Schlechte Pünktlichkeitswerte und Zugausfälle

SH baut Trost-Pflaster für genervte Bahnkunden aus

Frank Jung/shz.de
Kiel
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Die Hälfte des Fahrpreises wird 2019 schon ab zehn Minuten Verspätung erstattet.

Das Land spendiert den Bahnkunden wegen der anhaltend schlechten Pünktlichkeitswerte und Zugausfälle im Regionalverkehr ein Trostpflaster: Ab dem kommenden Jahr erhalten Fahrgäste ab einer Verspätung von mehr als zehn Minuten die Hälfte des Fahrpreises erstattet. Bisher gilt dies erst, wenn eine Verbindung über 20 Minuten der Zeit hinterherhinkt. Das kündigte Verkehrsminister Bernd Buchholz am Montag an. Anlass war die Vorstellung der Nahverkehrszahlen für 2017 und die erste Hälfte des laufenden Jahres.

Ab welchem Monat genau die großzügigere Entschädigung für Kunden des SH-Tarifs gilt, blieb offen. Das Datum hänge von noch laufenden Verhandlungen zwischen dem Land und dem Verkehrsverbund Nah.SH ab, hieß es. Ebenfalls noch nicht abgeschlossen sei die Entwicklung eines Kundenkontos, mit dem regelmäßige ÖPNV-Nutzer Entschädigungen bei Verspätungen einfacher als derzeit beantragen können.

Marschbahn nicht mehr einziges Sorgenkind

Wie sehr die massiven Störungen auf mehreren Hauptstrecken die Nerven der Schleswig-Holsteiner strapaziert, spiegelt sich in einer deutlich sinkenden Zufriedenheitsquote wider. Die Benotung durch regelmäßige Bahnpendler ist im Jahresvergleich um fast eine ganze Note von 2,4 auf 3,2 gesunken. Bei seltenen Nutzern kommt das Bahnangebot auf eine 2,7, bei Nicht-Nutzern auf eine 3,1. Zuletzt war der Zugverkehr vor zehn Jahren so schlecht bewertet worden. Nach Steigerungen über viele Jahre hinweg knickte die Nachfrage im Bahnverkehr 2017 erstmals um 1,1 Prozent ein.

Besonders deutlich zeigt sich die Bahn-Krise im freien Fall der Pünktlichkeits-Statistik: Im ersten Halbjahr 2018 erreichte sie nur noch 86,1 Prozent – nach 90,6 Prozent im Gesamt-Durchschnitt des Vorjahres und 91,4 Prozent 2016. Berücksichtigt sind dabei ohnehin nur Züge mit mehr als sechs Minuten Verspätung.

„Die Marschbahn ist nicht mehr unser einziges Sorgenkind“, erklärte Buchholz. Gerade mal 79,6 Prozent der Verbindungen waren dort rechtzeitig. Auch auf den Abschnitten Flensburg-Neumünster und Kiel-Neumünster, so der Verkehrsminister, gebe es inzwischen äußerst niedrige Pünktlichkeits-Werte von nur noch 84,3 Prozent. „Und auch von Pendlern zwischen Lübeck und Hamburg hört man viele Klagen“, ergänzte Buchholz. „Ich bin nicht bereit, derart schlechte Zahlen zu akzeptieren. Es ist nicht das Kerngeschäft der Verkehrsunternehmen, Züge ausfallen zu lassen.“ Buchholz’ ernüchternde Bilanz: „Die Regionalisierungsmittel für den Nahverkehr stehen in keinem vernünftigen Verhältnis mehr zu dem, was man dafür bekommt“.

Kein Abrücken von Strafzahlungen

Einen Sprung nach vorn erwartet der Minister bei einem Treffen mit dem Vorstandsvorsitzenden der DB Regio, Jörg Sandvoß, am Dienstag in Kiel. Er sei nicht mehr bereit, allgemeinverbindliche Listen mit Absichtserklärungen wie in der Vergangenheit entgegenzunehmen, betonte Buchholz. „Ich erwarte bei dem Termin klare Vorschläge, die wirklich stabilere Verkehre erzielen.“

Der Liberale bekräftigte, von den bereits gegen die Deutsche Bahn verhängten Strafzahlungen in Höhe von 2,1 Millionen Euro keinen Deut abzurücken. Auch wenn solche Sonderminderungsrechte nicht ausdrücklich in den Verkehrsverträgen erwähnt seien, so handele es sich um ein allgemeines juristisches Prinzip. Buchholz: „Soll mich die Deutsche Bahn doch verklagen. Den Prozess führe ich gern.“ In der Vergangenheit habe es eine zu große Nähe zwischen Politik und dem Verkehrskonzern gegeben.

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