Gemeindeabend

Der Glaube an den Weihnachtsmann ging dahin

Der Glaube an den Weihnachtsmann ging dahin

Der Glaube an den Weihnachtsmann ging dahin

DN
Hoyer/Højer
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An ihrem 90. Geburtstag vor zwei Jahren empfing Edith Pörksen Peter Kaadtmann, er ist der Sohn ihrer Jugendfreundin. Foto: V. Heesch

Die 92-jährige Edith Pörksen aus Hoyer hat beim Gemeindeabend über Weihnachten in Nordschleswig vor über 80 Jahren berichtet. Sie erzählte von den ersten Gestecken, Traditionen und wie sie erfuhr, dass es den Weihnachtsmann gar nicht gibt.

Beim weihnachtlichen Gemeindeabend in Hoyer berichtete neben weiteren Teilnehmern die 92-jährige Edith Pörksen über Weihnachten in Nordschleswig vor über 80 Jahren in Süderwilstrup: „In der Adventszeit machten die Eltern einen Spaziergang in den Wald, um große und kleine Tannenzapfen zu sammeln. Auch getrocknetes Laub und natürlich Tannengrün. Daraus machte meine Mutter mehrere Gestecke. Solche sah ich nirgends woanders, und ich glaube, dass mein Vater diesen Brauch aus seiner Heimat Sachsen mitgebracht hatte, weil eigentlich erst viele Jahre später hier alle anfingen, Gestecke zu machen.

Anfang Dezember wurden Plätzchen gebacken, die bunten Blechdosen aus der Versenkung hervorgeholt, denn die Plätzchenportionen waren eigentlich ziemlich groß. Ich naschte heimlich immer gern den rohen Kuchenteig. Es waren Vanillekränze, Braune Plätzchen, Judenkuchen und Zimtplätzchen. Diese zwei Sorten bestanden aus einem Teig, die eine Hälfte mit Zimt und Zucker bestreut, die andere Hälfte mit Zucker und gehackten Nüssen. Waren die Muschen (Pfeffernüsse) fertig, kamen Kinder aus dem Ort zu Besuch und es wurde Musch gespielt.

Vom Stollenbacken keine Ahnung

Mein Vater sprach oft von einem Stollen, aber darunter konnten wir uns nichts vorstellen. Wie man solchen backte, davon hatte mein Vater keine Ahnung. Auch sprach er oft von den Kurrendesängern aus dem Knabenkirchenchor, die in der Adventszeit durch die Stadt gingen und Weihnachtslieder sangen. Je näher Heiligabend kam, desto größer war die Spannung, ob der Weihnachtsmann auch wirklich kam.

Denn bei vielen Häusern im Ort hatte er den Weihnachtsbaum schon mal in den Garten gelegt – bei uns lag aber keiner. Ungefähr zwischen dem 15. und 18. Dezember kam die Tante meiner Mutter, Tante Signe, aus Hadersleben auf Besuch. Sie war ein sehr willkommener Gast. Sie hatte für mich immer eine Banane mit. Aber das Schöne war, dass sie eine totale Frohnatur war. Es wurde viel gelacht und erzählt, obwohl es ein Arbeitstag war, denn Tante Signe hatte mehrere Kuchenformen mit, die sich so nach und nach mit Sandkuchen, Gewürzkuchen, Marmorkuchen und Schokoladenkuchen füllten.

Am Abend brachten wir Tante Signe mit den schwer gefüllten Taschen zum Zug. Als ich fragte, warum Tante Signe nicht zu Hause backte, meinte meine Mutter: „Ach Edith, Tante Signes Backofen ist doch schon lange kaputt, und leider fehlte wohl das Geld, um einen neuen zu kaufen.“

Heiligabend

Heiligabend wurde der Tisch festlich gedeckt, und ich durfte dabei helfen. Es zog ein herrlicher Duft durch das Haus. Soweit ich mich erinnere, gab es immer Schweinebraten mit Rotkohl und zum Nachtisch Ris alamande mit Kirschsoße. Das Besondere aber war, dass meine Mutter ein Tischgebet sprach. So wurde es dann recht still und feierlich, bis meine Mutter uns guten Appetit wünschte.

Es war jedes Jahr wieder ein großes Erlebnis. Unter dem Baum lagen wohl oft praktische Dinge, doch auch immer Überraschungen: ein Märchenbuch, ein Puppenwagen, Buntstifte, Spiele, hübsche Kinderteller und Becher, die ich viele Jahre benutzte. Einmal war unter den Geschenken eine Maus, die man aufziehen konnte. Dann schlug sie Kapeister noch und noch , und ich weinte so bitterlich, weil ich mich so deutlich an den Sommer erinnerte, wo wir aus Spaß den Berg hinunter Kapeister schlugen und mir unheimlich schlecht wurde. Das sollte der kleinen Maus nicht passieren. Ich habe oft mit der kleinen Maus gespielt, aber Kapeister brauchte sie keine mehr zu schlagen. Nach der Bescherung sangen wir mehrere Weihnachtslieder, dann wurde genascht. Mein Vater aß sehr gerne Nüsse, Haselnüsse aus dem Garten, dann Walnüsse und Specknüsse, die besonders arg zu knacken waren. Im Loch vom schwarzen, eisernen Ofen dufteten Bratäpfel. Auch Apfelsinen gab es und natürlich Plätzchen. Als ich älter wurde, erzählte meine Mutter die Geschichte von der Geburt Jesu.

Wo bleibt der Weihnachtsmann?

In der Wohnstube war eine Ecke für den Weihnachtsbaum freigemacht worden. Aber wo blieb der Weihnachtsmann?? Meine Mutter und ich machten in der Küche den Abwasch, dann hörte ich eine Klingel und lief in die Stube, und da stand der Weihnachtsbaum voller leuchtender Kerzen, mit Lametta und Silberkugeln und zwei Vögeln aus Glas. Diesen festlichen Glanz des Baumes werde ich nie vergessen.

An den Weihnachtmann glaubte ich recht lange. Er war mein Held, er war unschlagbar, doch als ich mit mehreren Kindern aus dem Dorf zusammentraf, sagte einer: Schau doch mal durchs Fenster der großen Stube, und alle lachten. Wieder zu Hause hatte ich Mühe, das Fenster zu erreichen. Als es gelang, sah ich den schön geschmückten Baum bereit für den Weihnachtsabend (Die Stube wurde nie benutzt, da sie nicht geheizt werden konnte. Sie war mit einer breiten Doppeltür mit unserer Stube verbunden). Da ging er dahin, der Glaube an den lieben Weihnachtsmann, aber vielleicht hatte ich doch schon vorher etwas gezweifelt. Aber noch heute denke ich gern an die Zeit zurück, als der Weihnachtsmann den Baum brachte. Wenn man ins Zimmer kam und die vielen brennenden Kerzen am Baum sah, der Anblick wird mir unvergesslich bleiben.“

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