Einfluss auf Bundestagswahl

Wie sehr prägen Eltern und Freunde, was man wählt?

Wie sehr prägen Eltern und Freunde, was man wählt?

Wie sehr prägen Eltern und Freunde, was man wählt?

Elke Schröder/shz.de
Flensburg
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Geheime und freie Wahl: Allein in der Wahlkabine, doch wie präsent ist die Erziehung unserer Eltern bei der Wahl der politischen Präferenz am Wahltag? Foto: imago images/blickwinkel/shz.de

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Die Macht der Familie und Freunde an der Wahlurne: Wie groß ist der unbewusste Einfluss des sozialen Umfelds auf die eigene Wahlentscheidung?

Es sorgt immer noch für Schlagzeilen, wenn beispielsweise die Tochter eines CDU-Politikers einen SPD-Politiker liebt. Das gilt genauso, wenn der Sohn eines CDU-Ministerpräsidenten zu den Grünen wechselt oder der Sohn eines SPD-Funktionärs ebenfalls für die Partei ein Amt bekleidet. Doch Letzteres, dass die politische Präferenz der Eltern auf die Kinder übergeht, ist auch unter Nicht-Berufspolitikern eher die Regel als die Ausnahme.

Die Menschen, mit denen wir zu tun haben, haben einen unglaublichen großen Einfluss auf unsere politischen Einstellungen.

Rüdiger Schmitt-Beck, Politikwissenschaftler

„Die Kernfamilie ist ein Hort der politischen Homogenität“, sagt Rüdiger Schmitt-Beck, einer der Primärforscher, der seit 2009 laufenden German Longitudinal Election Study (GLES) im Gespräch mit der SHZ-Redaktion. In dieser deutschen nationalen Wahlstudie werden repräsentativ ausgewählte Bürger umfangreich über mehrere Jahre zu ihrer Bundestagswahl befragt sowie zu ihren Motiven, die zur Wahlentscheidung führten. Dabei zeigte sich: „Die Menschen, mit denen wir zu tun haben, haben einen unglaublichen großen Einfluss auf unsere politischen Einstellungen“, erklärt der Professor für Politische Soziologie an der Universität Mannheim.

Dass Kinder auch als Erwachsene bei ihrem Wahlverhalten stark von ihrer Familie geprägt sind, legten bereits Zwischenergebnisse der Langzeitstudie „LifE“ nahe, über die 2009 die „Zeit“ berichtete. Die Studie stellte unter anderem fest, dass sich eher die Persönlichkeit als das im Elternhaus vermittelte Wertegerüst – auch das politische – im Lauf des Lebens verändert. Die Neurolinguistin Elisabeth Wehling von der Universität Berkeley unterstrich dies auch später mit ihrer Analyse: Für die meisten Menschen spielten Fakten eine untergeordnete Rolle bei politischen Entscheidungen. Es zählten vielmehr die Vorstellungen von Familie und Erziehung – und diese Werte beeinflussen die eigene Bewertung von Politik und Gesellschaft.

Strenge Eltern wählen laut Wehling eher konservativ, erklärte sie unlängst im „Deutschlandfunk“. Wer dagegen Familienideale habe, nach denen Kinder mit viel Empathie und Verständnis erzogen werden, tendiere zu progressiver Politik und eher linkspolitischem Wahlverhalten. Wechselwähler kombinierten demnach auch in der Erziehung Wertvorstellungen, seien ideologisch hin- und hergerissen.

Ehe- und Lebenspartner sind hyper-einflussmächtig

Der 55-jährige Andreas stammt aus einem CDU-nahen Elternhaus. Doch nur bei der Bundestagswahl 1983 wählte er die Christdemokraten. Dann traf er seine heutige Frau aus einem SPD-nahen Haushalt und mit der Zeit glich sich seine politische Präferenz der seiner Partnerin an. Nach den Erkenntnissen von Schmitt-Beck eine klassische Entwicklung: „Es gibt eine Stufenfolge: Ehe- und Lebenspartner sind hyper-einflussmächtig.“ Es herrsche da eine große Übereinstimmung in den politischen Einstellungen. „Das trifft häufig schon zu, wenn die Beziehung eingegangen wird. Ist das nicht der Fall, kommt es typischerweise im Lebensverlauf zu Angleichungsprozessen.“

Doch selbst, wenn die Politik kein offensichtliches Motiv für das Eingehen der Beziehung ist, sei eine politische Ähnlichkeit sehr wahrscheinlich, „weil ausschlaggebende Dinge, beispielsweise ähnlicher kultureller Geschmack oder Vorstellungen zu Lebensführung und Wertorientierung, stark mit politischen Einstellungen korrelieren.“

Nur eine Minderheit der parteigebundenen Wähler findet ihre Partei, in dem sie sich emotional von ihren Eltern abgrenzt. Es sei ein Mythos, dass die Pubertät ein Grund ist, wenn sich Kinder in eine völlig andere politische Richtung entwickeln als ihre Eltern, meint Schmitt-Beck: „Das sehen wir in unseren Daten nicht. Das hat nichts der Pubertät zu tun, sondern mit der Charakteristik der sozialen Netzwerke, in die man in der jeweiligen Lebensphase eingebunden ist.“

Suche nach ähnlichen Kommunikationspartnern

Der Mensch habe eine innewohnende Tendenz, sich in allen möglichen Lebenslagen, mit Leuten zu umgeben, die ihm ähnlich sind. „In dem Maße aber, in dem Politik für uns wichtig ist, betrifft es auch politische Einstellungen“, erklärt der Politikwissenschaftler. Das bedeutet, man versucht zunächst mit Leuten in Kontakt zu bleiben, die ähnliche Parteien unterstützen: „Das muss nicht zwingend dieselbe sein, aber zumindest ideologisch nicht so weit voneinander entfernte Parteien.“

Jedoch stoße man bei der Zusammenstellung seines sozialen Netzwerkes durch eine gezielte Kontaktaufnahme mit gleichgesinnten Kommunikationspartnern an Grenzen, beispielsweise „die Familie, Onkel und Tanten, die wir uns nicht aussuchen können.“ Das gilt ebenso für Personen am Arbeitsplatz, Vereinskollegen oder Nachbarn.

Es gibt die Regel, dass der Einfluss umso stärker ist, je enger die Beziehung ist.

Rüdiger Schmitt-Beck, Politikwissenschaftler

Vor diesem Hintergrund sei die gesamtpolitische Färbung der Umgebung wichtig, in der man lebt. „In einem ostdeutschen Bundesland wird man beispielsweise eine erheblich höhere Chance haben, mit Anhängern der AfD in Kontakt zu kommen als in Westdeutschland, weil es einfach dort mehr davon gibt“, sagt Schmitt-Beck und erläutert: „Auf diese Weise bekommt die Umgebung einen Einfluss auf unsere Einstellungen. Wir haben keine volle Kontrolle darüber selbst, wenn wir es möchten. Das geht aber auch umgekehrt. Wir können diese Personen ebenfalls beeinflussen.“ Ganz gleich, ob Eltern, Freunde oder Kollegenkreis: „Es gibt die Regel, dass der Einfluss umso stärker ist, je enger die Beziehung ist.“

Drei Gründe, warum Menschen nicht wählen wollen

Wer in einem Nichtwähler-Haushalt aufgewachsen sei, werde höchstwahrscheinlich auch einer werden, schätzt Schmitt-Beck ein. Mehrere starke soziale Mechanismen steckten hinter der Nichtwahl.

  • Erstens beeinflussen sich Nichtwähler gegenseitig: Sie halten sich gegenseitig durch soziale Kontrolle vom Wählen ab. „Es gibt etwas wie Normen der Nichtwahl. Das funktioniert so ähnlich wie der parteipolitische Einfluss – nur in Richtung Wahlenthaltung“, erklärt Politikwissenschaftler, der auch Leiter eines GLES-Projekts zur Kurzfristdynamik des Wahlkampfes ist.
  • Zweitens, so Schmitt-Beck weiter: „Es gibt Gruppierungen, die stark durch politisches Desinteresse und Indifferenz geprägt sind. In diesem Umfeld bekommt man auch keine mobilisierenden Impulse, die zur Wahlbeteiligung veranlassen könnten.“
  • Drittens, wenn man sich in einem politisch heterogenen Umfeld bewege, reagiere man auf Spannungen aufgrund von Meinungsverschiedenheiten, indem man nicht wählt: „So vermeidet man, Farbe zu bekennen. So löst man sozusagen das Problem für sich auf“, erklärt Schmitt-Beck. Wer dagegen in einem homogenen Umfeld eingebunden sei, „der geht auch eher zur Wahl.“

Kurzfristige Effekte durch Wahlkampagne und Skandale?

Welchen Einfluss können dann noch kurzfristige Wahlkampagnen oder Berichte über Maskenskandal, Doktortitel-Aberkennung oder ein geschönter Lebenslauf auf das Wahlverhalten haben? „Das spielt eine große Rolle. Allerdings nicht in der Weise, wie sich das die Parteistrategen vorstellen“, sagt Schmitt-Beck und erläutert: „Parteien und viele Medienvertreter haben so eine Vorstellung, dass im Prinzip alles relevant ist, was im Wahlkampf passiert. Dass es eine Art Nullpunkt gibt, wo keine Präferenzen existieren und alle Wähler begierig auf Informationen sind, um sich ihre Meinung zu bilden.“ Zwar sei das aus ihrer Rolle eine sich zwangsläufig ergebende Perspektive, „aber diesen Nullpunkt gibt es nicht“.

Der Wahlkampf sei wichtig. Was er aber zum aller größten Teil bewirke, sei eine Kristallisierung von Präferenzen, die bereits angelegt sind. Und auch hier spielten die sozialen Netzwerke der Menschen eine große Rolle, sagt Schmitt-Beck: „Durch den Wahlkampf wird die Atmosphäre langsam politisiert und politisch aufgeladen. Die Menschen fangen an, mehr über Politik zu sprechen. Was diese politischen Gespräche aber bewirken ist: Sie erinnern die Menschen daran, wer sie im Innersten politisch sind, wo sie vom Elternhaus politisch eintrainiert sind oder ihr soziales Umfeld zuhause ist und welche politische Haltung sie zu Tage legen sollten, damit sie sich dort nicht Ärger und Kritik einhandeln.“

Wähler regieren nicht auf das Hin und Her der Wahlkommunikation

Diese politischen Grundeinstellungen und Grunddispositionen, die den Leuten gar nicht bewusst seien, so Schmitt-Beck, „werden aktiviert und münden am Wahltag in einem schon lange angelegten Verhalten. Die Wähler regieren eben nicht auf dieses alltägliche Hin und Her der Wahlkampfkommunikation.“

Ich schätze, dass das Wahlergebnis näher am Ergebnis der letzten Bundestagswahl liegen wird als man derzeit vermuten könnte.

Rüdiger Schmitt-Beck, Politikwissenschaftler

Nur ganz am Rand seien Effekte des kurzfristigen Geschehens zu beobachten – und aus diesem Grund könnten sich auch die Wahlergebnisse ändern. Das habe beispielsweise die Landtagswahl in Baden-Württemberg 2011 gezeigt, wo es unter dem Einfluss des Fukushima-Reaktor-Unglücks zu einer Grün dominierten Regierung kam: „Solche Ereignisse können schon noch einmal die Verhältnisse ändern, weil sie marginale Verschiebungen am Rand bewirken, die dann aber ausreichen, andere politische Verhältnisse machtpolitisch zu erzeugen“, erklärt der Mannheimer Politologe. Doch wie beurteilt er die Situation für die bevorstehende Bundestagswahl?

„Ich schätze, dass das Wahlergebnis näher am Ergebnis der letzten Bundestagswahl liegen wird als man derzeit vermuten könnte“, so der Politikwissenschaftler.

Die Pandemie sei zwar eine Sondersituation, deren Auswirkungen schwer zu kalkulieren sei, aber: „Es wäre aber nicht die erste Wahl, wo ganz besondere Umstände herrschen und trotzdem das Wahlergebnis am Ende überraschend ‚normal‘ aussieht. So war es beispielsweise auch bei der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl 1990“, sagt Schmitt-Beck.

Man dürfe zwar auch nicht vernachlässigen, „dass wir in einer Großbewegung sich verschiebender Kräfteverhältnisse und generell in einer wachsenden Fluidität des Wählerverhaltens sind. Wir befinden uns aber sicher nicht in einer Stunde-Null-Situation von einer Wahl, wo alles neu verhandeln werden muss und alle Wähler eine Bereitschaft haben, sich mit offenen Augen quer über das ganze Spektrum neu zu orientieren.“

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