Kulturkommentar

„Es geht voran – sehr, sehr langsam“

Es geht voran – sehr sehr langsam

Es geht voran – sehr sehr langsam

Claudia Knauer
Apenrade/Aabenraa
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Ein Kulturkommentar von Büchereidirektorin Claudia Knauer

Claudia Knauer ist Jahrgang 1961, lebt mit ihrem Mann in Apenrade (Aabenraa) und ist Direktorin der Büchereien der deutschen Minderheit in Nordschleswig. Sie war unter anderem stellvertretende Chefredakteurin beim „Nordschleswiger“ und schreibt seit Jahren weiterhin Gastbeiträge.

Die Zeiten, als Tove Ditlevsen von ihrem Vater zu wissen bekam: „Frauen können keine Dichter sein“ sind zum Glück lange vorbei. Die in den 20er Jahren in Kopenhagen aufgewachsene Schriftstellerin ist bis zu ihrem freiwilligen Tod mit 58 Jahren einen sehr steinigen Weg gegangen. Da ist es nur ein schwacher bis gar kein Trost, dass sie gerade jetzt in 16 Sprachen übersetzt wird und überall ihre Vorreiterrolle für andere Autorinnen gelobt wird.

Frauen als Autorinnen haben es seit einigen Jahren leichter. Nicht leicht. Während es im Arbeitsleben ein bereinigtes Gender Pay Gap – die wissenschaftlich gebräuchliche Bezeichnung für die unterschiedliche Bezahlung von Mann und Frau – von 2 bis 7 Prozent gibt, sind die Unterschiede im Literaturleben in puncto Aufmerksamkeit, Preise, Herausgabe und Rezensionen einer Studie der Universität Rostock zufolge immer noch viel eklatanter. Man(n) mag sagen: 2 bis 7 Prozent – so viel ist das nun auch nicht. Nein? Das deutsche Lebenseinkommen für Menschen mit Berufsausbildung beträgt um die 1,3 Millionen Euro, mit Abitur sind es 1,5 Millionen – da läppert sich die Summe. Zumal die Bereinigung besagt, dass herausgerechnet wurde, dass Frauen in Mutterschutz gehen, für die Kinderbetreuung zu Hause bleiben und eher Teilzeit arbeiten – der Familie zuliebe. Ist das gerecht?

Für den Literaturbetrieb liegen ähnliche Zahlen nicht vor, aber die Rostocker Studie von 2018 zeigt, dass auf zwei Rezensionen eines Buches von einem Mann eine des Werkes einer Frau kommt. Männer schreiben über Männer, Frauen aber auch. Die Rezensionen der Bücher von Männern sind in der Regel länger, sie sind im Fernsehen sichtbarer, Frauen allerdings hörbarer im Rundfunk. Fazit der Studie: Autoren und Kritiker dominieren den literarischen Rezensionsbetrieb. Was übrigens auch zu mehr Auszeichnungen führt: Es gab bisher 117 Literaturnobelpreise – sie gingen an 101 Männer und 16 (!) Frauen. Fairerweise muss man sagen, dass in den vergangenen Jahren mehrfach Frauen geehrt wurden – von Elfriede Jelinek über Herta Müller bis zu Louise Glück. Es geht voran – aber sehr, sehr langsam. Natürlich zählt die Qualität und nicht ob Frauke oder Franz als Autoren/innenname auf dem Cover steht. Aber die Verbreitung kann und wird gesteuert – sehr oft von Männern. Männer dominieren, weil sie immer schon da sind. Weil sie Männer nachziehen, mehr Macht haben und – in den allerschlimmsten Fällen – physisch stärker sind.

Frauen werden sich durchsetzen. Tove Ditlevsen hat den Weg beschritten, aber sie würde sich, fürchte ich, wundern, wie viel Luft noch um sie herum und wie lang die Straße zur Gleichberechtigung noch ist. Im dänischen Literaturkanon werden übrigens insgesamt 37 Autoren/innen genannt, die in den Schulen behandelt werden sollten – 4 davon sind Frauen.

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