Migrationsgeschichte

Von Ostpreußen nach Dänemark

Von Ostpreußen nach Dänemark

Von Ostpreußen nach Dänemark

Dr. Wilfried Lagler
Apenrade/Aabenraa
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Deutsche Flüchtlinge kommen in Dänemark an. Foto: Sven Gjørling/Ritzau Scanpix

Vor 70 Jahren verließen die letzten deutschen Flüchtlinge die Lager in Dänemark.

Die Besetzung des neutralen Königreichs Dänemark durch die deutsche Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs in den Jahren von 1940 bis 1945 gehört zu den unerfreulichsten Abschnitten der deutsch-dänischen Beziehungen und zu den lange nachwirkenden Belastungen der jüngeren dänischen Geschichte.

Am Ende des Krieges befanden sich um die 300.000 Wehrmachtsangehörige und andere Deutsche auf dem so gut wie unversehrten dänischen Staatsgebiet, an deren rascher Rückführung der Regierung in Kopenhagen sehr gelegen war.

Hinzu kam die Auseinandersetzung mit der kleinen deutschen Minderheit in Nordschleswig; viele ihrer Angehörigen hatten sich als Anhänger der nationalsozialistischen Ideologie gezeigt und mit der Besatzungsmacht kollaboriert.

Sie und andere reichsdänische Kollaborateure unterlagen deshalb einer besonderen rückwirkenden Strafverfolgung („Retsopgøret“), die bald nach Kriegsende einsetzte, nicht zuletzt auf Druck der starken dänischen Widerstandsbewegung.

Deutsche Flüchtlinge aus Schlesien auf dem Weg nach Dänemark Foto: Polfoto/Ritzau Scanpix

Letztere besaß anfangs einen sehr starken Einfluss auf die dänische Innenpolitik der Nachkriegszeit.

Sehr verschärft wurde die innere Situation des kleinen Landes, das durch die deutsche Besatzung zwar in vielerlei Hinsicht belastet, aber doch weitgehend glimpflich davongekommen war, durch den ab Februar 1945 plötzlich eintretenden Zustrom von fast 400.000 deutschen Flüchtlingen und Evakuierten aus den deutschen Ostgebieten.

Auf Anordnung der Reichsregierung wurden sie bis zum Kriegsende und der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 mit über 100 verschiedenartigen deutschen oder im besetzten Ausland beschlagnahmten Schiffen im Pendelverkehr vor den immer weiter nach Westen vorrückenden sowjetischen Truppen über die Ostsee in die sicheren dänischen Häfen gebracht.

Auf diese Weise gelangten ca. 25 Prozent aller aus dem Osten Deutschlands evakuierten Menschen nach Dänemark, von denen aber ein größerer Teil in den kommenden Wochen bis zur Kapitulation Deutschlands über die Grenze nach Süden weitergeleitet wurde.

Jüdische Flüchtlinge kommen 1945 im Flüchtlingslager in der Nähe von Pattburg an. Foto: Hakons Nielsen/NF/Ritzau Scanpix

Innerhalb kurzer Zeit und ohne Vorbereitung standen die dänischen Einrichtungen vor dem Problem der Unterbringung und Versorgung von gut 250.000 obdach- und heimatlos gewordenen Deutschen vor allem aus Ostpreußen und Ostpommern, die zumeist auf äußerst abenteuerliche Weise in diesen Wintermonaten über das Meer in ein ihnen fremd vorkommendes, jedoch unzerstörtes Land gelangt waren.

Nicht für alle Geflüchteten war der Weg über das Meer eine sichere Rettung. Manche Kranken, Alten, Kinder und Verwundeten erreichten ihr Ziel Dänemark nur noch als Tote, einige Schiffe wurden von alliierten Luftstreitkräften während der Fahrt auf der Ostsee beschossen, liefen auf Minen und sanken.

Etwa 20.000 Menschen kamen bei der Flucht über die Ostsee ums Leben. Unvergessen bleibt etwa das Schicksal des Schiffes „Wilhelm Gustloff“, das zu einem Massengrab für etwa 4.000 Menschen wurde. Bei der Versenkung des Schiffes „Goya“ fanden 5.900 Menschen den Tod.

In Dänemark mit einer Einwohnerzahl von 4,045 Millionen Menschen entsprach die Zahl der hier gestrandeten Deutschen aus dem Osten etwa fünf Prozent der gesamten Bevölkerung.

Zwar hatte sich Dänemark (wie auch das Nachbarland Schweden) während des Dritten Reiches als ein wenigstens vorübergehend sicherer Zufluchtsort für einige Tausend deutsche Exilanten (darunter viele Schriftsteller, Intellektuelle und Politiker) gezeigt.

Baracken für deutsche Flüchtlinge in Kløvermarken Foto: Poul Petersen/Ritzau Scanpix

Jedoch erscheint das Bestreben der Verantwortlichen in Dänemark angesichts der sehr großen Zahl von Ostflüchtlingen mehr als verständlich, dass diese ungebetenen Gäste ihr Land baldmöglichst wieder verließen.

Hierzu kam es allerdings für einen Zeitraum von vier Jahren nicht. Nach der Kapitulation Deutschlands und der Einteilung in vier Besatzungszonen wurde die deutsch-dänische Grenze für die Geflüchteten geschlossen.

Die in Norddeutschland verantwortliche britische Besatzungsmacht ließ eine Umsiedlung der nach Dänemark Geflüchteten trotz wiederholter Interventionen der Regierung in Kopenhagen vorerst nicht zu.

Nach der Potsdamer Konferenz im Juli/August 1945 war dies ohnehin nur im Einvernehmen aller vier Siegermächte möglich.

Noch 1950 machten allein die im angrenzenden Schleswig-Holstein lebendenden Vertriebenen mit 1,15 Mio. Menschen 69 Prozent der Gesamtbevölkerung aus; das Verhältnis zwischen Einheimischen und Flüchtlingen war äußerst gespannt. Eine Umsiedlung von etwa 400.000 Personen in andere Bundesländer wurde erst im Laufe der 1950er Jahre möglich.

Die Deutschen ziehen im Dezember 1945 ins Flüchtlingslager Kløvermarken ein. Foto: Scanpix Danmark

17.209 deutsche Flüchtlinge starben in den ersten Nachkriegsjahren in Dänemark, vor allem Alte und Kranke. Zwei Drittel der nach Dänemark Geflüchteten waren Frauen, unter diesen ein hoher Anteil junger Frauen, außerdem viele Kinder im Alter unter 14 Jahre.

Neben der Versorgung der Kranken, der Gesundheitsvorsorge und der schulischen Betreuung der Kinder und Jugendlichen war die ordnungsgemäße Registrierung und Entnazifizierung, die Familienzusammenführung (viele Flüchtlingsfamilien waren während der Flucht oder in den ersten Monaten ihres Aufenthalts in Dänemark auseinandergerissen worden) und die Betreuung der Kinder, die ihre Eltern verloren hatten, eine sehr große Herausforderung für die Behörden und freiwilligen Helfer.

Die Kontaktaufnahme der Flüchtlinge mit ihren Angehörigen in den deutschen Besatzungszonen oder anderen Ländern stellte sich als sehr schwierig dar; manche Familien in Deutschland wussten lange Zeit gar nichts vom Verbleib ihrer Angehörigen in Dänemark.

Suchdienste arbeiteten deshalb auf Hochtouren. Eine Fraternisierung zwischen den Lagerinsassen und der einheimischen Bevölkerung war verboten; dennoch kam es in einzelnen Fällen sogar zu Eheschließungen und gemeinsamen Kindern.

Kopenhagen 1945: Deutsche Flüchtlinge stehen Schlange. Foto: Scanpix Danmark/Scanpix DBD

In den Lagern konnte sich unter den Bewohnern mit der Zeit ein bemerkenswertes Kulturleben entfalten.

Von 1945 bis 1948 erschien regelmäßig eine Zeitung für die Lagerinsassen, die „Deutschen Nachrichten“. Bestrebt war die dänische Seite außerdem, wirksame Maßnahmen zu einer demokratischen politischen Bildung („Reeducation“) zu ergreifen, wie sie auch in den drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands mit mehr oder minder großem Erfolg betrieben wurde.

Erst ab 1947 und nur in einzelnen Schüben war eine Rückführung in die vier Besatzungszonen und nach Berlin in größerem Umfang möglich; eine große logistische Aufgabe für die Dänen. Vor 70 Jahren schließlich, im Januar und Februar 1949, konnten die letzten 2.365 Deutschen endlich die Flüchtlingslager in Richtung Deutschland verlassen.

Damit war fast vier Jahre nach Kriegsende ein ganz besonders denkwürdiges Kapitel der dänischen Nachkriegsgeschichte und darüber hinaus vieler einzelner Flüchtlingsschicksale abgeschlossen.

Auch wenn es im Einzelnen viele Misshelligkeiten und manche Feindseligkeiten gegenüber den Deutschen von Seiten der einheimischen Bevölkerung gab, stellt doch die Versorgung und Betreuung dieser großen Zahl von deutschen Flüchtlingen eine bewundernswerte und nicht hoch genug einzuschätzende Leistung von Staat, Kirche und Gesellschaft Dänemarks dar, die heute in der deutschen Öffentlichkeit nahezu in Vergessenheit geraten ist.

Ohne die Flucht und Unterbringung in unserem nordischen Nachbarland hätten vermutlich viele Menschen das Nachkriegselend nicht überlebt. Sie wurden – im Ganzen betrachtet – besser behandelt als man es unter Berücksichtigung der vorangegangenen Zeit der deutschen Besatzung eigentlich erwartet haben würde.

1945 waren deutsche Flüchtlinge in der „General Motorssamlefabrik“ im Südhafen von Kopenhagen untergebracht. Foto: Erik Petersen/Ritzau Scanpix

Nach Verhandlungen mit der dänischen Regierung hat sich die Bundesregierung auf Grund eines 1953 geschlossenen Abkommens zu einer Ausgleichszahlung von 160 Mio. dänischen Kronen in 20 Zahlungsraten bereit erklärt (dies dürfte in etwa einem Betrag von 95 Mio. DM entsprochen haben), wobei man in Dänemark allerdings von viel höheren Kosten im Umfang von 430 Mio. Kronen ausging, ein Betrag, der sich sicher nur mit großen Schwierigkeiten exakt berechnen ließ.

Solange die Frage der Rückführung der Flüchtlinge nach Deutschland in der Schwebe blieb, lehnte es die dänische Regierung ab, ein von der Regierung in London erbetenes und grundsätzlich von Dänemark, das von den Alliierten zu den Siegermächten gezählt wurde, zugesagtes Truppenkontingent zur Unterstützung der britischen Soldaten in ihre Besatzungszone in Norddeutschland zu entsenden.

Erst im April 1947 brachte Dänemark ein Truppenkontingent von etwa 4.000 Soldaten („Den Danske Brigade i Tyskland“) zur Stationierung in der Britischen Zone auf den Weg, die bis zu ihrem Abzug im Jahre 1958 in wechselnder Besetzung und bald auch in reduziertem Umfang zunächst an verschiedenen Standorten in Ostfriesland, später in Holstein Dienst taten.

Auch dieser militärisch-polizeiliche Dienst Dänemarks (hinzu kam ein etwa gleich großes Kontingent norwegischer Soldaten, die in den Jahren von 1947 bis 1953 anfangs im Harzgebiet, dann in Schleswig-Holstein stationiert waren) ist in Deutschland so gut wie vergessen.

Der Verfasser hat 1981 in Kiel über die Minderheitenpolitik der schleswig-holsteinischen Landesregierung nach 1945 promoviert und war bis 2019 an der Universitätsbibliothek Tübingen tätig.

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