Leitartikel

„Das macht man nun mal so“

„Das macht man nun mal so“

„Das macht man nun mal so“

Sara Wasmund
Sara Wasmund Hauptredaktion
Apenrade/Aabenraa
Zuletzt aktualisiert um:

Nicht alles ist auf dem Deutschen Tag vorhersehbar, meint Nordschleswiger-Redakteurin Sara Wasmund. Eines allerdings schon: das Händeschütteln zur Begrüßung. Ganz normal, oder etwa doch nicht?

Wird die Sahnetorte wieder so unverschämt gut schmecken? Geht Festredner Bernd Fabritius in seiner Ansprache auf die Grenzkontrollen ein? Und wird es mir in diesem Jahr endlich einmal gelingen, erstmals keine Nieten aus der Tombola-Röhre zu fischen?

Nicht alles ist beim Deutschen Tag vorhersehbar. Doch eines kann ich schon vorab sagen: wie die Begrüßung zwischen den Besuchern ausfallen wird. Die meisten werden sich die Hand geben. Einige werden sich umarmen. Oder, unter Männern sehr beliebt, sich auf die Schulter schlagen (nicht zu fest!). Und ich weiß, dass kaum jemand seinem Gegenüber erst die Stirn und dann die Nase anlegen wird, so wie es bei den Maori Brauch ist, den Ureinwohnern Neuseelands.

Denn das macht man nun mal so, sich die Hand geben. Wohl keiner der Gäste wird sich im Vorfeld Gedanken darüber machen, wie man Freunde und Bekannte begrüßen wird. Wir wissen en detail, wie das geht.

Die Hand fährt aus, willkommen, schön dich zu sehen. Schütteln, drücken (nicht zu kräftig). Zum rechten Zeitpunkt die gereichte Hand wieder loslassen (bloß nicht zu lange festhalten). Wir tun das, weil wir es gelernt haben, es als Teil unserer Normalität und Identität abgespeichert haben.

Das uns so verinnerlichte Händeschütteln war am Freitag im dänischen Parlament erneut Kern einer hitzigen Debatte. Soll man Menschen, denen unsere Normalität des Händeschüttelns fremd ist, gesetzlich dazu verpflichten?

Die Frage ist doch: Kann man kulturelle Identität per Gesetz anordnen? Befürworter des Gesetzes argumentieren damit, dass die in Dänemark geschätzte Gleichheit zwischen Mann und Frau respektiert werden muss.

Als ich vor einiger Zeit einen Imam zum Interview im Medienhaus erwartete, dachte ich zuvor darüber nach, wie wir uns wohl begrüßen würde. Ich verhielt mich abwartend, er reichte mir die Hand. Es war wohl das erste Mal, dass ich mir über das Geben der Hand Gedanken gemacht hatte. Aber ich erinnere mich auch, dass ich keine Probleme damit gehabt hätte, wenn wir uns freundlich zugenickt hätten. Ich empfand sein Eingehen auf meine Tradition wertschätzend, aber nicht notwendig. Man kann sich auf vielfältigste Weise begrüßen und einander Respekt zollen.

Warum fällt es uns inmitten unserer Normalität oft so schwer, großzügig gegenüber Normalität und Identität anderer zu sein?

Man kann selbst ja so viel falsch machen – bei all den ungeschriebenen Normen und Regeln! Nirgends steht, dass man beim Julefrokost-Büfett den Fisch vor dem Fleisch isst, und doch tun es alle. Befremdung und Entrüstung schlugen mir entgegen, als ich beim dritten Nachladen mit Hering zurückkam. Das tut man nicht! Finde ich mittlerweile übrigens auch. In Deutschland wiederum löse ich am Frühstückstisch Schreie des Entsetzens aus, wenn ich mir, ganz wie in Nordschleswig üblich, eine dicke Schicht Marmelade auf mein Käsebrötchen schmieren. Bestes Topping ever.

Mein „Normal“ aus der Kindheit, könnte man sagen, wurde um weitere Normalitäten ergänzt. Innere Prägung und eigenes Empfinden entstehen nun mal im Zusammensein mit anderen – und nicht durch Gesetze. Wäre ich in einer Kultur aufgewachsen, in der das Handgeben zwischen Mann und Frau so fremd ist, wie für mich das Begrüßungsritual der Maori, ich müsste mich wohl jedes Mal überwinden.

So unterschiedlich wir Menschen auch sind, uns allen ist gemein, dass wir unsere Identität, unser Selbstverständnis, unser „Das macht man nun mal so“ darauf aufbauen, was wir in unserer Kindheit als Normalität erleben. Diese Prägung lässt uns nie wieder los. Sie bestimmt unseren Umgang mit anderen Menschen, unsere Sicht auf „angenehm“ und „unangenehm“, auf unmöglich, denkbar und „voll in Ordnung“. So lange, bis neue „Normals“ hinzu kommen.

Keine Prägung ist richtiger oder falscher als die andere. Zumindest, sofern man sein Gegenüber respektiert und in Frieden leben lässt. Können wir uns vor diesem Hintergrund nicht eine gewisse Großzügigkeit im Miteinander leisten? Ein eigenes Selbst-Verständnis anderen zugestehen: So viel Selbst-Bewusstsein sollten wir haben. Und wenn sich am Deutschen Tag jemand nach Art der Maori begrüßen will: Nur zu!

Mehr lesen

Leitartikel

Sara Wasmund
Sara Wasmund Hauptredaktion
„Bildung in Balance“

Leitartikel

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
„Løkkes Befreiungsschlag “