Regionsratswahlen

Regionsratskandidaten lernten bei der Minderheit

Regionsratskandidaten lernten bei der Minderheit

Regionsratskandidaten lernten bei der Minderheit

Apenrade/Aabenraa
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Während der Veranstaltung mit Kandidatinnen und Kandidaten für den Regionsrat Süddänemark nutzten Vertreter der deutschen Minderheit in Nordschleswig die Möglichkeiten, eigene Anliegen zu erläutern. Foto: Karin Riggelsen

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Beim „Runden Tisch“ im Haus Nordschleswig in Apenrade wies Sekretariatschef Harro Hallmann die Politikerinnen und Politiker auf die Rechte der deutschen Nordschleswiger in Sachen sprachliche Berücksichtigung auf Basis europäischer Konventionen hin. Es wurde Kritik am Predigtgesetz laut – und es gab Unterstützung für deutschsprachige Schilder.

Während des „Runden Tisches“ im Haus Nordschleswig am Dienstag haben Vertreter der deutschen Minderheit den dort anwesenden Kandidatinnen und Kandidaten für Sitze in dem am 16. November neu zu wählenden Regionsrat Süddänemark eine Reihe Informationen und Wünsche der Minderheit mit auf den Weg gegeben.

Sekretariatsleiter gab Lehrstunde

Und sie konnten bei der Minderheit lernen, als der Leiter des deutschen Sekretariats in Kopenhagen, Harro Hallmann, über die in Dänemark geltenden Konventionen des Europarats informierte. „In Dänemark gilt die Rahmenkonvention zum Schutz nationaler Minderheiten ebenso wie der Sprachpakt zur Förderung der Minderheitensprachen“, so Hallmann, der auch an die berühmte Menschenrechtskonvention des bereits 1949 gegründeten Europarats erinnerte, der keine Institution der Europäischen Union ist und mit 47 Staaten viel mehr Mitglieder hat als die EU.

Der Sprachenpakt besagt, dass Deutsch in Nordschleswig keine Fremdsprache ist.

Harro Hallmann, Leiter des Sekretariats der deutschen Minderheit in Kopenhagen

„Der Sprachenpakt besagt, dass Deutsch in Nordschleswig keine Fremdsprache ist“, so der Sekretariatschef, der daran erinnerte, dass nach wie vor die vom Folketing ratifizierten Verpflichtungen hinsichtlich der sprachlichen Berücksichtigung der deutschen Minderheit im öffentlichen Leben nicht alle umgesetzt worden sind. „Dazu zählt, dass deutsche Vereine innerhalb der Minderheit bei den dänischen Steuerbehörden anecken, weil sie ihre Satzungen in deutscher Sprache verfasst haben“, so Hallmann, der betonte, dass die deutschen Nordschleswiger im europäischen Vergleich zu den privilegierten nationalen Minderheiten zählen, aber doch noch Verbesserungen im Hinblick auf die sprachliche Berücksichtigung des Deutschen im öffentlichen Raum möglich sind.

Harro Hallmann informierte die Politiker über Europaratskonventionen zum Vorteil der deutschen Minderheit in Dänemark. Foto: Karin Riggelsen

„Dazu zählen auch die zweisprachigen Ortstafeln“, so der Sekretariatsleiter und forderte die Regionsratsaspirantinnen und -aspiranten auf, zu dieser Thematik Stellung zu beziehen. Der Vorsitzende des Bundes Deutscher Nordschleswiger (BDN), Hinrich Jürgensen, nannte die Möglichkeit, dass in den kommunalen Verwaltungen in Nordschleswig Mitarbeiter ein Schild mit dem Hinweis „ich spreche Deutsch“ verwenden könnten. „Leider sprechen auch hier entlang der Grenze inzwischen unter 50 Prozent der dänischen Einwohner Deutsch“, so Jürgensen.

Bedarf an deutscher Sprache im Alltag

Er verdeutlichte an einem Beispiel, dass Bedarf für Service mit deutscher Sprache im Alltag in Nordschleswig besteht: „Wir erleben bei sehr alten Menschen in der Minderheit, dass diese im Zuge von Demenzerkrankungen nur noch in ihrer Kindheitssprache, in deutscher Sprache, Dinge verstehen. Da ist es wichtig, dass Pflegepersonal deutsche Sprachkenntnisse besitzt.“

Der Regionspolitiker Niels Møller Jessen von den Christdemokraten erklärte dazu, dass auch im Gesundheitswesen deutsche Sprachkenntnisse wichtig seien. Wichtig sei aber auch deutsch-dänischer Kulturaustausch. „Da fehlt es in Dänemark oft an grundlegender Einsicht, wie die Pläne der Regierung für ein Gesetz für eine Pflicht zur Übersetzung von Predigten ins Dänische gezeigt hat“, so Jessen.

Das sozialdemokratische Regionsratsmitglied Jørn Lehmann Petersen erinnerte während des „Runden Tisches" an die Bonn-Kopenhagener Erklärungen von 1955, die den Minderheiten im deutsch-dänischen Grenzland den Gebrauch der eigenen Sprache sichern. Er meinte. das derzeit auf Eis liegende Predigt-Gesetz verstoße gegen die Verpflichtungen von 1955. Foto: Karin Riggelsen

Während Karsten Byrgesen von Den Nye Borgerlige meinte, er lehne prinzipiell zweisprachige Schilder ab, griff der sozialdemokratische Regionspolitiker Jørn Lehmann Petersen das Thema unter Hinweis auf die Bonn-Kopenhagener Erklärungen von 1955 auf: „Darin gab es bereits den Hinweis darauf, dass die Minderheiten im deutsch-dänischen Grenzland ein Anrecht auf Hinweise in ihrer jeweils eigenen Sprache haben. Das geplante Predigtgesetz würde gegen diese Verpflichtungen verstoßen.“ Und er verurteilte die Haltung der rechten Parteien wie Den Nye Borgerlige, die es nur darauf abgesehen hätten, die Muslime in Dänemark zu treffen.

Deutsche Schilder machen Region interessanter

Der Radikale Niels Sjøberg nannte es „horribel“, dass die Sozialdemokraten in der Regierung einen Vorschlag wie das Predigtgesetz präsentieren konnten. „So etwas verstößt gegen das dänische Grundgesetz“, so der Politiker. Und er fügte hinzu: „Zweisprachige Ortstafeln gibt es in ganz Europa. Deutsche Schilder würden doch Nordschleswig interessanter machen“, meinte er. Die Vertreterin der Christdemokraten, Ester Esmarch, sagte, dass sie bei ihrer beruflichen Tätigkeit auf der Insel Röm (Rømø) mit so vielen deutschen Bürgern zu tun habe, dass es selbstverständlich wichtig sei, diesen auch mit deutschen Hinweisen im Alltag entgegenzukommen.

Vibeke Syppli Enrum von der Einheitsliste warf zum Thema zweisprachige Ortstafeln ein, dass in der EU nur Dänemark und Litauen keine zweisprachigen Ortsschilder haben. Der Vorsitzende der Schleswigschen Partei, Carsten Leth Schmidt, appellierte in seinen Schlussworten an die Regionspolitiker und -politikerinnen in spe, bei der Neuformulierung der Regionsstrategie in allen Bereichen die deutsch-dänische Zusammenarbeit einzubeziehen. „Das gilt für das Gesundheitswesen, wo die Behandlung deutscher Rheumapatienten im,Gigthospital‘ aktuell werden könnte, wie für den Umweltbereich. Und er fügte noch den Hinweis an: „In öffentlichen Broschüren in Nordschleswig taucht die Minderheit nicht auf, auch nicht in Touristikbroschüren.“

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