Leitartikel

Wenn die wüssten …

Sara Wasmund
Sara Wasmund Hauptredaktion
Apenrade/Aabenraa
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Touristen sind vielerorts zur Plage geworden. Nicht so in Nordschleswig, hier kämpfen Tourismusunternehmen um mehr Urlauber. Dies sei richtig. Nicht zuletzt, weil das Grenzland hier eine ganz besondere Geschichte erzählen kann. Aber lieber vor der Aufgabe stehen, Touristen ins Land zu holen, als sie wieder loswerden zu wollen, meint Sara Wasmund.

In Barcelona kotzen Partytouristen allnächtlich den Stadtstrand voll und in Thailand sieht man an den „einsamen Traumstränden“ so mancher Insel den Strand vor lauter Booten nicht mehr, die Touristen aus aller Welt zu jenen Schauplätzen von „The Beach“ anlanden, die Natur pur versprechen. Die einsamen Strände sind längst untergegangene Utopien, ersoffen im Meer des Massentourismus. In Nordschleswig ist man von solchen Zuständen noch so weit entfernt wie Deutschland vom WM-Titel.

Es gibt hunderte kleiner Buchten und Strände, an denen man völlig alleine vor sich hinträumen kann. Und es kommt nicht selten vor, dass man auf einem lieblich gewundenen Küstensträßchen entlang der Förden und Sunde dahinfährt, ohne auch nur einem einzigen Auto zu begegnen. Ein Zustand, von dem die Einwohner Cornwalls in Südengland nur träumen können. Dort verstopfen Reisebusse regelmäßig kleine Straßen und Küstenorte, und an nicht wenigen Panoramaklippen zwischen Plymouth und Penzance muss man Schlange stehen, um einen Blick auf die vollen Badestrände unter sich zu werfen. Bei Rosamunde Pilcher im ZDF sieht das irgendwie immer anders aus…

„Destination Sønderjylland“, der Tourismusverband für Nordschleswig, tut das, was beispielsweise die Stadt Amsterdam mittlerweile komplett eingestellt hat: Um Touristen werben. Denn Urlauber geben gerne Geld aus, setzten sich an gedeckte Tische einheimischer Restaurants, kurbeln die lokale Wirtschaft im Supermarkt an und kaufen sich für Zuhause gerne auch mal einen getöpferten Gravensteiner Apfel, eine Keramikrobbe von Röm oder einen Koffer voll mit Herrnhuter Honigkuchen.

Touristen aus dem Ausland, man kann es für Nordschleswig nicht anders sagen, fallen hierzulande eher selten, und vor allem nicht unangenehm auf. Mag sein, dass die Bestellung eines Fischtellers im Hafen von Havneby im Sommer etwas länger dauert, wenn die Familie aus Bad Berleburg kurz vor einem die Bestellung aufgibt. Und es kann schonmal vorkommen, dass man im Supermarkt an der Kasse einen Faden Geduld benötigt, weil das Paar aus Neuruppin die dänischen Kronen studiert, bevor es bezahlt („Ist DAS die Königin?“).

Aber alles in allem lebt es sich in Nordschleswig gut – auch mit Touristen. An Orten auf der ganzen Welt ist mit Interesse zu beobachten, wann und wie aus dem Wunsch nach mehr Touristen der Wunsch nach weniger Touristen wird.

Nordschleswig hat in Sachen Feriengäste sicher noch so einiges an Luft nach oben. Doch dadurch kann man bis auf Weiteres all die Naturschönheiten, nicht überlaufene Museen und Innenstädte genießen, durch die man schlendern kann, ohne dass einem von umherschwingenden Selfiesticks das Eis aus der Hand geschlagen wird.

Kürzlich taufte ein lokaler Radiosender Ortschaften in Nordschleswig wegen des perfektem Sommerwetters um: Tondern wurde zu Tonderiffa, Blans zu Blansarote. Und ganz ehrlich: in Gedanken an all die vollen Strände dieser Welt badet es sich am kleinen Strand vor Ballebro gleich dreimal so gut. Wenn all die Urlauber wüssten, wie schön es hier ist – man würde sie nie wieder los…

Es ist wichtig und richtig, dass die Touristiker von Destination Sønderjylland die Region Nordschleswig professionell vermarkten und neue Urlauber in den Landesteil holen. Nicht zuletzt, weil das Grenzland hier eine ganz besondere Geschichte erzählen kann. Aber lieber vor der Aufgabe stehen, die Touristen ins Land zu holen, als sie wieder loswerden zu wollen.

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