Glücklich ohne Zucker, Handy oder Auto

„Fasten-Boom": Warum Verzicht immer beliebter wird

Viktoria Meinholz/shz.de
Hamburg
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Heute beginnt die Fastenzeit – aber interessiert das überhaupt noch jemanden?

Ob Plastik, Alkohol oder Zeit im Internet: Verzicht ist Trend. War das Fasten früher auf die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern begrenzt, haben religiöse Hintergründe inzwischen stark an Bedeutung verloren. Es wird jederzeit verzichtet – und von einer immer größeren Zahl an Menschen: Die Zahl der Fasten-Fans stieg in den vergangenen Jahren laut einer aktuelle Studie der DAK beständig an. Während 2012 noch 53 Prozent der Deutschen Fasten für sinnvoll hielten, sind es inzwischen 63 Prozent. Gerade junge Menschen verzichten immer häufiger: Knapp 70 Prozent der 18 bis 29-Jährigen gab in der Forsa-Umfrage an, bereits einmal gefastet zu haben.

Auch die Dinge, auf die verzichtet wird, haben sich verändert. Zwar liegen noch immer Alkohol und Süßigkeiten auf den ersten Plätzen, doch immer wichtiger wird auch die Einschränkung der eigenen Zeit am Handy oder der Verzicht aufs Auto. Ebenso im Trend liegt es, 40 Tage ohne Plastik auszukommen oder aus Gründen des Umweltschutzes auf Flugreisen zu verzichten. "Die 'Klassiker' des Fastens sind oft auch die Dinge, die am meisten fürs schlechte Gewissen verantwortlich sind", sagt Franziska Kath, Diplom-Psychologin bei der DAK-Gesundheit. Da ist es nur natürlich, dass Dinge wie Umweltschutz oder zu viel Zeit am Smartphone in den Fokus rücken.

Gefastet wird immer und überall

Denn neben den bekannten Gründen fürs Fasten – dem Wunsch, gesünder zu leben oder abzunehmen – wird auch die Vermeidung von Stress immer öfter zum Faktor. In der DAK-Studie gaben knapp über 50 Prozent der Befragten an, dass "Ich will weniger Stress" ein Grund für den Verzicht auf Internet oder Computer sei. Auf ähnlich große Zustimmung stieß auch der Satz "Ich will mehr Zeit für mich haben".

Heute ist es nicht mehr nur in der Fastenzeit gesellschaftlich anerkannt, für einen begrenzten Zeitraum zu verzichten. Gefastet wird immer und überall. Neben Digital-Detox-Kuren liegt seit ein paar Jahren das Intervallfasten im Trend. Sieht man sich in Buchhandlungen um, ist man umgeben von Ratgebern und Erfahrungsberichten zum Thema "Glücklich ohne Zucker", "Erfolgreich leben ohne Auto" oder "Wie ich es schaffte, kein Fleisch mehr zu essen": Verzicht scheint uns glücklich zu machen, aber warum ist das so?

Konzentration auf Dinge, die einen glücklich machen

"Einer der größten Wünsche des Menschen ist der Wunsch nach Freiheit", erklärt Mentaltrainer Steffen Kirchner den Trend. "Und die Fähigkeit, ohne etwas auszukommen, ist im Grunde ein Gefühl von Freiheit." Durch die steigende Frequenz von Reizen, die den Alltag bestimmen – vom ständig brummenden Handy über das volle Mail-Postfach bis zum nicht endenden Strom der Werbebotschaften – fühlten sich viele Menschen fremdbestimmt. Und wer verzichtet, ist wieder selbstbestimmt. "Man will sich von äußeren Reizen abkoppeln, um wieder mit sich selbst in Kontakt zu kommen."

Ein Antrieb, der Fasten-Fans schon immer angespornt hat, ist auch das gute Gefühl der Stärke, das sich einstellt, wenn man eine Fastenzeit durchhält. Und statt die Dinge, die einen stören – wie die fünf Kilo zu viel oder die verschwendete Zeit am Smartphone – sofort dauerhaft verändern zu wollen, wirkt eine beschränkte Zeit des Verzichts machbarer.

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