Schulseelsorge

„Manchmal reicht es, die Dinge mal ausgesprochen zu haben“

„Manchmal reicht es, die Dinge mal ausgesprochen zu haben“

„Manchmal reicht es, die Dinge mal ausgesprochen zu haben“

Bettina P. Oesten
Apenrade/Aabenraa
Zuletzt aktualisiert um:
Foto: Karin Riggelsen

Seit einem Jahr gibt es am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig eine Schulseelsorge, die von Pastorin Anke Krauskopf betreut wird. Neben den Schülern können auch Eltern das Angebot in Anspruch nehmen.

Einsamkeit, Stress durch Leistungsdruck, Suchtgefahr durch digitale Medien – die Probleme und Herausforderungen, denen sich die heutige Jugend gegenübergestellt sieht, sind vielfältiger Natur. Mit guten Argumenten und Ratschlägen ist es da oft nicht getan. Vielmehr braucht es in vielen Fällen einen erfahrenen Gesprächspartner, der einfach nur zuhören und vielleicht Lösungsansätze und -wege aufzeigen kann.

Seit einem guten Jahr gibt es am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig (DGN) in Apenrade das Angebot einer Schulseelsorge, das von Pastorin Anke Krauskopf, die dafür eigens eine Zusatzausbildung absolvierte, betreut wird. Ein- bis zweimal im Monat, bei Bedarf auch in kürzeren Abständen, leiht sie mittwochs von 8 bis 10 Uhr Schülern ein Ohr, bei denen an der einen oder anderen Stelle der Schuh drückt. Grundsätzlich gilt das Angebot für alle Klassenstufen, davon Gebrauch machten bisher in erster Linie die 16- bis 19-jährigen Schüler. Im Prinzip können alle, die an der Schule arbeiten, sich für ein Gespräch bei der Schulseelsorge anmelden. Über Facebook, das schulinterne Intranet und auch bei der monatlichen Infopause wird regelmäßig über das Seelsorge-Angebot informiert. Auch Eltern sind herzlich willkommen, z. B. wenn sie bei den schulischen Problemen ihrer Sprösslinge mit ihrem Latein am Ende sind.

Wo drückt bei den Jugendlichen, die die Schulseelsorgerin aufsuchen, denn typischerweise der Schuh?

Für stressgeplagte Schüler oder Eltern, die mit ihrem Latein am Ende sind, gibt es am DGN seit einem Jahr die Schulseelsorge. Pastorin Anke Krauskopf ließ sich dafür zur Schulseelsorgerin ausbilden. Foto: Karin Riggelsen

„Das kann etwas Familiäres, das kann Liebeskummer, Schulangst oder Einsamkeit sein, das können auch Geldsorgen sein – alles, was man sich vorstellen kann, was junge Menschen bedrückt und was sie nicht unbedingt mit Lehrern besprechen möchten. Manchmal wollen sie auch ihre Eltern damit nicht belasten, oder es handelt sich um einen familiären Konflikt, wo es guttut, bei jemandem, der neutral ist, einfach mal abzulassen. Einsamkeit ist immer ein Problem, wenn Schüler neu an die Schule kommen. Da haben sie oft das Gefühl, keiner mag mich, alle finden mich doof, ich kenne hier keinen und komme auch mit keinem in Kontakt.“

Ein ganz großes Problem sei, so Anke Krauskopf, auch der Leistungsdruck, den die Schüler hätten oder den sie sich selbst machten oder von den Eltern bzw. Lehrern machen ließen.

„Ich bin ja auch Mutter, ich weiß, wie das ist. Natürlich möchtest du für dein Kind, dass es gut durch die Schule kommt. Aber dieser Druck, dieses Gefühl, dass ich im Leben und in dieser Welt nur bestehen kann, wenn ich alles mit einer Zwölf abschließe, das ist ein Wahnsinn. Bei den Mädchen macht sich auch der Schönheitswahn breit. Die sind – um es mal etwas krass auszudrücken – alle „Germany’ Next Top Model“ -verseucht. Sie haben teilweise ein sehr ungesundes Körperbewusstsein, meinen, dem Vergleich mit Heidi Klums Modells standhalten zu müssen. Es gehört heute so viel innere Stärke dazu, als junge Heranwachsende zu sich zu stehen, sich keinem Schönheitsdiktat zu unterwerfen, sich einfach so zu akzeptieren, wie man ist.“

Ein Seelsorge-Gespräch dauert meist eine halbe Stunde – wenn es wirklich hart auf hart kommt, auch mal eine Stunde. In 30 Minuten könnte man, so weiß es die Pastorin, aber gut eine Kurve beschreiben, bis man das Problem, um das es geht, zu fassen bekommt.

„Vielleicht findet man einen Weg, vielleicht auch nicht. Manchmal reicht es einfach, die Dinge mal ausgesprochen zu haben. Als Seelsorgerin bin ich nicht die Beraterin, die sagt, mache es mal so oder so, sondern es geht immer darum, den Schülern einen Perspektivwechsel anzubieten, ihnen ein Ohr zu leihen und ihnen klarzumachen, dass die Lösung in ihnen selber liegt. Guck auf dich selbst, was brauchst du, was tut dir gut?“

Manchmal gibt die erfahrene Menschenkennerin den Schülern, von denen einige mehrmals zu ihr kommen, auch etwas mit, womit sie zu Hause weiterarbeiten können. Das können z. B. Bewegungs- und Entspannungsanreize sein.

Heutzutage suchen Jugendliche vermehrt Entspannung durch digitale Medien. Es ist immer gut, wenn sie zu der Erkenntnis kommen, dass es auch noch andere Dinge im Leben gibt.

Anke Krauskopf

„Heutzutage suchen Jugendliche vermehrt Entspannung durch digitale Medien. Es ist immer gut, wenn sie zu der Erkenntnis kommen, dass es auch noch andere Dinge im Leben gibt, wie Sport, Musik, Theater, Lesen usw. und einfach mal Entspannungspausen außerhalb der digitalen Welt einlegen. Oft reicht es ja schon, das Fenster ein paar Minuten aufzumachen und tief durchzuatmen oder eine Runde mit dem Hund zu gehen. Im Prinzip ist es egal, was es ist. Hauptsache, man schaltet den Computer oder das Smartphone aus und macht eine Pause, um mal runterzukommen.“

Für die gebürtige Hagenerin heißt Schulseelsorge nicht nur, Beratungsgespräche zu führen. Schulseelsorge kann auch sein, dass gemeinsam Gottesdienst gefeiert oder zu Filmabenden geladen wird. Im Rahmen ihrer seelsorgerischen Tätigkeit plant die engagierte Pastorin zudem einen sogenannten Oasen-Tag für (belastete) Schülerinnen, die z. B. mit einem verminderten Selbstwertgefühl zu kämpfen haben.

„Ich würde diesen Schülerinnen mit einen Wellness-Tag gern zu einem Druckabbau und einem besseren Körpergefühl verhelfen, z. B. durch Massage, Fußreflexzonenbehandlung, Typberatung und Trommelworkshop. Das Ganze könnte man unter ein Thema stellen (z. B. „Lieber klug als schön“) und auch spirituell durch ein kleines kirchliches Ritual begleiten. Ich stelle mir vor, dass wir so einen Entspannungs- und Aufbautag zweimal jährlich kostenlos anbieten. Es haben sich bereits einige Freiwillige bei mir gemeldet, die ein solches Angebot gern mitgestalten würden.“

Noch ist es nicht so weit, aber bis dahin ist durch die Schulseelsorge zumindest schon mal dafür gesorgt, dass Jugendliche am DGN mit ihren Sorgen und Nöten nicht alleingelassen werden, sondern einen festen Anlaufpunkt haben, an dem sie ein offenes Ohr für ihre Probleme finden.

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