Dänemark

Halbes Jahr Coronavirus – Deutsche Minderheit zieht Bilanz

Halbes Jahr Coronavirus – Deutsche Minderheit zieht Bilanz

Halbes Jahr Coronavirus – Deutsche Minderheit zieht Bilanz

Nordschleswig
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Für einige ist die Corona-Krise mit vielen Grenzerfahrungen verbunden. Foto: Karin Riggelsen

Einige Nordschleswiger berichten, wie Covid-19 ihren Alltag beeinflusst und was sich seit dem Shutdown im März verändert hat.

Sechs Monate ist es her seit Staatsministerin Mette Frederiksen (Soz.) am 11. März verkündete, dass ein Teil der Gesellschaft zum Schutz vor der Ausbreitung des Coronavirus geschlossen werden müsse. Daraufhin blieben die Türen von Kindergärten, Schulen und weitere Institutionen zu. Zahlreiche Veranstaltungen wurden abgesagt. Ein Versammlungsverbot wurde eingeführt. Zwei Tage später, am 14. März, gab Außenminister Jeppe Kofod die Schließung der Grenzen bekannt. Zwei Tage danach machte auch Deutschland die Grenzen dicht.

Was hat sich seitdem in Nordschleswig verändert? Wie hat die Corona-Krise den Alltag beeinflusst? Und was hat sich geändert? „Der Nordschleswiger“ hat in der deutschen Minderheit nachgefragt.

„Der Alltag hat sich sehr stark durch die Grenzschließung verändert. Am Anfang war das Verständnis für diese Maßnahme groß. Aber das Verständnis schwand, je länger die Grenze geschlossen blieb – besonders ab der Aufhebung der 6-Tage-Regel“, berichtet der Hauptvorsitzende des Bundes Deutscher Nordschleswiger (BDN), Hinrich Jürgensen. Er bedauert, dass viele grenzüberschreitende Veranstaltungen wie Fahrradtouren nicht stattfinden konnten. „Auch nach der Öffnung ist die Grenze sehr präsent. Die Angst in den Köpfen, dass die Grenze wieder geschlossen werden könnte, bleibt“, ergänzt Hinrich Jürgensen.

Die Angst in den Köpfen, dass die Grenze wieder geschlossen werden könnte, bleibt.

Hinrich Jürgensen, BDN-Hauptvorsitzender

Auch Ruth Candussi, die Parteisekretärin der Schleswigschen Partei (SP) verknüpft die Corona-Krise mit der Grenzschließung: „Für mich als Grenzlandbewohnerin hat die Schließung der Grenze zur Folge gehabt, dass meine persönliche Freiheit und mein Alltag im Grenzland stark eingeschränkt wurde. Dadurch ist mir bewusst geworden, dass das, was wir über viele Jahrzehnte im deutsch-dänischen Zusammenleben erreicht haben, über Nacht ein Riegel vorgeschoben werden kann. Die negativen Folgen davon werden leider noch lange anhalten.“

Die Büchereidirektorin des Verbandes Deutscher Büchereien Nordschleswig Claudia Knauer kann auch von erfreulichen Dingen während der Corona-Krise berichten: „Durch die Bücherpakete, die wir während des Shutdowns geschnürt haben, ist die Bindung zu unseren Nutzern viel enger geworden – auch unter den Mitarbeitern. Wir haben das Beste aus der Situation gemacht und sind sehr kreativ geworden.“ Claudia Knauer verspürt aber auch, dass die Besucher in den Bibliotheken immer noch zurückhaltend sind. Trotz der positiven Erfahrungen ist sich die Büchereidirektorin sicher: „Den Shutdown möchte ich nicht noch einmal durchmachen.“

Für unsere Schüler tut es mir leid, dass wir keine Schulfeste feiern dürfen.

Jens Mittag, DGN-Schulleiter

Der Schulleiter des Deutschen Gymnasiums für Nordschleswig (DGN) Jens Mittag ist vor allem aufgefallen, dass in der Schule die Routinen fehlen. „Im Prinzip muss jede Veranstaltung neu durchdacht werden: Wie organisieren wir einen Elternabend, wie können wir Gästen unsere Schule zeigen, welche Projekte lassen sich unter den Regeln durchführen.“ Er berichtet, dass die Anzahl der Abendveranstaltung langsam wieder auf dem Niveau der Vor-Corona-Zeit ist. „Nun trifft man sich wieder, aber mit weniger Leuten. Für unsere Schüler tut es mir leid, dass wir keine Schulfeste feiern dürfen. Dass der Alkoholkonsum unter den Jugendlichen in Dänemark dadurch sinkt, ist zwar eine positive Begleiterscheinung, aber trotzdem vermissen die Schüler diese ‚Highlights‘ des Zusammenseins“.

Eine Schülerin des Deutschen Gymnasiums für Nordschleswig hat den Shutdown aus einer anderen Perspektive wahrgenommen. Katharina Kley war bis Ende Juni im Rahmen eines Auslandsaufenthaltes in Uruguay und hatte Angst, nicht wieder nach Hause zu kommen. Doch zurück in Dänemark bemerkte die 17-Jährige keine großen Veränderungen im Alltag. Erst seit der Corona-Infektion in der Staatsschule rückte die Corona-Krise wieder in ihr Gedächtnis. „Ich hatte es kurz vergessen, aber jetzt kommt das Coronavirus wieder näher. Ich habe das Gefühl, dass sich die Lehrer und Schüler auf die zweite Welle vorbereiten“, so die 2. Vorsitzende der Jungen Spitzen.

Soziale Arbeit funktioniert persönlich am besten.

Ilka Jankiewicz, Familienberaterin

Auch im Studium erlebt der Vorsitzende der Jugendpartei der Schleswigschen Partei, Tobias Klindt, dass die Corona-Maßnahmen ihn beeinflussen: „Man muss im Alltag immer wieder an die Kontaktbegrenzugen denken und das ist für mich eine große Umstellung gewesen, da ich vorher sehr engagiert war und mich gerne mit Leuten getroffen habe. Was man in Dänemark, finde ich, gut gelöst hat, ist aber die Umstellung auf Onlineunterricht und das Arbeiten von zu Hause, hier haben wir Glück, dass wir ein so digitalisiertes Land sind.“

Familienberaterin Ilka Jankiewicz ist froh, dass sie wieder unter den vorgeschriebenen Sicherheitsvorkehrungen, fast normal arbeiten darf. Sie betont, dass das Beste in ihrer Arbeit der persönliche Kontakt zu den Mitgliedern ist. „Damit meine ich von Auge zu Auge. Das ist ein wichtiger Teil, soziale Arbeit funktioniert persönlich am besten.“ Sie berichtet von Senioren, die sich besonders in den Pflegeheimen isoliert fühlen und von anderen, die sagten: „Es ist alles so wie immer, ich bin ja sowieso alleine.“ Ilka Jankiewicz erzählt, dass sich ihre Arbeit während des Shutdowns sehr verändert hat: „Wir hatten einen viel intensiveren Telefonkontakt zu unseren Mitgliedern als vor der Corona-Krise. Wir haben auch viel Zeit in der Warteschleife verbracht und hatten mit unter einen erschwerten Kontakt zu den Behörden.“

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