Diese Woche in Kopenhagen

Crazytown oder eine Telenovela für Politikjunkies

Jan Diedrichsen
Jan Diedrichsen Sekretariatsleiter Kopenhagen
Kopenhagen
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US-Präsident Donald Trump Foto: Kevin Lamarque/Ritau Scanpix/Reuters

In Amerika wird derzeit gekämpft, Trump hat mächtige Gegner und bestreitet sozusagen einen „Endkampf“. Falls er verliert, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er auch juristische Konsequenzen tragen muss, hoch. Es geht um seine Existenz, meint der Leiter des Kopenhagener Sekretariats der deutschen Minderheit in Dänemark, Jan Diedrichsen.

Ich gebe zu, ich bin abhängig. Wenn es 19 Uhr wird, kribbelt es mir in den Fingern. Ich muss irgendwo einen Fernseher oder zumindest eine gute Internetverbindung finden. Es ist Wolf-time. Es ist Zeit für CNN. Die Berichterstattung aus dem Weißen Haus, über die amerikanische Politik, über Donald Trump sind zu meiner täglich, immer süchtiger machenden Telenovela geworden. Ich bin aber noch weiter in den Sumpf abgesackt. Ich habe Enthüllungsbücher gelesen. Sei es vom geschassten FBI-Direktor Comey oder „Fire and Fury“ auch das Schundbuch „An Insider's Account of the Trump White House“ von Omarose Newman steht gelesen im Bücherregal. Ja, ich habe die Todsünde aller Buchhandlungsliebhaber (zu denen ich im Normalfall auch gehöre) begangen. Ich habe das Enthüllungsbuch des legendären Watergate-Journalisten Bob Woodward beim bösen Amazon vorbestellt. Nein, ich bin noch nicht so tief gesunken und habe mir die Twitter-Tweets von Donald Trump als Push-Nachrichten auf mein Handy installiert ... doch wie lange noch ...

Es wäre ein vergebliches Unterfangen, in dieser Kolumne festlegen zu wollen, was seit der Amtseinführung von Trump die größten Skandale gewesen sein mögen. Der Mann schafft es, immer wieder eine Schippe drauf zu legen. Wir haben uns an den täglichen Wahnsinn gewöhnt. Bob Woodward zitiert Trumps Chief of Staff, (der natürlich dementiert hat) dass der berühmte West Wing im Weißen Haus einem „Crazytown“ gleichkommt. In dem Buch wird Trump die geistige Fähigkeit eines Fünft- oder Sechstklässlers bescheinigt. Unübertroffen ist seine Ignoranz demnach nur noch von seiner Boshaftigkeit und Rachsucht. Doch warum schreibe ich das alles, warum teile ich meine Sucht nach Nachrichten aus Trumps Crazytown?

Eine entscheidende Schlacht ist im Gange

Ich bin der Auffassung, eine entscheidende Schlacht ist im Gange. Ich benutzte bewusst das martialische Wort. Dabei meine ich nicht die schwerwiegenden Folgen eines potentiellen Handelskrieges, dem Austritt der USA aus der transatlantischen Zusammenarbeit und dem Kuschelkurs mit den Mördern und Autokraten unseres Jahrhunderts. Dies ist schlimm genug. Aber in der USA ist der „battleground“ der Zukunft zu beobachten. Setzen sich die (zum Teil ökonomisch erfolgreichen) Autokratien, mit dem starken Mann an der Spitze durch? Ich denke hier an Trump, Putin, Erdogan, Xi Jinping, Orban, Kaschinski. Die Bias des „es geht uns immer schlechter“ und die grassierende Abstiegsangst ganzer Gesellschaftsschichten hat einen Mechanismus des „wir müssen uns wehren“, „wir müssen uns gegen die anderen abgrenzen“, mit sich geführt. Für diese Entwicklung ist Trump die beinah kafkaeske Überzeichnung. Eine enorm gefährliche Karikatur einer schleichenden politischen Entwicklung.

In Amerika wird derzeit gekämpft, Trump hat mächtige Gegner und bestreitet sozusagen einen „Endkampf“. Falls er verliert, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er auch juristische Konsequenzen tragen muss, hoch. Es geht um seine Existenz. Am Freitag hat sich Obama mit einer einstündigen Rede erstmals kämpferisch eingeschaltet (ein weiterer Höhepunkt der Telenovela). Er hat nichts von seinem Pathos verloren, dessen man am Ende seiner zehnjährigen Amtszeit mangels konkreter Errungenschaften etwas überdrüssig war. Aber wie sehnt man sich nach dem eloquenten Redner. Er befeuert mit seiner Rede den Konflikt und Obama wird als Kämpfer für „das andere Amerika“ gebraucht. Sollte sich in den USA nämlich das System-Trump durchsetzt, dann hätte dies katastrophale Auswirkungen auf die sog. westliche Demokratie – und somit auf uns alle.
Eine letzte Anmerkung an alle Russlandversteher, Erdogan-Freunde, Orban-Bewunderer etc.

Nein, Amerika ist nicht der neue Feind und wir sollten differenzieren. In Amerika wird ein Kampf geführt, der erbarmungslos in den Medien und der Gesellschaft ausgetragen wird; mit dem Mittel der Wahlen (wenn diese nicht gerade vom russischen Geheimdienst manipuliert werden) als Bewertungsmaßstab. In Russland und der Türkei sowie China, wären die Journalisten, die in der USA eine so beeindruckende Herkulesarbeit leisten, schon lange im Gulag oder Kerker verschwunden.

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