Kulturszene

Poetry Slam: Literarisch über Grenzen verbunden

Poetry Slam: Literarisch über Grenzen verbunden

Poetry Slam: Literarisch über Grenzen verbunden

Nele Dauelsberg
Flensburg
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Anna Chiara Steffen (l.) und Anna-Maria Śliwowska (r.) halten das Projekt für einen Erfolg. Foto: Nele Dauelsberg

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Worte und Sprache verbinden – das war das Motto des ersten deutsch-dänischen Poetry-Slam-Workshops mit Schülerinnen und Schülern. Mit professionellen Slammerinnnen und Slammern lernten Jugendliche aus deutschen und dänischen Schulen, Texte über Themen zu schreiben, die sie beschäftigen. Dabei lernten sie auch einiges über sich selbst.

Mit den Profis auf die Bühne treten – das konnten die Schülerinnen des Deutschen Gymnasiums für Nordschleswig (DGN), Anna Chiara Steffen und Anna-Maria Śliwowska vergangenen Dienstagabend in der Kulturwerkstatt Kühlhaus in Flensburg. Denn dort fand das Abschlusshighlight des zweitägigen Poetry-Slam-Workshops statt.

Insgesamt 80 Schülerinnen und Schüler der Haderslev Katedralskole, der A. P. Møller Skole in Schleswig, des Berstorff-Gymnasiums in Satrup und des DGN nahmen an diesem Projekt teil.

Erfolgreicher Workshop

„Man konnte sich wirklich frei entfalten“, erzählt Anna Chiara Steffen von dem Workshop. Sie und Śliwowska schrieben zum ersten Mal einen Poetry-Slam und waren direkt begeistert.

Anna Chiara Steffen steht mit ihrem eigenen Text auf der Bühne. Ihre Lehrerin hatte sie dafür vorgeschlagen, weil sie wusste, dass die Schülerin gerne schreibt. Foto: Uffe Iwersen

Der dänische Slammer Peter Dyreborg und der deutsche Björn Högsdal haben ihre Gruppe im Workshop begleitet. „Wir haben auf Englisch geredet, aber unsere Texte gegenseitig übersetzt“, so Śliwowska. Denn in ihrer Gruppe saßen sowohl dänische als auch deutsche Schülerinnen und Schüler.

„Wenn man das Sprachliche nicht versteht, dann soll man den Text fühlen. Das hat Björn immer gesagt“, erklärt Steffen und räumt ein, dass ihr Dänisch nicht so gut sei, aber allein Betonung, Gestik und Mimik der anderen ihr gefielen. Auch im Präsentieren ihrer Slams bekamen die Jugendlichen Hilfe von den Profis.

Wir hatten insgesamt viele ernste Texte, aber auch einige lustige.

Anna Chiara Steffen

Begonnen hat der Workshop jedoch mit einigen Schreibimpulsen. „Wir sollten erst einen Brief an Corona schreiben und andere Übungen machen, um erst mal reinzukommen“, erzählt Anna-Maria Śliwowska. Danach beschäftigten sie sich mit eigenen Texten. Dabei stand es den Schülerinnen und Schülern ganz frei, worüber sie schreiben.

„Alle haben am Ende vorgelesen, und das Feedback war immer gut!“, so Anna Chiara Steffen. Die beiden Schülerinnen erzählen, dass jede und jeder beim Schreiben motiviert wurde und alle gute Laune hatten. Doch beim Abschluss-Slam traten trotzdem nur wenige auf, um das Abendprogramm nicht zu sehr auszuweiten.

Körperbildstörung im Mittelpunkt

„Mein Text handelt von Body Dysmorphic“, erklärt Anna-Maria Śliwowska. Damit meint sie eine Körperbildstörung, bei der von Betroffenen einzelne Körperteile als extrem hässlich empfunden werden, sodass Zwänge entstehen.

Die Schülerin leidet selbst darunter und wollte auf die Thematik aufmerksam machen, denn vielen Menschen geht es ähnlich. „Mir persönlich hat es geholfen, den Text vorzutragen“, erzählt sie und ist froh über die viele positive Kritik.

Anna-Maria Śliwowska freut sich, dass viele andere Jugendliche sich mit ihrem Text identifizieren konnten. Sie selbst hatte schon als Kind mit Body Dysmorphic zu kämpfen. Foto: Nele Dauelsberg

„Als Björn meinen Text gelesen hatte, meinte er, ich müsse den unbedingt auch vortragen. Aber nur, wenn ich es auch möchte. Ich war ganz überrascht, weil ich eigentlich dachte, mein Text wäre gar nicht so gut“, erzählt sie. Erst war sich die Schülerin nicht sicher, aber nachdem sie die anderen in ihrer Gruppe bestärkt hatten, entschied sie sich für den Auftritt.

Jetzt ist sie froh über den Entschluss. „Mein Highlight war sogar mein Auftritt“, erzählt Śliwowska.

Poetry-Slam

Poetry-Slam ist ein literarischer Wettbewerb, bei dem die Slammerinnen und Slammer einen selbst geschriebenen Text vortragen. Dieser kann lyrischer Form sein, eine Kurzgeschichte oder Quatsch. Anschließend werden sie von einer Jury nach einem Punktesystem von 1 bis 10 oder anhand von Applausstärke bewertet.
Häufig gibt es noch weitere Regeln für den Auftritt. Dazu gehören eine vorgeschriebene Höchstdauer (meistens etwa sechs Minuten), es dürfen keine Accessoires verwendet werden, es darf und nicht gesungen werden. Dies kann jedoch von Veranstalter zu Veranstalter abweichen.

Achtung, Fahrschulauto!

Anna Chiara Steffen ging mit ihrem Text in eine ganz andere Richtung als Śliwowska. Humorvoll huldigte sie ihren Führerschein. „Die Message meines Textes ging an erfahrene Fahrer, mehr Rücksicht auf Anfänger zu nehmen“, erzählt sie.

Anna Chiara Steffen war schon vor dem Auftritt in der Kulturwerkstatt Kühlhaus auf der Bühne, weil sie in ihrer Freizeit Theater spielt. Außerdem schreibt die Schülerin gerne und wurde deshalb auch von ihrer Lehrerin vorgeschlagen, ihren Slam zu präsentieren. Foto: Nele Dauelsberg

Sie beschrieb Situationen, in die sich jede Fahrschülerin und jeder Fahrschüler hineinversetzen kann. „Am Ende meines Auftritts kam ein deutscher Schüler zu mir und meinte nur: ‚Ich fühle deinen Text richtig!‘ Das fand ich am schönsten“, erzählt sie froh.

Ein Video von ihrem Slam hat sie sogar ihrem Fahrlehrer geschickt. „Er hat sich voll gefreut und meinte, es sei eine große Ehre.“

Spannende Mischung an Texten

„Wir hatten insgesamt viele ernste Texte, aber auch einige lustige“, erklärt Anna Chiara Steffen. Die beiden Schülerinnen erzählen von einer Slammerin, die über Suizide sprach und von einem anderen Schüler, der sich mit Witz über Menschen beschwerte, die Ananas auf Pizza legten.

Anna-Maria Śliwowska hat für ihren Text sehr viele Komplimente bekommen. „Viele haben sich gewundert, dass ich Body Dysmorphic leide, weil das niemanden wirklich aufgefallen ist“, erklärt die Schülerin. Foto: Uffe Iwersen

„Die Mischung war ganz gut“, erzählte Anna-Maria Śliwowska. „Es kamen immer ein lustiger und ein ernsthafter Text abwechselnd. So ist die Stimmung nicht gekippt.“

Gelungenes Projekt

Insgesamt haben sich die beiden Schülerinnen gefreut, dass sie Teil dieses Projekts sein konnten. „Ich denke, dass man viel über sich selbst erfährt, wenn man auf eine Bühne geht“, erzählt Anna Chiara Steffen und hofft, dass sie bald wieder mit einem eigenen Text auftreten kann.

Doch auch das Menschliche hat den beiden sehr gefallen. „Vor dem Auftritt sind wir gemeinsam die Texte noch mal durchgegangen und haben uns Tipps gegeben“, so Anna-Maria Śliwowska. Alle haben sich gegenseitig unterstützt und motiviert. Dabei spielte keine Rolle, von welcher Seite der Grenze die Schülerinnen und Schüler kamen.

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