75 Jahre „Der Nordschleswiger“

Bernstein per Fax ein guter Anfang für wunderbare Begegnung

Bernstein per Fax ein guter Anfang für wunderbare Begegnung

Bernstein per Fax ein guter Anfang für wunderbare Begegnung

Karin Friedrichsen
Karin Friedrichsen Journalistin
Apenrade/Aabenraa
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Redakteurin Marlies Wiedenhaupt im „Haus der Medien” in Apenrade Foto: Karin Riggelsen

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„Der Nordschleswiger“ wurde am 2. Februar 75 Jahre alt. Wir bringen im Laufe des Jubiläumsjahres eine Serie über uns selbst. In diesem Abschnitt erinnern sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an eine Arbeitsaufgabe, die einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen hat. Marlies Wiedenhaupt behält die Begegnung mit Netti Sehstedt in Erinnerung.

Marlies Wiedenhaupt ist seit 16 Jahren beim „Nordschleswiger“. Sie ist die Korrekturleserin des Webmediums der deutschen Minderheit. Die Dienstplanung ist so ausgelegt, dass der Redakteurin hin und wieder Zeit bleibt, neben der Tätigkeit im Korrektorat Interviews zu führen und Reportagen zu machen.

„Ich habe am Anfang noch mehr selbst geschrieben als jetzt. Das Korrekturlesen hat durch unseren Internet-Auftritt zugenommen. Jetzt habe ich nur noch ab und an Zeit, selbst zu schreiben“, sagt die Redakteurin. Bis „Der Nordschleswiger“ am 3. Februar 2021 digital wurde, war Marlies Wiedenhaupt zuständig für Sonderseiten und Beilagen, wie beispielsweise „Haus & Garten“, „Motor“ und „Konfirmation in Nordschleswig“. „Schulstart“, das jährliche Magazin des „Nordschleswigers“ zu den Einschulungen in den Einrichtungen des Deutschen Schul- und Sprachvereins für Nordschleswig (DSSV), gehörte außerdem zu ihrem Tätigkeitsbereich.

Der Artikel zum 90. Geburtstag von Netti Sehstedt weckte das Interesse von Marlies Wiedenhaupt. Foto: Karin Riggelsen

Geburtstagsartikel weckte Interesse

„Mit Netti Sehstedt fing es so an, dass ich einen Text zu ihrem 90. Geburtstag Korrektur gelesen habe. Da war sie mir schon sehr sympathisch“, erinnert sich Marlies Wiedenhaupt. In dem Artikel, den 2010 eine Journalistin der Lokalredaktion in Tingleff (Tinglev) verfasst hatte, wurde der spannende Lebenslauf von Netti (Annette) Sehstedt († 2017) aus Groß-Jündewatt (Store Jyndevad) beschrieben.

Die aktive Minderheitendeutsche und dreifache Mutter hatte eine abwechslungsreiche Karriere als Lehrerin, Schulleiterin und Reisebusunternehmerin. Es wurde auch deutlich, dass sie ihre offensichtliche Lebensfreude und eine gewisse Forschheit und Frechheit im hohen Alter bewahrt hatte. Das, was aber auch Marlies Wiedenhaupts Interesse geweckt hatte, war Netti Sehstedts Leidenschaft für Bernstein.

„In dem Text stand, dass sie von Bernstein schwärmt. Seit sie einmal auf Röm einen großen Stein gefunden hatte, war sie ganz besessen von Bernstein. Das hat mich sehr angesprochen“, verrät Marlies Wiedenhaupt. Sie ist begeistert von dem Material und hat früher so manchen Urlaub damit verbracht, Bernstein zu suchen. „Ich mag selten den Schmuck, den man kaufen kann. Aber ich finde es schön, Bernstein am Strand zu suchen und zu finden“, verrät Wiedenhaupt.

Der schwarze Fleck auf dem Fax von Netti Sehstedt veranschaulichte die Größe ihres Bernsteins. Foto: Karin Riggelsen

Bernstein ein Thema für „Lieblingsstücke“

Die Artikelserie „Lieblingsstücke“ war eine Zeit lang Teil der „Haus & Garten“-Seiten. Marlies Wiedenhaupt hatte sich bereits bei der Korrektur des Geburtstagsartikels Netti Sehstedt als mögliche Interviewpartnerin für die Serie vorgemerkt. „Im Frühjahr 2011 habe ich sie einfach auf Verdacht hin angerufen. Vielleicht ist ihr Lieblingsstück Bernstein. Und siehe da, es hat funktioniert.“

Vorgeschmack auf Prachtexemplar

Es wurde vereinbart, dass Marlies Wiedenhaupt nach Groß-Jündewatt kommen sollte. Noch vor dem ersten persönlichen Treffen schickte Netti Sehstedt ein Fax in die Hauptredaktion des „Nordschleswigers“ in Apenrade. Um Marlies Wiedenhaupt einen kleinen Vorgeschmack auf ihr Lieblingsstück zu geben, hatte die damals knapp 91-Jährige kurzerhand ihren prächtigen Bernstein auf das Faxgerät gelegt und auf Senden gedrückt.

Im Frühjahr 2011 habe ich sie einfach auf Verdacht hin angerufen. Vielleicht ist ihr Lieblingsstück Bernstein. Und siehe da, es hat funktioniert.

Marlies Wiedenhaupt, Redakteurin

Weißes Blatt Papier mit schwarzem Fleck in der Mitte

„Auf den ersten Blick war es ein weißes Blatt Papier mit einem großen, ovalen, schwarzen Fleck in der Mitte“, erinnert sich Marlies Wiedenhaupt. Nach dem Telefonat hatte Netti Sehstedt ihr Kleinod per Fax in die Redaktion „gespült“, um der Redakteurin eine Vorstellung von der Größe des Steins zu geben. Auf zwei Seiten schrieb Sehstedt darüber, wie sie den etwa 100 Gramm schweren Stein auf Röm (Rømø) gefunden hatte.

Mit dieser Aktion hatte Netti Sehstedt ein weiteres Mal Marlies Wiedenhaupts Sympathie gewonnen. „Auf den zweiten Blick war das Fax nicht nur ein Ausdruck auf A4, sondern zugleich ein Ausdruck von Fantasie, Kreativität, Entschlossenheit und Witz. Da hatte sie mein Herz im Grunde genommen schon gewonnen. Durch die Liebe zum Bernstein war sie eine Seelenverwandte“, sagt Marlies Wiedenhaupt.

Marlies Wiedenhaupts erster Artikel mit Netti Sehstedt erschien am 26. März 2011. Foto: „Der Nordschleswiger"

Gedichte ausgetauscht

Die beiden Frauen kamen auch ins Gespräch über Gedichte. „Netti Sehstedt hat auch selbst Gedichte über Vögel und Natur geschrieben. Ich bin nicht jemand, der andauernd Lyrik liest. Aber Ringelnatz und Rilke, die haben es mir schon angetan. Wir haben dann per Post auch ein paar Mal Gedichte ausgetauscht“, erinnert sich Marlies Wiedenhaupt an den guten Draht zu Netti Sehstedt.

Im März 2014 besuchte Marlies Wiedenhaupt erneut die alte Dame. Hier ein Auszug aus der Artikelserie „Haus & Garten". Foto: „Der Nordschleswiger"

Hilfsmittel nutzen im Alltag

Marlies Wiedenhaupt schaute auch schon mal ohne dienstliche Verpflichtungen zum Kaffeetrinken bei der Seniorin vorbei. 2014, als Netti Sehstedt auf die 94 zuging, erfuhr die Redakteurin, dass die Groß-Jündewatterin fast erblindet war und nur noch über fünf Prozent Sehkraft verfügte.

Ihrer schweren Behinderung zum Trotz war es ihr wichtig, selbstständig zu bleiben. Die willensstarke und energische Seniorin gestaltete ihren Alltag mit Hilfsmitteln. Eine sprechende Uhr und Küchenwaage sowie ein Staubsauger-Roboter waren einige der technischen Arbeitsgeräte, die die aktive alte Dame benutzte, um sich selbst und ihre Tiere zu versorgen. Das Familienunternehmen betrieb sie zusammen mit den Söhnen Ralf und Paul sowie der Tochter Maria.

Drang zur Selbstständigkeit imponierte

Marlies Wiedenhaupt war beeindruckt davon, dass ihre Selbstständigkeit der Groß-Jünderwatterin so wichtig war. In einer Reportage gewährte sie den Lesern des „Nordschleswigers“ im Frühjahr 2014 einen Einblick in den Alltag von Netti Sehstedt. Auslöser für die Sehbehinderung war ein neues Medikament gewesen, das Netti Sehstedt aufgrund ihres Herzschrittmachers verschieben bekommen hatte.

Ein Hund, fünf Katzen, vier Hühner und ein Hahn

Netti Sehstedt kümmerte sich trotz ihres hohen Alters und ihrer Sehbehinderung um einen Hund, fünf Katzen, vier Hühner und einen Hahn. Das Futter und zwei Eimer Wasser lud sie jeden Morgen auf ihren Rollator und versorgte dann ihre Tiere, berichtete Marlies Wiedenhaupt. „Das fand ich sehr beeindruckend“, sagt Marlies Wiedenhaupt.

Was sie besonders berührte, war die Tatsache, dass Netti Sehstedt im hohen Alter Zukunftspläne schmiedete und in Zusammenarbeit mit ihren Söhnen Ralf und Paul in dem Erinnerungsbuch „Lichtblicke“ kleine Geschichten und Gedichte veröffentlichte.

Ein bleibendes Andenken an Netti Sehstedt: Die Söhne der verstorbenen Groß-Jündewatterin haben der Redakteurin Schneeglöckchenzwiebeln aus dem Garten der Seniorin geschenkt. Foto: Paul Sehstedt

Abschied in der Kirche zu Buhrkall

Netti Sehstedt verstarb Ende November 2017. Bei der Trauerfeier in der Kirche zu Buhrkall (Burkal) war Marlies Wiedenhaupt unter den Trauergästen. Der Redakteurin war es ein Herzensanliegen, sich von Netti Sehstedt zu verabschieden. „Man hat sich immer willkommen gefühlt bei ihr“, unterstreicht Wiedenhaupt, die freundschaftliche Bande zu einem weiteren Senior aus der Minderheit knüpfte. Mit Hans Christensen (93) aus Jeising (Jejsing) machte Wiedenhaupt zwei Artikel, die ihr auch immer in Erinnerung bleiben werden. Im „Nordschleswiger“ stellte die Redakteurin Christensens große Vogeltränke und eine geschichtsträchtige Topografie über Schleswig-Holstein vor.

Stationen aus dem Leben von Marlies Wiedenhaupt

Marlies Wiedenhaupt wurde im Dezember 1956 in Husum geboren. Nach der Lehre zur Apothekenhelferin zog sie nach Berlin, machte dort Abitur am Berlin-Kolleg und studierte Publizistik (Schwerpunkt Journalismus) und Spanisch. Nach 20 Jahren Großstadtleben zog sie zurück nach Husum und arbeitete nach einem Volontariat beim Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag als Redakteurin bei den Husumer Nachrichten. Seit 2005 ist sie Redakteurin beim „Nordschleswiger”. Sie lebt in Husum. Die Redakteurin ist auch Autorin. Wiedenhaupt veröffentlichte 2016 das Buch „Stine - Das Leben der Husumer Bäuerin Anneline Petersen".

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