Schon wieder frei

Der Schulalltag in SH gleicht einem Schweizer Käse

Der Schulalltag in SH gleicht einem Schweizer Käse

Der Schulalltag in SH gleicht einem Schweizer Käse

Margret Kiosz/shz.de
Schleswig-Holstein
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Klassenraum
Grundschule, Klassenraum einer 4. Klasse. Foto: imago-images/Jochen Track



Lockdown, Ferien, freie Tage – viele Kinder bleiben schon wieder eine Woche zu Hause. Trotz großer Lernlücken

Spätestens wenn Schüler stöhnen, weil es schon wieder Ferien gibt, sollten Bildungspolitiker hellhörig werden. „Warum kann ich nächste Woche nicht in die Schule gehen?“, will die achtjährige Lisa aus Kiel von ihrer Mutter wissen. Die hat Schwierigkeiten, das zu erklären: „Montag, Dienstag und Mittwoch habe ihr bewegliche Ferientage, am Donnerstag ist Christi Himmelfahrt und am Freitag ist frei, wie beim Sams.“

Diese Woche Extraferien haben sich etliche Schulkonferenzen vor vielen Monaten zusammengebastelt, wohl wissend, dass der Abstand zu den Osterferien gerade einmal 15 Unterrichtstage beträgt. Allein schon aus pädagogischen Gründen – der Lernrhythmus wird durch diese Häppchen-Pädagogik immer wieder unterbrochen und Schule zum löchrigen Schweizer Käse – war die Entscheidung fragwürdig. Durch den massiven Bildungsrückstand in Folge der Corona-Pandemie gewinnt diese Unterrichtstaktung zusätzliche Brisanz.

Was tun mit den Bildungslücken?

„Eigentlich müsste jetzt allen klar sein, dass wir jede verfügbare Zeit nutzen müssen, um Lernrückstände aufzuholen“, erklärt der Kieler Bildungsökonom Olaf Köller. „Vor den Sommerferien können wir deshalb keine weiteren Pausen zulassen“. Das Problem „hätte von der Politik längst gelöst werden müssen“, meint der Direktor des renommierten Instituts der Pädagogik der Naturwissenschaften.

Neu ist die Lage nicht. Schon im vergangenen Mai ploppte das Thema auf, nachdem Kinder wochenlang im Lockdown zu Hause fest saßen und – kaum waren die Schulen wieder geöffnet – in die Mai-Ferien geschickt wurden. Etliche Schulen im Norden verzichteten damals auf die Zusatzferien um Himmelfahrt und nutzen die Zeit, um verpassten Unterrichtsstoff nachzuholen.

Grundschüler besonders betroffen

In diesem Jahr ist die Situation nicht weniger dramatisch. Landauf, landab warnen Bildungsexperten vor großen Lücken, die durch den Lockdown entstanden sind. Viele Kinder hatten die letzten 14 Monate wegen der Pandemie nur rudimentären Unterricht und verbrachten seit November im Wechsel- und Distanzunterricht.

Dort, wo Inzidenzen hoch waren, wurden auch Grundschulkinder nur wochen- oder tageweise im Wechsel beschult. Sie sind von den Einschränkungen besonders betroffen, denn sie brauchen ein strukturiertes Angebot. Es fehlt an lernstimulierenden Rückmeldungen und Anregungen. Die Motivation sinkt. Umfragen zeigen: Jedes vierte Kind beschäftigte sich weniger als zwei Stunden täglich mit der Schule.

Die Lerndefizite aufzuholen ist wichtig, da diese sich nicht einfach auswachsen und die Pandemie Bildungsungleichheit verschärft. Professor Köller plädiert deshalb dafür, unterrichtsfrei wie jetzt über Pfingsten zu nutzen und Lehramtsstudierende und pensionierte Lehrkräfte einzubinden.

Eltern benötigen starke Nerven

Auf die Idee ist das Bildungsministerium offenbar nicht gekommen. Genauso unvorbereitet wie die Prien-Behörde in die zweite Lockdown-Phase im November schlittert, lässt man die Dinge auch jetzt wieder laufen. Gegen die Extra-Ferienwoche könne man nichts unternehmen, betont Ministeriumssprecher David Ermes am Freitag. Die freien Tage „werden von den Schulkonferenzen beschlossen und die Eltern haben sich zu Beginn des Schuljahres darauf eingestellt“.

Berufstätige Eltern, die erneut verzweifelt nach Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder suchen, empfinden das als Hohn. „Meine Tochter ist mindestens einen Vormittag unbeaufsichtigt, weil ich den Dienstplan für Mittwoch nicht mehr verschieben kann“, beklagt Lisas Mutter. Ihr Kontingent an freien Tagen habe sie durch den langen Lockdown längst ausgeschöpft und ihr Arbeitgeber werde ungeduldig.

Auch für den Hinweis der Prien-Behörde, viele „nutzen die Tage auch für gemeinsame Zeit mit der Familie“, hat Lisas Mutter kein Verständnis. Wer berufstätig sei, habe durch diese Ferien keinen Vorteil, sondern nur Nachteile und benötige starke Nerven und viel Organisationstalent.

Das können gut abgesicherte Landtagsabgeordnete, die ihr Arbeitspensum flexibel anpassen, vielleicht nicht nachvollziehen. Wohl aber erkennen sie die pandemiebedingten Lerndefizite und sozial-emotionalen Nöte der Kinder an. In dieser Woche beklatschen sie , dass der Bund zwei Milliarden Euro für Bildungsreparatur locker macht. Das sei „eine super Unterstützung“, freute sich die Fraktionschefin der Grünen, Eka von Kalben. Doch warum beginnt man mit der Reparatur nicht schon kommende Woche, statt Kinder mit Chips vor sozialen Medien (ver)gammeln zu lassen? Bewegliche Ferientage hatten wir in diesem Jahr wahrlich genug.

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