Lesung

Lesung mit Jan Brandt: Jede Heimat hat ihre Zeit

Lesung mit Jan Brandt: Jede Heimat hat ihre Zeit

Lesung mit Jan Brandt: Jede Heimat hat ihre Zeit

Sara Wasmund
Sara Wasmund Hauptredaktion
Apenrade/Aabenraa
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Jan Brandt bei der Lesung im Haus Nordschleswig Foto: Claudia Knauer

Wie kann man Heimat finden, wenn man andauernd umziehen muss? Und was bedeutet schon Heimat, wenn einem die Menschen dort längst fremd geworden sind? Schriftsteller Jan Brandt hat auf Einladung der AG Literatur bei einer Lesung in der deutschen Bücherei Gedankenimpulse gegeben.

Kann man als Schriftsteller Einfluss nehmen auf gesellschaftspolitische Entwicklungen, wenn man in seinen Büchern die Probleme umschrieben und klar benannt hat? Reagiert da jemand, Jan Brandt? Bislang nicht wirklich, aber die Bücher sprechen dennoch für sich, so der Autor. Am Dienstagabend las Brandt auf Einladung von BDN Kultur AG Literatur im Haus Nordschleswig Passagen aus seinem neuesten Buch vor. Und gab Antworten sowie Einblicke in sein Schreiben und Denken.

Der Schriftsteller hat in seinem neuesten Buch „Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt“ u. a. die dramatische Situation des Berliner Mietwohnungsmarktes beschrieben. Brandt mittendrin. Elf Monate auf der Suche nach einer bezahlbaren Wohnung. Hat er einen politischen Anspruch?

„Alle meine Bücher sind politisch orientiert. In meinem neuen Buch beschreibe ich ein konkretes signifikantes politisches Versagen. Es drängen globale Investmentfirmen auf den Markt, die dem normalen Mieter die Wohnung nehmen.“

Ein nüchterner, beobachtender Blick auf die Situation

Jan Brandt hat aus seiner eigenen Wohnungssuche Literatur geschaffen. Sein Erleben verarbeitet, fiktionalisiert, in Worte gegossen.

Wieder einmal. Bereits seine Bücher „Gegen die Welt“ und „Tod in Turin“ sind entstanden aus verarbeitetem Erleben, gespickt mit fiktiven Gesprächen und Erlebnissen.

So wie die Wohnungsbesichtigung in der Schöneberger Erdmannstraße, die Brandt am Dienstagabend aus seinem neuen Buch vorlas. 200 Menschen, die für eine Wohnungsbesichtigung Schlange stehen. Dicht an dicht. Die Prozession im Treppenhaus, die Besichtigung in Zehnergruppen. Fragebogen ausfüllen, „keine Bürgen!“, zerbrochene Kacheln im Bad, erneut eine Absage. Die Wohnungsvermittlerin, die mit Goldschmuck, Gier und Gefühllosigkeit glänzt.

Ein Ausschnitt, der typisch ist für Brandts Art zu schreiben. Ein nüchterner, beobachtender Blick auf die Situation. Sätze, die gespeist sind aus vielen kleinen Details und Klängen, dass man sich als Leser und Zuhörer umgehend in der betreffenden Episode, in der beschriebenen Zeit befindet. Ob die 1970er voller ,,Schlickersachen“ und Hermes-Paketshops oder 2016 in Berlin im Gespräch mit Tobias und Gabi nach einer weiteren Wohnungsbesichtigung.

Das Haus seines Urgroßvaters ist mittlerweile Geschichte, Jan Brandt hat seine eigene Geschichte darüber geschrieben. Das Ergebnis ist das Buch „Ein Haus auf dem Land“. Foto: Claudia Knauer

Die AG Literatur hatte sich im Vorfeld intensiv mit den Büchern des Autors beschäftigt. Brandts literarische Beschreibungen bauen nicht nur auf reinem Beobachten auf. Auch die intensive Recherche im Vorfeld eines Buches, Interviews mit Zeitzeugen, all das verdichtet sein Schreiben, zieht hinein in seine beschreibende und doch fiktive Realität.

Zustande gekommen war der Besuch des ,,Spiegel“-Bestseller-Autors („Gegen die Welt“) über Bibliothekarin Ingela Wieking, deren Vater ebenfalls aus Ostfriesland kommt – und mit Brandt bei einem Konfirmationsjubiläum im Heimatort ins Gespräch kam. „Du sagtest: ,Meine Tochter arbeitet in der deutschen Bücherei in Dänemark – vielleicht kommst du da mal vorbei?‘“, erzählte Brandt am Dienstag „und jetzt bin ich hier.“

Weg war sie, die Heimat. Plattgemacht

Um der Berliner Immobilienhölle zu entkommen, hatte Brandt 2016 kurzzeitig versucht, das Haus seines Urgroßvaters in Ostfriesland zu kaufen. Doch der alte Hof wurde anderweitig verkauft, ein Investor riss es ab und baute auf dem Grundstück acht Wohnungen mit Fahrstuhl. Weg war sie, die Heimat. Warum macht man Jahrhunderte Dorfgeschichte einfach platt? Wie sah die Dorf- und Familiengeschichte überhaupt aus, damals?

Wie geht man mit Heimatlosigkeit, Entwurzelung, mit Wohnen auf Zeit um? In seinem neuesten Werk verknüpft Brandt diese Fragen, schreibt über seine so schwer zu findende „Wohnung in der Stadt“ und des Großvaters „Haus auf dem Land“. Zwei Bücher in einem, und weil jedes für sich spricht, erzählt und lebt, muss man Brandts neues Buch in der Mitte umdrehen, um weiterzulesen.

Die Muster der Gesellschaft werden umgedreht und entstaubt

Und so stellt der 1974 geborene Autor nicht nur die Heimat in Ostfriesland mit seinen Betrachtungen auf den Kopf. Auch die Muster der Gesellschaft werden umgedreht und hervorgekramt, entstaubt und decouvriert. Um das zu Wort kommen zu lassen, was ist: das Leben, das durch Zeit und Raum überall anders ist und nie bleibt, wie es einmal war.

„So ein Publikum wie euch hatte ich, glaube ich, noch nie – ihr kanntet ja tatsächlich alle meine Bücher“, ließ Brandt am Ende der Lesung wissen, nachdem diese mit einer umfassenden Fragerunde zu Ende gegangen war.

Weitere Informationen zu Jan Brandt und seinen Büchern: http://www.dumont-buchverlag.de/autor/jan-brandt/

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