2019 erlebt

Die Kulturhighlights

Die Kulturhighlights

Die Kulturhighlights

DN
Nordschleswig/Sønderjylland
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Der Däne Jacob A. Riis wurde in Amerika ein berühmter Mann. Foto: Ilse Marie Jacobsen

Ein Konzert in Sonderburg, Festival in Tondern, Kunst an der Westküste und der Oratorien-Chor der deutschen Minderheit. Das waren 2019 einige der Kulturhighlights unserer Mitarbeiter.

Der Altar in der Kirche zu Hellewatt Foto: Volker Heesch

Heimatkunde-Tagesfahrt nach Hellewatt

Mein Kulturhöhepunkt in Nordschleswig war am 24. August die Tagesfahrt der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig (HAG) nach Hellewatt und in benachbarte Dörfer.

Die Hellewatter Kirche stellte der HAG-Vorsitzende Lorenz P. Wree als eine frühere Wallfahrtskirche vor. Kaum jemand erwartete in dem kleinen Dorf eine solch interessante Kirche, deren Altar an die Besuche der Menschen aus Nordschleswig in der Kirche vor der Reformation erinnert, in der sie sich Hilfe für verschiedenste Nöte versprachen.

Vorgestellt wurde auch Niels Helvad, 1564 in Hellewatt geboren, der als Gelehrter interessante Schriften hinterlassen hat. Ursprünglich Pastor, stieg der Nordschleswiger, der viele Länder bereist hat, bei König Christian IV. zum Hof-Kalendarius auf. Er starb 1634.

Zum Abschluss ging es in die Hellewatter Wassermühle, die auch auf eine interessante Geschichte zurückblickt.

Volker Heesch

 
Motiv von Jacob A. Riis in Gotham Court. Foto: Jacob A. Riis, Jacob A. Riis Museum, Ribe

Schuld an allem war die Liebe

Eine Notiz in der Tageszeitung „Jyllands-Posten“ brachte mich auf die Idee. Wenn wir mal wieder an die Westküste fahren, dann könnte man sich ein ganz neues Museum in Ribe anschauen.

Nach einigen Tagen auf Fanø fuhren wir deshalb in die älteste Stadt Dänemarks – in das Heim von einem für mich bis dahin völlig unbekannten Mann. Dort wuchs der dänisch-amerikanische Journalist, Fotograf und Referent Jacob A. Riis (1849-1914) auf.

Das Museum beschreibt die faszinierende Geschichte des Jungen aus Ribe, der 1870 nach Amerika auswanderte, weil er sich unsterblich in die schöne Elisabeth von nebenan verliebt hatte. Aber sie war nicht an ihm interessiert.

So fuhr der junge Jacob A. Riis nach Amerika, wo eigentlich nichts so richtig lief. In New York musste er jahrelang in den ärmsten Gegenden hausen – fast wäre er vor Verzweiflung in den Hudson River gesprungen. Aber dann bekam er einen Job, und er hatte einen Plan. Er wollte den Einwohnern New Yorks zeigen, in welchem Elend die Migranten dort leben mussten. Der Ribe-Junge wollte den Zureisenden bessere Verhältnisse verschaffen.

Sein späterer guter Freund, US-Präsident Roosevelt, nannte ihn den nützlichsten Bürger New Yorks. Und seine Elisabeth bekam er übrigens auch.

Für mich wurde der Museumsbesuch einer der besten Museumsbesuche überhaupt. So eine anfangs so tragische Geschichte kann den Besucher eigentlich nur eines machen – stolz und sehr glücklich!

Ilse Marie Jacobsen

 
Die Installation „Desert island“ der dänischen Architekten Gjøde & Partner bot spannende Spiegelungen. Foto: Marlies Wiedenhaupt

Neugierig auf Kunst – sogar mit stützendem Stock

Kunst unter freiem Himmel, direkt am Meer, mit stetig wechselnden Lichtverhältnissen. Dazu rund um die Uhr geöffnet. Beeindruckende Arbeiten der Skulpturenausstellung „Wadden Tide“ waren im Sommer in Blåvandshuk in den Dünen und am Strand zu Füßen des Leuchtturms zu sehen – zum Thema Vogelzug und Wattenmeer.

Mit ausgeliehenen Fischernetzen hat die Dänin Kate Skjerning ihr Werk „The Colored Sea“ gestaltet. Es soll unter anderem auf die Verschmutzung der Meere mit Plastik hinweisen. Nach dem Ende der Ausstelllung wurden daraus Designerstühle produziert. Foto: Marlies Wiedenhaupt

Auch die zwölf Künstlerinnen und Künstler repräsentierten die Länder entlang der Zugvogel-Route von Island bis Südafrika.
Spaß gemacht hat natürlich die Ausstellung selbst mit den spannend umgesetzten Ideen der Künstler und mit den Fotomotiven, die anschließend ein Umdekorieren der Bilder in meiner Wohnung auslösten.

Aber wirklich ergreifend waren das große Interesse und die Neugier von Menschen aller Altersgruppen. Darunter viele Gehbehinderte – sogar eine Gruppe Schlaganfall-Patienten, die mit stützendem Stock oder am Arm von Freunden oder Verwandten die Dünen erklommen, um die Kunst zu erleben.

Marlies Wiedenhaupt

 
The Cure Robert Smith
Robert Smith gab sich in Saint-Cloud bei Paris die Ehre. Foto: Cornelius von Tiedemann

The Cure an der Seine

Immer wenn The Cure auftreten und ich das miterleben darf, steht mein persönliches „Kulturhighlight“ des Jahres eigentlich schon fest. Wir haben die Band, die es schon so lange gibt wie mich selbst schon mehrfach in Hamburg und Kopenhagen erlebt – und dieses Jahr auch in Paris. Unter freiem Himmel beim Festival „Rock en Seine“ trat die Band in den Abendstunden auf und begleitete Abertausende Fans in eine zauberhafte Sommernacht in den Parkanlagen von Saint Cloud vor den Toren der Millionenmetropole.

Robert Smith, seit Anbeginn Kopf der Band, war gewohnt schüchtern, was nach 40 Jahren als Superstar schon eine beachtenswerte Leistung ist. Er geriet dann aber, zum Entzücken der Zuhörer, nach einer Weile an der milden Pariser Luft doch ins Plaudern und unterhielt das Publikum, das aus aller Welt gekommen zu sein schien, zwischen den letzten Songs des Abends mit Scherzen über seine eigenen Unzulänglichkeiten.

Wie immer nahm sich die Band viel Zeit, deutlich mehr als andere Bands dies, zumal bei Festivals, tun. Und, auch anders, als es bei anderen Bands der Fall ist, werden The Cure im sogenannten Alter als Liveband tatsächlich immer noch besser. Was auch dem neuesten Zugang, Reeves Gabrels, zu verdanken ist, der zuvor in der Band des leider verstorbenen Genies David Bowie Gitarre spielte und alten Cure-Songs eine ganz neue Bissigkeit gab. The Cure in Paris – das vergesse ich nie.

Cornelius von Tiedemann

 
Bon Jovi am 11. Juni in Sonderburg Foto: Jonas J. Goodall

Mit Jon zurück in die Abizeit

Ja, ich weiß. Ein Konzert von Bon Jovi ist kein Erlebnis, das man als Hochkultur verkaufen kann. Und manche behaupten, es zeugt von besonders schlechtem Musikgeschmack, Bon Jovi zu mögen. Dennoch gebe ich es offen zu: Mein Kulturerlebnis des Jahres war das Bon-Jovi- Konzert vor den Toren Sonderburgs.

Der Abendhimmel über dem Alsensund flammte an jenem 11. Juni in den schönsten Farben des Sonnenuntergangs. Ich sah eine Open-Air-Bühne spektakulär umrahmt von Gewitterwolken, die dankenswerterweise dicht hielten und lediglich als schöne Kulisse Eindruck hinterließen.

Gemeinsam mit Tausenden Menschen zum Konzertplatz zu spazieren war ein schöner Auftakt. Gut, in und um Sonderburg brach für Stunden der Verkehr zusammen, Pendler standen stundenlang im Stau, aber hey, wir Bon-Jovi-Fans waren glücklich.

Später, auf der großen grünen Wiese, die als Konzertplatz diente, war ich von zwei Dingen überrascht: Wie verlässlich sich mein Gehirn nach gut und gerne 18 Jahren an all die Melodien und Sätze und Rhythmen erinnern konnte, die in den Liedern von Bon Jovi vorkommen und die ich zur Jugend- und Abizeit hoch und runter gehört hatte. Unglaublich, was man alles (Unnützes) im Kopf hat!

Am nächsten Morgen war ich heiser – aber glücklich

Sogar die Liedzeilen von Runaway tauchten wieder auf! „Oh, she's a little runaway, Daddy's girl learned fast, All those things he couldn't say, Ooh, she's a little runaway.”

Ja, am nächsten Morgen war ich heiser – aber glücklich. Das Konzert war für mich eine mitreißende und kurzweilige Zeitreise unter dem schönsten Himmel der Welt.

Und die zweite Sache, die mich überraschte? Dass Keyboarder David Bryan noch immer Dauerwelle trägt, ja, dass überhaupt noch ein Mann auf dieser Welt Dauerwelle trägt. Aber manchmal muss man seinem schlechten Geschmack eben auch treu bleiben…

Sara Wasmund

 
Die Stimmung beim Tønder Festival ist einzigartig. Foto: Gwyn Nissen

Tønder-Festival-Feeling

Ich komme gar nicht drum herum: Das Tønder Festival 2019 war wieder einmal eines meiner Kulturhighlights. Der wesentlichste Grund dafür ist, dass man in Tondern „neue" Musik und Künstler erlebt: Solointerpreten und Bands, die das Festival in Ecken der Welt aufstöbert und dann dem Tonderner Publikum präsentiert. Also kein typisches Radio-Hits-Festival.

Musikchefin Maria Theessink ist immer für Überraschungen gut, wobei sie fast von den negativen Überraschungen eingeholt wurde: Drei große Namen mussten kurzfristig absagen, darunter die Band „Lion Bear Fox", die ich unbedingt wiedersehen wollte. Doch wie immer hatte das Tønder Festival jede Menge andere gute Namen im Programm, und bei mir hinterließen vor allem die Franzosen von Delgres, Plantec und Startijenn einen bleibenden Eindruck.

Hinzu kommt, dass die Stimmung in Tondern einfach eine Klasse für sich ist. Jedes Jahr legen die vielen freiwilligen Helfer „einen obendrauf". Oft sind es nur Kleinigkeiten, doch der Gesamteindruck wird dadurch von Jahr zu Jahr besser. Ich kann mir heute gar nicht vorstellen, das Tønder Festival ein Jahr überspringen zu müssen.

Gwyn Nissen

 
Der Chor der Musikvereinigung Nordschleswig bei der „Elias"-Aufführung in der Apenrader „Sønderjyllandshalle” Foto: Karin Riggelsen

Das ging unter die Haut

Mich für ein Kulturhighlight des Jahres 2019 zu entscheiden, fällt mir schwer.

Das Tønder Festival im August in Tondern/Tønder ist für mich jedes Jahr ein Highlight. Aber der Oktober hielt für mich persönlich gleich drei kulturelle Höhepunkte bereit.

Es fing schon am 1. Oktober mit der „Schwanensee“-Aufführung des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters in Flensburg an. Wer für diese Saison noch kein Abo über den Bund Deutscher Nordschleswiger geordert hat, sollte es sich für die nächste Spielzeit unbedingt vornehmen. Von Ballett bis Komödie kann das Ensemble einfach alles.

Von einer Freundin war ich dann wenige Tage später zu einer Konzertaufzeichnung im Konzerthaus von „Danmarks Radio“ in Kopenhagen eingeladen worden. Sie hatte die Tickets gewonnen – mit vorheriger Führung durch das Haus. Das war äußerst interessant und unbedingt empfehlenswert.

Der Klassiksender P2 von DR hatte seine Hörer nach den 50 schönsten Chorwerken befragt. Die besten zehn Werke wurden an diesem Nachmittag dann vom Konzertchor und den Sinfonikern des dänischen Rundfunks präsentiert.

Nicht überraschend hatten die Dänen mehrheitlich das Lied „Morgensang af Elverskud“ des dänischen Komponisten Niels W. Gade gewählt. An zweiter Stelle kam schon das „Deutsche Requiem“ von Johannes Brahms, gefolgt von Wolfgang Amadeus Mozarts „Requiem“ an dritter Stelle.

Persönliches Lieblingschorwerk

Mein persönliches Lieblingschorwerk ist jedoch „Carmina Burana“ von Carl Orff, und das hatten die DR-Hörer zum Glück auch in ihre Top Ten gewählt. Sobald ich das Lied „Oh Fortuna“ höre, bekomme ich Gänsehaut und Tränen in den Augen. – Warum? – Ich weiß es nicht mit Sicherheit, glaube aber, dass es daran liegt, dass meine Schwester Mitte der 1960er Jahre, als ich noch im Vorschulalter war, das Lied zu Hause geübt hat.

Sie besuchte damals das Deutsche Gymnasium für Nordschleswig in Apenrade/Aabenraa. Der Gymnasiumschor sollte zusammen mit dem Chor der damaligen Nordschleswigschen Musikvereinigung just dieses Werk von Carl Orff aufführen – damals unter der Leitung von Hanskarl Michalik, der später übrigens auch mein Musiklehrer am Gymnasium war.

Apropos Musikvereinigung: Ihre diesjährige Aufführung von Mendelssohns „Elias“ war für mich das dritte Oktober-Highlight. Ich hatte das Vergnügen, das mir – wie ich zu meiner Schande gestehen muss – gänzlich unbekannte Stück in der Klosterkirche zu Lügumkloster kennenlernen zu dürfen. – Das ging unter die Haut.

Mein Kulturhighlight für 2020 steht übrigens schon fest. Im Oktober des kommenden Jahres führt die Musikvereinigung Nordschleswig gemeinsam mit dem Landesjugendorchester Schleswig-Holstein und dem Kinderchor des BDN Carl Orffs „Carmina Burana“ auf. Ob ich mir das Konzert in Sonderburg/Sønderborg, Gramm/Gram, Husum oder Kiel anhören werde, habe ich noch nicht entschieden. Anke Haagensen

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