Naturkunst in Hoyer

Wenn die Gans zur Kunst wird

Wenn die Gans zur Kunst wird

Wenn die Gans zur Kunst wird

Annika Zepke
Hoyer/Højer
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Ben Woodhams malt an der Schleuse
Der Künstler Ben Woodhams von der Society of Wildlife Artists hat sein Zelt an der Wiedauschleuse aufgeschlagen. Dort malt er die Marschlandschaft. Foto: Elise Rahbek

Ein Kooperationsprojekt des Naturparks Wattenmeer und der Society of Wildlife Artists schickte britische Künstler zur Inspirationssuche in die Tonderner Marsch. Auf das Wetter wurde dabei keine Rücksicht genommen.

Die einheimischen Künstler aus Hoyer und Umgebung wissen es schon lange: Das Wattenmeer und die Tonderner Marschlandschaft sind hervorragende Inspirationsquellen für Künstler aller Art. Nun kamen auch britische Künstler von der „Society of Wildlife Artists“ in den Genuss, in der dänischen „Wildnis“ auf Motivsuche zu gehen. Vor allem eine machte als Motiv eine gute Figur: die Graugans.
Die „Society of Wildlife Artists“ ist eine britische Organisation für Künstler, die sich auf das Malen und Zeichnen von Tier- und Pflanzenwelt spezialisiert haben. „Ziel des Zusammenschlusses ist aber vor allem, den Leuten mithilfe von Kunst die Freude an der Natur und der Tierwelt näherzubringen“, sagt Marco Brodde, Vorstandsmitglied des Nationalparks Wattenmeer und selbst Mitglied der SWLA. Daher seien die zehn britischen Künstler nicht nur an die dänische Westküste gekommen, um selbst kreativ zu werden, sondern auch, um in Workshops ihr Wissen und ihre Erfahrung an Schüler weiterzugeben.

Kunstworkshop in Hoyer
Bei einem Workshop lernen die Schüler von der Design-Nachschule in Hoyer, worauf es bei Naturkunst ankommt. Foto: Elise Rahbek


Workshops mit Schülern

Klassen von drei verschiedenen Schulen aus der Region kamen in dieser Woche zu Besuch, um von den Künstlern zu lernen. Neben einer Schulklasse aus Hoyer, den Schülern der Design-Nachschule in Hoyer freute sich Marco Brodde besonders über die Teilnahme der Ludwig-Andresen-Schule aus Tondern. Denn bei dem Projekt, das aus einer Kooperation der „Society of Wildlife Artists“ und dem Nationalpark Wattenmeer entstanden ist, steht auch der deutsch-dänische Austausch im Fokus. „Das Wattenmeer erstreckt sich ja über drei Länder, und deswegen war es dem Nationalpark Wattenmeer auch ganz wichtig, dass die deutsch-dänische Kooperation um das Wattenmeer auch hervorgehoben werden“, erklärt Marco Brodde. „Umso schöner ist es daher, dass wir auch die Schüler der deutschen Schule in Tondern bei uns hatten“, führt er fort.

Chris Wallbank gibt eine kurze Einführung
Der britische Künstler Chris Wallbank gibt bei dem Workshop eine kurze Einführung. Foto: Elise Rahbek


In den Workshops zeigten die Künstler den Schülern, worauf es bei dem Zeichnen der Tier- und Pflanzenwelt ankommt. Mit Kreide sollten sie Landschaften – leider nur nach der Vorlage von Fotos, weil das Wetter so schlecht war – malen. Dann durften die Schüler nach ihrer eigenen Vorstellung Gänse in die Landschaft einfügen. Wie unterschiedlich die Ideen und Perspektiven dabei ausfielen, zeigten die fertigen Zeichnungen am Ende des Workshops. Von einzelnen Gänsen in Nahansicht bis hin zu fliegenden Gänseschwärmen war alles dabei und machte deutlich: Gans ist nicht gleich Gans.
Simon von der Design Nachschule in Hoyer zum Beispiel hat eine ungewöhnliche Perspektive für sein Bild gewählt, die sein Werk besonders lebendig wirken lässt. „Ich habe mir einfach vorgestellt, selbst Teil des Schwarms zu sein“, beschreibt Simon seine Vorgehensweise.
Künstler Chris Wallbank, der den Workshop leitete, gab den Schülern ein paar professionelle Tipps, wie sie ihre Zeichnungen noch lebendiger wirken lassen können: durch Bewegung. „Bewegung in ein Bild zu bringen ist eine Herausforderung, aber es gibt dem Bild auch Leben“, erklärt er.

Chris Wallbank erklärt einer Schülerin das A und O der Naturkunst
Chris Wallbank erklärt einer Schülerin, wie sie ihre Zeichnung noch lebendiger wirken lassen kann. Foto: Elise Rahbek

Namhafte Sponsoren

Das Engagement der britischen Künstler ist freiwillig, das heißt, sie bekommen für das Leiten der Workshops nur eine kleine Aufwandsentschädigung. Dennoch finanziert sich so ein Projekt nicht von allein. Zweieinhalb Jahre hat es gedauert, bis Marco Brodde genügend Sponsorengelder zusammenhatte, um das Projekt Wirklichkeit werden zu lassen. Mit der Region Syddanmark, der Stiftung „15. Juni Fonden“, Tøndermarsk Initiativet und Ecco hat er dann aber einige namhafte Sponsoren an Land ziehen können. Ecco hat neben Geld auch Outdoor-Schuhe für jeden Künstler gesponsert, schließlich arbeiten die meisten Künstler bei jedem Wetter in der freien Natur.

Harriet Mead arbeitet an ihrer Skulptur aus Eisen
Skulpturbauerin Harriet Mead arbeitet an ihrer Skulptur aus Eisen. Foto: Elise Rahbek

Aus Alt wird Neu

„Leider kann ich die Schuhe aufgrund ihrer hellen Farbe bei meiner Arbeit gar nicht einsetzen“, meint Harriet Mead mit einem Augenzwinkern. Sie ist die Präsidentin der „Society of Wildlife Artists“ und Skulpturenbauerin. Damit sie in Ruhe ihre Skulpturen schweißen kann, hatte sie ihre provisorische Werkstatt für die eine Woche im Werkraum der Digeskolen in Hoyer eingerichtet. Dort sind zwei neue Skulpturen entstanden: eine Gans und ein kleiner Vogel. Das Besondere an Harriets Skulpturen ist, dass sie vollständig aus altem Eisenmaterial bestehen. Nichts von dem, was sie verwendet, ist neu. Den Großteil des Materials für die Gans und den Vogel hat sie in einer alten Scheune gefunden. Der Besitzer hatte alle möglichen Gegenstände gesammelt und aufbewahrt. Weil der Bestand nun aufgelöst wird, konnte Harriet an Eisen mitnehmen, was immer sie für ihre Skulpturen braucht, darunter viele alte Hufeisen, Eisenketten, alte Gartenscheren und vieles mehr. Bei genauem Hinsehen kann man die Teile sogar noch an der fertigen Skulptur wiederfinden. Das Auge der Gans beispielsweise war ursprünglich mal ein kleiner Schlüssel.

Eine Gans aus Eisen
Das fertige Kunstwerk: eine Gans aus vielen verschiedenen Eisenteilen Foto: Elise Rahbek


Über den Schaffensprozess sagt sie: „Skulpturen zu machen, kann sehr frustrierend sein, insbesondere wenn man, wie ich jetzt, unter Zeitdruck steht. Die anderen Künstler können ihre Bilder ja mit nach Hause nehmen und dort weitermalen. Das geht bei den Skulpturen natürlich nicht. Aber es ist auch unheimlich aufregend.“ Das Besondere sei vor allem, dass der Betrachter seinen Blick auf die Skulptur selbst wählen kann. „Der Betrachter kann sich zum Beispiel eine Ansicht aussuchen, die ich persönlich nicht so schön finde. Aber weil Skulpturen dreidimensional sind, habe ich da als Künstler natürlich keinen Einfluss drauf“, erklärt Harriet. Bei zweidimensionalen Kunstgegenständen, wie Bildern, sei das anders, da diktiere der Künstler die Perspektive.

Esther Tyson malt an der Wiedauschleuse
Künstlerin Esther Tyson hat sich neben der Wiedauschleuse in Hoyer einen Platz zum Malen ausgesucht. Foto: Elise Rahbek

In der Natur bei Wind und Wetter

Um die Perspektive geht es auch bei den anderen Künstlern. Trotz Regens und starken Windes saßen sie in der Natur und malten. Esther Tyson hat sich einen Platz direkt hinter der Wiedau-schleuse ausgesucht. „Das Gebäude wirkt in dieser Landschaft so schön dramatisch“, findet sie. Das sei sehr inspirierend. Der Regen störe sie beim Malen nicht, nur auf die Ölfarben müsse sie deshalb leider verzichten. „Das macht sich bei Regen nicht so gut.“ Dafür kam dann einfach der Graphitstift zum Einsatz.
Ben Woodhams, ein weiterer Künstler der SWLA, hat sich auch die Schleuse im Schutz eines kleinen Zelts als Ort zum Malen ausgesucht. Er malt, passend zum Wetter, mit Wasserfarben. Auch ihn stört der Regen keineswegs. Im Gegenteil. Bei dem einen oder anderen Schauer legt er sein Bild auch mal für eine Weile in den Regen. „Das ist Teil der Geschichte“, sagt er, „denn ich will ja erzählen, was ich den Tag über erlebt habe.“ Ihm kam das wechselhafte Nordseewetter daher ganz gelegen.

Ben Woodhams hat sein Zelt an der Schleuse aufgeschlagen.
Für jedes Wetter gewappnet: Künstler Ben Woodhams Foto: Elise Rahbek

Ausstellung im Herbst 2020

Im Mai 2020 wird es ein zweites Treffen der Künstler in Dänemark geben. Dann aber ein kleines bisschen weiter nördlich, auf Fanø. Und im Herbst 2020 sollen die fertigen Werke ausgestellt werden. Auch ein Kunstband ist in Planung, in dem die Werke der Künstler noch einmal abgebildet und um ein paar Hintergrundgeschichten erweitert werden. Verfasst wird das Ganze vom britischen Autor Colin Williams, der bereits für die BBC und „The Guardian“ gearbeitet hat, und bei dem die Zusammenhänge zwischen Mensch und Natur im Vordergrund stehen.

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