Obdachlosigkeit

„Das ist eine Geschichte von der Straße“

„Das ist eine Geschichte von der Straße“

„Das ist eine Geschichte von der Straße“

Nele Dauelsberg
Apenrade/Aabenraa
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Dominik Bloh ist mit seinem Buch „Unter Palmen aus Stahl" gerade auf Tour und besuchte Mittwoch das Deutsche Gymnasium für Nordschleswig. Dort erzählt er den Schülerinnen und Schülern von seiner Zeit als Obdachloser. Foto: Nele Dauelsberg

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In der Kälte, bei Regen, bei Schnee – zehn Jahre lang lebte Dominik Bloh ohne ein Dach über dem Kopf. In seinem Buch „Unter Palmen aus Stahl“ schreibt der Hamburger über seine Zeit auf der Straße. Am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig sprach er mit den Schülerinnen und Schülern über sein Leben.

Im Alter von 16 Jahren erlebte Dominik Bloh den Tag, der sein Leben verändern sollte: Seine Mutter schmiss ihn von zu Hause raus. Von einem auf den anderen Tag war der nun 33-Jährige obdachlos.

Unbedeutend älter saßen Donnerstag die Schülerinnen und Schüler der 2g des Deutschen Gymnasiums für Nordschleswig in der Aula und hörten ihm und seiner Geschichte zu. Bedächtige Ruhe und interessierte Fragen begleiteten die einstündige Lesung Blohs Buches „Unter Palmen aus Stahl“.

Ergreifende Lesung

Bevor Dominik Bloh das Wort ergreift, herrscht Unruhe in der Aula des Deutschen Gymnasiums für Nordschleswig. Die Schülerinnen und Schüler rücken mit ihren Stühlen und unterhalten sich.

Doch als der ehemalige Obdachlose anfängt, von seiner Geschichte zu erzählen, beginnt es unter den Reihen der Jugendlichen still zu werden. Bewegt von seinen Worten verfolgen ihn aufmerksame Blicke.

Dominik Bloh findet es wichtig, Schülerinnen und Schülern von seiner Geschichte zu erzählen. So möchte er ihnen zeigen, dass sie niemals aufhören sollen zu träumen. Foto: Nele Dauelsberg

Ein Tag, der sein Leben verändert

„Meine Mutter hat viele psychische Krankheiten“, erzählt Bloh. „Erst war sie depressiv, dann manisch depressiv und später schizophren.“ Sie sei bereits mehrfach in eine Psychiatrie eingewiesen worden und habe ihn als Kind aufgrund ihrer Krankheit mehrfach nicht erkannt.

„Meine Mutter war die einzige Familie, die ich hatte. Als sie mich rausschmiss und sogar per Gesetz die Vormundschaft abtrat, hatte ich niemanden,“ erklärt Dominik Bloh in Gedanken an sein 16. Lebensjahr.

Solange ich weiter zur Schule gehe bin ich Schüler. Ich gehöre zu etwas.

Dominik Bloh

Damals begann seine Reise auf der Straße. „Ihr müsst euch vorstellen, der Tag an dem ich rausgeschmissen wurde, war mitten im Winter. Als ich von der Wohnung weg ging, sah ich im Schnee nur noch die Spuren von meinen Koffern und meine Fußabdrücke. Ich war ganz alleine.“

Kein Vertrauen ins System

Obwohl er am Anfang noch nach Unterstützung suchte, gab es niemanden, der ihm wirklich helfen konnte. „Konflikte entstehen immer zwischen Zeit und Raum. In den Momenten, in denen nichts ist, fallen die Menschen. Ich bin gefallen“, erklärt Bloh und meint damit eine Zeit, in der er von Behörde zu Behörde weitergereicht wurde und niemand wirklich handelte.

Interessiert hören die Schülerinnen und Schüler Dominik Bloh bei seiner Lesung zu. Foto: Nele Dauelsberg

„Es drehte sich bei mir um Begrifflichkeiten. Wenn ich als Minderjährig galt, musste ich zu einem Amt, wenn ich Heranwachsender bin, zum anderen.“ Letztendlich war er auf sich alleine gestellt.

Deshalb forderte er auch die Schülerinnen und Schüler dazu auf, etwas zu ändern. Sie seien noch jung, hätten Ideen und könnten dafür sorgen, dass niemand fallengelassen würde. Denn er habe sein Vertrauen in das System verloren, aber so solle das nicht sein.

Ein Teil einer Gemeinschaft sein

Ein Abi auf der Straße – dafür hat Dominik Bloh schon viel Anerkennung bekommen. Für ihn war das nicht so erstaunlich wie für viele andere.

„Das hatte nichts mit Stärke zu tun. Ich hatte von 8 bis 13 Uhr einen warmen sicheren Ort und ich dachte: Solange ich weiter zur Schule gehe bin ich Schüler. Ich gehöre zu etwas.“

Die Kombination ehrlich sein und Gutes tun, kann niemals zu etwas Schlechtem führen.

Dominik Bloh

Für ganz viele Obdachlose sei das sehr wichtig. „Die meisten, die auf der Straße leben, erkennt man gar nicht. Sie wollen nicht auffallen.“ Alle hätten das Bedürfnis ein Teil von etwas zu sein.

Als Bloh älter wurde, begann er deshalb viel zu lügen. „Wenn ich eine Frau kennenlernte, sagte ich immer, wir können nicht zu mir, ich lebe in einer WG, und meine Mitbewohner sind nervig. ‚Hey komm lass mal zu mir in den Schlafsack hüpfen‘, klingt halt einfach nicht so gut.“

Dass er damals so viel von sich und seiner Geschichte verschwiegen hatte, bereut er nun. „Wenn keiner weiß, wer ich bin, kann mir auch niemand helfen.“

Krankheiten seien auf der Straße viel gefährlicher, erklärt Bloh. Er selbst habe während der Zeit fünf Zähne verloren. Foto: Nele Dauelsberg

Kleine Gesten, die die Welt verändern

„Was soll man tun, wenn man an Obdachlosen vorbei läuft? Ignorieren? Lächeln? Geldgeben?“, das fragte eine Schülerin in einer kurzen Erzählpause. Damit sprach sie anscheinend das aus, was sich auch viele ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler dachten, denn viele erwartungsvolle Blicke richteten sich nun auf Bloh.

Er erzählt, dass viele Dinge Menschen auf der Straße helfen. Die meisten fühlen sich nicht mehr menschlich. „Ich habe mich wie nichts gefühlt. Wenn ich nicht nichts war, dann war ich dreckig.“ Deshalb erklärt er, dass es für viele schon hilft, wenn sie angelächelt werden.

Am Donnerstag hörte die ganze Klasse 2b beim Deutschen Gymnasium für Nordschleswig der Lesung von Dominik Bloh zu. Foto: Nele Dauelsberg

Niemals die Hoffnung verlieren

In den zehn Jahren ohne festen Wohnsitz – ohne Dach über dem Kopf – hat Dominik Bloh viel über Menschen, Bürokratie und seine Identität gelernt. Aber, was ihm am meisten geprägt hat, ist der Gedanke, die Hoffnung nie aufzugeben. Genau das erzählt er auch den Schülerinnen und Schülern.

Die Hamburger Morgenpost war auf der Straße seine Retterin für den Alltag. Bei Kreuzworträtzeln hielt er sich nachts wach, wenn er zum Aufwärmen bei McDonalds saß und nicht einschlafen durfte. In kalten Nächten stopfte er sich das Blatt in den Schlafsack als Isolation. Und jeden Abend benutzte er sie als Tischdecke.

„Ich legte mir die Zeitung auf die Knie und darauf meinen Burger von McDonalds. Dann stellte ich mir vor sie wäre eine Tischdecke von meinen Großeltern, und ich würde mit ihnen zu Abend essen.“

Mittlerweile ist Dominik Bloh Unternehmer und Autor. Mit Duschbussen für Obdachlose fährt er nun durch Hamburg. Foto: Nele Dauelsberg

Heute, erzählt Bloh, bezahle die Morgenpost seine Miete. Jeden Samstag schreibe er einen Artikel und könne so seinen Lebensunterhalt bezahlen. Daher sei es wichtig für alle, die Hoffnung auf bessere Zeiten niemals zu verlieren.

Einen Tipp gibt Dominik Bloh den Schülerinnen und Schülern mit auf den Weg: „Die Kombination ehrlich sein und Gutes tun, kann niemals zu etwas Schlechtem führen.“

Denn genauso schaffte er es letztendlich aus der Obdachlosigkeit: Als die Flüchtlinge 2016 nach Deutschland strömten, begegnete er ihnen auf der Straße. „Ich sah wie die Menschen mit Babys im Arm draußen schliefen und da wusste ich, ich kann helfen. Ich spreche die Sprache und ich kann Anträge ausfüllen.“

So kam Dominik Bloh schließlich an Kontakte, die auch ihm helfen konnten.

Unter Palmen aus Stahl: Die Geschichte eines Straßenjungen

  • Verlag: Ankerherz Verlag
  • ISBN-10 : ‎ 3945877210
  • ISBN-13‏ : ‎ 978-3945877210
  • Preis (gebunden): 14,74 Euro
  • Preis (Taschenbuch): 8,95 Euro
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