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Dänischer Forscher: Eisfreie Arktis ist ein schlechtes Omen

Dänischer Forscher: Eisfreie Arktis ist ein schlechtes Omen

Dänischer Forscher: Eisfreie Arktis ist ein schlechtes Omen

Bremerhaven/Kopenhagen
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Das Foto vom 30. Juni 2020 zeigt die „Polarstern“ mit viel offenem Wasser, wo Eis sein sollte. Foto: Markus Rex/Alfred-Wegener-Institut/dpa

Am Montag kehrte der Eisbrecher „Polarstern“ nach einer einjährigen Expedition zum Nordpol nach Bremerhaven zurück. Geladen hatte das Schiff wichtige, aber auch besorgniserregendes Daten.

Der Eisbrecher „Polarstern“ war im vergangenen Jahr im Rahmen der Expedition „Mosaic“ aufgebrochen, um den Klimawandel im Polarmeer zu dokumentieren.

Es sollte sich herausstellen, dass das Eis in dieser Saison noch viel schneller schmolz, als es die Forscher erwartet hatten. Am 20. September brach die Expedition von Norwegen aus auf und dockte nahe des Nordpols an einer Eisscholle an. Der Plan war, den ganzen Zyklus der Scholle 13 Monate lang zu verfolgen. Doch bereits nach zehn Monaten war Schluss, die Scholle war zu schnell unterwegs gewesen.

„Das Eis trieb schneller als erwartet. Bereits nach zehn Monaten ist das Schiff aus dem Polarmeer herausgetrieben. Das Eis, in dem das Schiff lag, ist aufgebrochen und geschmolzen“, sagt Rasmus Tonboe, Meereseisforscher beim Dänischen Meteorologiske Institut (DMI) zu „Ritzau“.

Offenes Wasser beim Nordpol

Daher fuhr die „Polarstern“ Richtung Nordpol zurück, um bei einer neuen Scholle anzudocken. Doch auch hier sahen die Forscher Besorgniserregendes. Der Polarsommer hatte auch hier dem Eis zugesetzt. Auf großen Flächen, die von Eis bedeckt hätten sein sollen, war offenes Wasser.

Expeditionsleiter Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut war entsetzt.

„Wir haben dem Eis beim Sterben zugeschaut“, sagte er der „Deutschen Presseagentur“.

Tonboe kann diese dramatische Formulierung nur bestätigen.

„Die vergangenen 40 Jahre hat sich das Meereis immer weiter zurückgezogen. Es bricht früher auf und friert später wieder zu. Die Saison mit offenem Wasser wird immer länger“, sagt der dänische Wissenschaftler.

Eisfreies Polarmeer im Februar

Die Situation wird dadurch noch ernster, dass die Temperatur in der Arktis deutlich schneller steigt, als im globalen Schnitt. Glaziologen des dänischen Projektes PROMICE (Program for Monitoring of the Greenlandic Ice Sheat) beobachten seit 2008 die Entwicklung der Eisdecke und der Temperatur in Grönland. Sie haben festgestellt: Die Temperatur steigt hier in doppelter Geschwindigkeit. Die PROMICE-Forscher sprechen von einer „Arktis im Fieber“.

Ein wichtiges Anzeichen dieses Fiebers gab es im Winter 2018. Am 22. Februar hatte DMI am nördlichsten Punkt Grönlands mit 6 Grad die höchste Temperatur im Königreich Dänemark gemessen. Das ist ungefähr 40 Grad wärmer als normal zu dieser Jahreszeit. Die Durchschnittstemperatur für den Februar 2018 lag 14 Grad höher als in einem Normaljahr.

Dies bedeutete, dass in dem Jahr sogar in tiefstem Winter offenes Wasser nördlich von Grönland festgestellt wurde.

Prozess kann sich selbst verstärken

DMI-Forscher Tonboe befürchtet, der Prozess könne sich sogar noch beschleunigen.

„Wenn das Meereis schmilzt, absorbiert das Wasser mehr Sonnenlicht. Das bedeutet wiederum, das Wasser erwärmt sich, und noch mehr Eis schmilzt.“

„Dann haben wir einen Prozess, der sich selbst verstärkt“, sagt er.
Tonboe prognostiziert, wir könnten in 20 bis 30 Jahren gänzlich eisfreie Sommer in der Arktis erleben.

„Die Eisdecke, die sonst das ganze Jahr vorhanden ist, wird der Sommerschmelze nicht standhalten können und verschwinden. So wird es zumindest in einigen Sommern sein.“

Die „Mosaic“-Expedition hat 140 Millionen Euro oder gut eine Milliarde Kronen gekostet. Wissenschaftler aus 20 Ländern haben an ihr teilgenommen.

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