KULTURKOMMENTAR

„Endlich Erlösung“

„Endlich Erlösung“

„Endlich Erlösung“

Apenrade/Aabenraa
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Warum ist es eigentlich so schwer zu verzichten? Jedes Jahr aufs Neue stelle ich mir diese Frage, wie vermutlich viele andere Menschen auch. Die Fastenzeit neigt sich dem Ende, und wieder einmal hatte auch ich mir geschworen, sieben Wochen lang auf allerlei Süßes, Salziges und Kalorienreiches zu verzichten, in der Hoffnung ...

Ja, in welcher Hoffnung denn eigentlich?

Zugegebenermaßen liegt meiner temporären Abstinenz auch die Hoffnung auf ein paar Kilos weniger auf den Hüften zugrunde. Als viel wichtiger empfinde ich es jedoch, bewusster mit dem umzugehen, was ich mir und meinem Körper täglich so zumute: ein Schokoriegel hier, die Chips am Abend da.

Und dann noch diese unverschämt hohe Anzahl selbst gebackener (oder selbst gekaufter) Kuchen, die es beinahe täglich in den Mittagspausen der Redaktion zu vertilgen gibt. Dass das nicht gesund sein kann, ist klar. Daher wähle ich einmal im Jahr den radikaleren Weg und verkneife mir jegliche Leckerei und merke dann erst wieder, wie gut es sich zeitweise auch ohne leben lässt.

Ja, mein Körper funktioniert auch ohne eine tägliche Schokoladendosis. Ich kann auch ohne Gummibärchen produktiv sein. Und, auch wenn es schwerfällt: Nicht jedes Mahl bedarf eines süßen Abschlusses, um satt und glücklich zu sein. Ich lebe im Überfluss, alles (und vor allem Ungesundes) ist immer verfügbar und wird an jeder Ecke beworben.

So richtig deutlich wird mir das erst, wenn ich vor einem fünf Meter langen Regal voller Süßigkeiten im Supermarkt meines Vertrauens stehe und mich zwischen mindestens vier verschiedenen Sorten von Gummibärchen entscheiden muss, die mir eigentlich so überhaupt nicht guttun.

Die Fastenzeit zeigt mir auch, wie abhängig ich eigentlich schon bin von Zucker und Schokolade, Sahne und Karamell. Denn sobald meine selbst gewählte Qual am Ostersonntag überstanden ist, lange ich fleißig zu und probiere mich durch sämtliche verfügbaren Süßwaren, Kuchen und Eissorten. Der Lernfaktor bleibt nur für kurze Zeit bestehen – übrigens genauso wie die wenigen verlorenen Kilos auf meinen Hüften – und darüber ärgere ich mich extrem. Ich kann doch ohne, warum tue ich es dann nicht? Warum lasse ich mich immer wieder verführen?

In diesem Jahr ist der Vorsatz wieder ganz klar: dranbleiben. Mich im „Nein-Sagen” üben, Möhre statt Chips am Abend auf der Couch. Die besagten Redaktions-Kuchen allerdings werde ich nicht so einfach links liegen lassen können. Man lebt ja schließlich nur einmal.

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