100 Jahre Deutsche Minderheit

Teil 18: „Gudrun“ und „Kriemhild“

Teil 18: „Gudrun“ und „Kriemhild“

Teil 18: „Gudrun“ und „Kriemhild“

Sonderburg/Sønderborg
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Foto: Niko Wöhlk

Museumsleiter Hauke Grella präsentiert in dieser Woche zwei fast vergessene Befestigungsanlagen aus dem Zweiten Weltkrieg.

Im März 1942 gab Hitler den Befehl zum Bau des „Atlantikwalls“. Viele der Bunker- und Befestigungsanlagen sind heute noch an der dänischen Westküste zu sehen. Die Landung der Alliierten im Juni 1944 in der Normandie führte bei der Wehrmacht zu neuen Überlegungen in Dänemark und Schleswig-Holstein. Dass es den Alliierten gelungen war, den Festungswall in Frankreich zu durchdringen, offenbarte den Bedarf von weiteren Festungsanlagen in unserer Region. Diese sollten von Ost nach West laufen. Dies, um dann ein weiteres Vordringen, nach einer Landung der Alliierten in Jütland, zu verhindern. Die nördlichste Verteidigungsstellung sollte zwischen Vejle und Varde verlaufen, die zweite Stellung zwischen Kolding und nördlich von Ripen und eine dritte zwischen Hadersleben und Reisby. In Schleswig-Holstein wurden Stellungen direkt an der Grenze, zwischen Husum und Schleswig und am Nord-Ostsee-Kanal errichtet.

In Dänemark ging es nun darum, genügend Arbeitskräfte für die geplanten Befestigungsanlagen zu beschaffen. Da der Atlantikwall noch nicht vollendet war, konnte und wollte man die Arbeiter dort nicht abziehen. Des Weiteren waren die dänischen Behörden verständlicherweise nicht gewillt, die Arbeiten aktiv zu unterstützen. Auf Zwangsverpflichtung von Arbeitskräften wollte man wohl aufgrund der zunehmend angespannten Lage im Lande verzichten. Auch deswegen setzte man wohl auf die Beteiligung der deutschen Minderheit. Diese sollte primär bei den Stellungen zwischen Kolding und nördlich von Ripen und zwischen Hadersleben und Reisby zum Einsatz kommen. Bekannt waren beide Stellungen auch unter den Namen Gudrun-Stellung bzw. Kriemhild-Stellung.

Foto: Niko Wöhlk

Inwieweit die Arbeit an den Befestigungsanlagen freiwillig war, ist nicht genau geklärt. Viele Dokumente, die darüber Aufklärung hätten geben können, sind kurz vor Ende des Krieges im Verwaltungsgebäude der NSDAP-Nordschleswig in Rauch aufgegangen. Und auch die Aussagen von Jens Möller (Führer der NSDAP-Nordschleswig) und Werner Best („Reichsbevollmächtigter“, höchster ziviler deutscher Beamter im besetzten Dänemark ab 1942) konnten nach dem Krieg als glaubwürdig angesehen werden.

Fakt ist, dass über das Organisationsamt der NSDAP-Nordschleswig, und durch Jens Möller die Angehörigen der deutschen Minderheit deutlich dazu aufgefordert wurden, sich an den Arbeiten zu beteiligen. Unterstützt wurde diese Aufforderung sicherlich dadurch, dass es auch eine Bezahlung für die Arbeit gab. So wurde ein Tagelohn von 15 Kronen festgelegt. Laut Danmarks Statistik würde dies heute einem Wert von 325 Kronen entsprechen. Dazu kam, dass Unterbringung und Verpflegung von der Wehrmacht gestellt wurde. Arbeitsgerät, wie Schaufeln oder Spaten, mussten aber selbst mitgebracht werden. Ob dies ausrechend motivierend war, ist fraglich.

3.000 bis 4.000 Angehörige

Ob nun Zwang oder Freiwilligkeit. Es waren wohl 3.000 bis 4.000 Angehörige der deutschen Minderheit, die an den Schanzarbeiten beteiligt waren. Genaue Zahlen sind auch hier durch das Verbrennen von Dokumenten nicht mehr greifbar. Erhalten geblieben sind uns aber einige Arbeiten der beiden Künster A. G. Nissen und Niko Wöhlk. Beide hatten von der „Nordschleswigschen Zeitung“ den Auftrag bekommen, die Grabungsarbeiten zu dokumentieren. Auch ist es wohl von Beginn an geplant gewesen, eine Sonderausstellung mit den Zeichnungen und Aquarellen der beiden Künstler zu präsentieren.

Die hier gezeigten Arbeiten stammen von Niko Wöhlk. Dieser wurde 1887 in Schleswig geboren. Nachdem er 1905 die dortige Realschule beendet hatte, ging es an die Hamburger Handwerker- und Kunstgewerbeschule. Nach Studienaufenthalten in München und Hamburg zog es Niko Wöhlk als Freiwilligen in den Ersten Weltkrieg. Aufgrund eines Herzfehlers wurde er 1916 aber entlassen und versuchte sich als freier Maler über Wasser zu halten. Ende 1918 trat er dann eine Stellung als Zeichenlehrer am Husumer Gymnasium an. Ab Herbst 1919 übernahm Wöhlk dann den Zeichen- und Turnunterricht an der Apenrader Realschule.

Foto: Niko Wöhlk

Obwohl diese Stellung, aufgrund der Volksabstimmung 1920 und der Eingliederung Nordschleswigs in Dänemark, nur von kurzer Zeit war, entschloss er sich, in Nordschleswig zu bleiben. Dies wohl auch aufgrund der guten Verbindung hin zum Apenrader Wandervogel. Schon in Schleswig und Husum war Wöhlk Mitglied der dortigen Wandervogelbewegung. Niko Wöhlk sollte eine Art „Vaterfigur“ für die jüngeren Mitglieder und die prägende Persönlichkeit des Apenrader Vereins werden.

Schon seit Mitte der 1930er Jahre war Wöhlk Mitglied in nationalsozialistischen Vereinigungen innerhalb der deutschen Minderheit. Dies beschützte aber nicht einige seiner Werke, 1938 als „entartet“ beschlagnahmt zu werden. Ein Thema, das zu gegebener Zeit sicher noch einmal genauer beleuchtet werden könnte.

Im Vergleich zu den Befestigungsanlagen des Atlantikwalls ist von „Gudrun“ und „Kriemhild“ nicht mehr viel übrig geblieben. Gräben sind dichtgeschüttet und Gebäude abgerissen worden. Auch deswegen sind die hier gezeigten Zeichnungen von Niko Wöhlk so wichtig, da sie eine fast vergessene Geschichte erzählen.
Am 23. Mai nähert sich zum 69. Male der Todestag von Niko Wöhlk .

Foto: BDN
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