland akzeptiert hatte – unter dem Druck des Kalten Krieges.

Nach 1990 herrschte zunächst US-Desinteresse, aber chinesische Aktivitäten und sogar eine atomare Aufrüstung der russischen Nordpol-Flotte haben die Amerikaner unter Trump wieder hellwach gemacht, zumal die seit 1951 bestehende „Thule Air Base“ neue raketenstrategische Bedeutung gewonnen hat.

Als die neu gewählte Staatsministerin Mette Frederiksen das Kaufangebot durch Trump als „absurd“ bezeichnete, reagierte der Präsident sehr verärgert und sagte einen bereits geplanten Dänemark-Besuch prompt ab. Die diplomatische Krise zwischen Washington und Kopenhagen wurde erst durch einen Telefonanruf von Mette Frederiksen im Weißen Haus bereinigt, nun war sie für Trump sogar eine „wunderbare Frau“.

Der pro-amerikanische Kurs hat sich in Kopenhagen seitdem deutlich fortgesetzt. Nicht nur auf Grönland, wo im Oberkommando der dänischen Arktis-Einheit in Nuuk kürzlich ein US-Konsulat eröffnet wurde. Und die aktivistische Trump-Botschafterin in Kopenhagen, Clara Sands, hat Grönland sogar ein ökonomisches Hilfspaket in Höhe von 83 Millionen Kronen offeriert. Natürlich mit klaren Absichten.

Kein Zufall, dass just am Donnerstag nach langjährigen Verhandlungen ein neues Service-Abkommen für Thule vereinbart wurde. Das wird auch in Moskau zur Kenntnis genommen, für den Kreml ist „Grönland ein politischer Teil Europas und nicht von Nordamerika“. Auch wenn sich die Dänen kein Hochspannungsgebiet auf Grönland wünschen, das Wettrennen der Großmächte um die Arktis hat längst begonnen.

Den gewachsenen US-Einfluss auf Dänemark beweist aktuell auch ein Fall des militärischen Nachrichtendienstes „FE“: Nach einem Skandal mit Ausläufer CIA bangt Kopenhagen nun um seinen Sonderstatus in der Zusammenarbeit der Geheimdienste mit den USA. Ob die Mehrheit der Dänen ihren Wunsch nach Biden erfüllt bekommt, ist höchst fraglich. Selbst Uffe Ellemann befürchtet, dass er mit seiner Prognose für Biden ebenso falsch liegen könnte wie vor vier Jahren für Hillary Clinton. Klar ist jedoch für die dänische Politik, dass sie auch unter Biden mit Veränderungen der amerikanischen Politik gegenüber Europa rechnen muss.

Dass die dänischen Exporte in die USA selbst unter Trump gewaltig gestiegen sind und mit 140 Milliarden Kronen Platz zwei einnehmen (hinter Deutschland mit 160 Milliarden), ist natürlich auch ein wichtiger Faktor in dem Verhältnis, das der außenpolitische Sprecher von Venstre, Michael Aastrup Jensen, bildhaft-drastisch so ausdrückte:
Dänemark ist der Lotsenfisch, die USA der Hai!

Man muss die Arbeitsteilung kennen: Der Pilot- und Lotsenfisch begleitet Haie, befreit diese von Hautschmarotzern und frisst Speisereste und Ausscheidungen.

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