Gesundheitswesen

Mit dem Taxifahrer als Übersetzer

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swa/jt
Nordschleswig
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Foto: dpa (Symbolfoto)

Wer nach drei Jahren im Land die Sprache nicht ausreichend kann, muss seit drei Monaten den Dolmetscher selbst bezahlen. Ein solches Gesetz trifft die schwächsten Bürger in der Gesellschaft, meint der Vorsitzende des Vereins der praktizierenden Ärzte in Süddänemark.

Wie genau zeigen sich die Symptome? Welcher Zahn tut weh und welche Vorgeschichte bringt der Patient mit? Beim Arztbesuch ist die Kommunikation miteinander unerlässlich, ist jedoch wegen fehlender Dänischkenntnisse nicht immer möglich. Seit dem 1. Juli gilt die Regel: Wer nach drei Jahren Aufenthalt in Dänemark die Sprache nicht ausreichend beherrscht, muss die Kosten für einen Dolmetscher beim Arztbesuch selbst tragen. Für den Besuch beim Zahnarzt gilt die Regel schon seit langem.

Drei Monate später sind die Ärzte am Verzweifeln. Anstatt einen Dolmetscher zu bezahlen, der zwischen 197 und 1.675 Kronen kosten kann, greifen die Patienten lieber auf Angehörige, Freunde, Google Translate und sogar auf Taxifahrer zurück, um sich in der Praxis oder im Krankenhaus verständigen zu können. „Es ist absolut grenzüberschreitend, bei einem Arzt oder Zahnarzt zu sein, den man nicht versteht“, sagt der Vorsitzende des Zahnarztvereins Tandlægeforeningen, Freddie Sloth-Lisbjerg. „Aber ist ist auch unangenehm für denjenigen, der die Behandlung durchführt. Man stelle sich vor, ein Patient liegt auf dem Behandlungsstuhl und hat etwas Angst vor der Behandlung. Und er versteht nicht, was du tust oder was nun geschehen wird“, so Sloth-Lisbjerg.

Zwar müssen Kinder und Schwerkranke nichts für einen Übersetzer bezahlen, weder beim Arzt noch beim Zahnarzt. Doch die Befürchtung, dass eine Gruppe von Menschen aus dem Gesundheitssystem fällt, ist real, sagt er. „In Dänemark haben wir ein Wohlfahrtssystem. Das bedeutet meiner Meinung nach, dass man sich um die Schwächsten kümmert und um die, die es selbst nicht können. Wenn man nicht versteht, was im Gesundheitswesen vor sich geht oder in einer Arztpraxis, wo es um Leben oder Tod geht, ist das besorgniserregend.“

Venstres Sprecherin für Gesundheit, Jane Heitmann, will an der Bezahlregel festhalten. „Wenn man drei Jahre oder länger in Dänemark gelebt hat, hat man Sprachunterricht erhalten. Hat man darüber hinaus ein Funktionsniveau, das es einem ermöglicht, sich eine neue Sprache anzueignen, darf man die Forderung stellen, dass man die Sprache nach drei Jahren spricht. Und wenn nicht, muss man selbst bezahlen.“

„Das Gesundheitssystem wird dazu missbraucht, ausländerpolitische Signale zu senden“

Der Vorsitzende des Vereins der praktizierenden Ärzte in Süddänemark, Jørgen Skadborg, kennt die Problematik des Dolmetscher-Gesetzes. Gegenüber dem Nordschleswiger erklärt er, dass ein solches Gesetz die schwächsten Bürger in der Gesellschaft treffe. „Viele meiner Kollegen erleben, dass minderjährige Familienangehörige als Dolmetscher beispielsweise ihre Eltern begleiten. Aber genau das wollen wir ja nicht“, so Skadborg und ergänzt: „Meiner Meinung nach wird das Gesundheitssystem dazu missbraucht, ausländerpolitische Signale zu senden.“ Er selbst habe Patienten, die aufgrund ihres gesundheitlichen Zustandes nicht in der Lage seien, ein korrektes Dänisch zu erlernen. „Dann wird auch vom Gesetz abgesehen und die betroffenen Personen bekommen einen Dolmetscher gestellt.“

Das gilt laut dem neuen Gesetz ausdrücklich bei Bedarf auch für Angehörige der deutschen Minderheit, was Skadborg nicht bekannt war: „Ich freue mich, dass die Minderheit diesen besonderen Status hat. Doch das gilt nicht für alle in der Gesellschaft.“

Hans Iver Kley, Arzt in der Ärztepraxis in der Nørregade in Hadersleben, kennt den Sonderstatus der Minderheit, habe aber noch nie davon gehört, dass jemand sich darauf berufen hätte. Wie Skadborg erlebt auch er, dass Minderjährige, um Geld zu sparen, als Begleitpersonen bei Ärztebesuchen auftauchen. „Weil Konsultationen mit Übersetzern länger dauern, bekommen Ärzte Zuschüsse für diese. Doch das gilt nur für anerkannte Dolmetscher und nicht für Familienangehörige“, so Kley, der die Politik hinter dem Gesetz kritisiert. Ärzte müssten ihretwegen mehr Zeit für weniger Geld investieren, meint er.

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