100 Jahre nach Kriegsende

Opas Alltag im Weltkrieg: „Nebelposten. Herzschuss.“

Sara Wasmund
Sara Wasmund Hauptredaktion
Apenrade/Aabenraa
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Gustav Christiansen Schmidt in Uniform. Foto: privat/swa

Erika Knudsen hat die Kriegstagebücher ihres Großvaters aus dem Ersten Weltkrieg abgetippt und aufbewahrt.

Es sind Briefe und Tagebücher, die das Grauen des Ersten Weltkrieges ungefiltert ins Hier und Heute tragen.
100 Jahre nach dem Ende eines europäischen Albtraums hält Erika Knudsen die Tagebücher ihres Großvaters Gustav Christiansen Schmidt in den Händen.

„Das ist meine Erinnerungs-Schatzkiste“, sagt sie und greift hinein in die Vergangenheit. Zieht Tagebuchaufzeichnungen, Dienstausweise, Orden und Marschbefehle ihres Großvaters daraus hervor und legt sie auf die Tischdecke.

Am 20. November 1915 tritt Christiansen Schmidt als Landsturmmann in das stehende Heer ein. Drei Jahre sollten es werden, bis zur Entlassung.

6. Juli 1917

Ruhe. Nachmittag zwischen 4 u. 5 Uhr. Kamerad Pikartz durch eine feindl. Kugel getroffen während Ausübung seines Dienstes. Nebelposten. Herzschuss.

Der Tod , er wurde im Ersten Weltkrieg zur grauenvollen Normalität. 8,8 Millionen Zivilisten kamen um, dazu 9,7 Millionen tote Soldaten und 21,2 Millionen verwundete.
Gustav Christiansen Schmidt kommt im Juli 1875 in Barsbüll zu Jels zur Welt. Obwohl er in einer dänisch gesinnten Familie aufwächst, besucht er die deutsche Schule, als gelernter Meierist geht er nach Deutschland und findet 1904 eine Anstellung als Molkereiverwalter in Saalburg, gründet eine Familie. Mit seiner in Hadersleben lebenden Schwester Marie wechselt der Soldat viele Briefe, die kostbaren Fronturlaube verbringt er oft in Nordschleswig bei der geliebten Familie.

Erika Knudsens private Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg, der am 11. November 1918 für beendet erklärt wurde. Foto: privat/swa

Gustav Christiansen Schmidt beschreibt in seinem Tagebuch den Kriegsalltag in allen Einzelheiten. Die Schützengräben, tote und zerfetzte Kameraden, Beschuss, völlig verlassene Städte, Marschbefehle – der Kriegsalltag aus Frankreich und Russland nimmt Gestalt an.
Opa, wie war das damals – diese Frage, sagt Erika Knudsen, habe sie ihrem Großvater nie persönlich gestellt. „Über den Ersten Weltkrieg wurde nicht gesprochen. Erst durch das Kriegstagebuch habe ich vom Alltag meines Opas erfahren.“

Das Tagebuch erhielt sie über die Familie ihres Onkels Paul. Erika Knudsen hat die Hefte durchgelesen – und abgetippt. „Ich wollte es für die Nachwelt erhalten. Und heute kann ja kaum noch jemand Sütterlin-Schrift lesen.“
Erika Knudsen hat die Briefe 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges wieder hervorgeholt. „Es ist schwer vorstellbar, was damals alles passiert ist“, sagt die Enkelin des Soldaten.
Ihre Mutter Johanna Schmidt hat ihr vom Ausrufen des Ersten Weltkrieges berichtet. Damals ist Johanna neun Jahre alt. „Sie hat uns erzählt, dass sie an dem Tag im Park von Ebersdorf zu einem Fest war. Plötzlich wurde das Orchester still, und der Fürst erklärte: Es ist Krieg. Alle mussten nach Hause gehen – und die Männer an die Front“, erinnert sich Erika Knudsen.

11.11.1918

Das Durcheinander wird immer größer. Kein Offizier hat mehr was zu sagen, sämtliche Leute sind zügellos. … In den darauf folgenden Tagen wird dann angefangen, Bücher und Schriftstücke zu verbrennen. Es lodern die Feuer im Kaiserhofe Tag und Nacht. Nun ist der Kaiser abgedankt, einige Fürsten u. s. w. Waffenstillstand geworden.

Am 21. November 1918 wurde Gustav Christiansen Schmidt offiziell aus dem Heer entlassen. Dafür erhielt er 50 Mark sowie 15 Mark Marschgeld.
1922 kehrt die Familie, Christiansen Schmidt ist mittlerweile verheiratet und Vater von fünf Kindern, zurück nach Nordschleswig.

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Leitartikel

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
„Schöne Zahlen“