Geschichte

Schmidt-Wodder legte Fundament für deutsche Minderheit nach 1920

Volker Heesch
Volker Heesch Hauptredaktion
Nordschleswig
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Johannes Schmidt Wodder Foto: A. Paul Weber, Deutsches Museum Sonderburg

Der Archivleiter Frank Lubowitz sprach bei der HAG-Generalversammlung über eine einstige nordschleswigsche Führungspersönlichkeit.

„Ohne die Tatkraft Johannes Schmidt-Wodders, ohne seinen Motivationseinsatz und ohne seine guten Verbindungen ist es fraglich, ob die deutschen Nordschleswiger sich nach 1920 fest geschlossen zusammengefunden hätten. Auch die Existenz der heutigen deutschen Volksgruppe wäre ohne ihn fraglich.“ Mit diesen Sätzen fasste der Leiter des Archivs/Forschungsstelle der deutschen Volksgruppe, Frank Lubowitz, seinen ausführlichen Vortrag über die einst dominierende Führungspersönlichkeit der deutschen Minderheit in Dänemark zusammen.

Lubowitz liefert viele interessante Fakten zum Wirken des vor fast 150 Jahren, am 9. Juni 1869, in Tondern geborenen Theologen, der nach seinem Ausscheiden aus dem kirchlichen Dienst 1920 von Tondern aus jahrelang fast im Alleingang die Gründung von Institutionen der neu entstandenen Minderheit forcierte. Bis zur Beherrschung der deutschen Minderheit durch NS-Organisationen ab Mitte der 1930er Jahre hatte Schmidt-Wodder nach der Abtretung des Landesteils an Dänemark die Minderheit mit dem politischen Leben in Schleswig-Holstein und Deutschland verknüpft und auch in internationalen Minderheitenorganisationen vertreten.

Kenntnisreich beschrieb Frank Lubowitz Herkunft, Jugend und beruflichen Werdegang Schmidt-Wodders, dessen Vater nach kurzer Tätigkeit als Leiter des Tonderner Lehrerseminars als Pastor und Propst auf Alsen wirkte – wohl in Distanz zum preußischen Obrigkeitsstaat. Lubowitz ging auch auf die Studienzeit Schmidt-Wodders in Leipzig, Greifswald und Kiel ein, während er Mitglied einer nicht schlagenden Verbindung mit deutsch-nationaler, monarchiefreundlicher und auch antisemitischer Ausrichtung gewesen ist.

Frank Lubowitz bei seinem Vortrag im Haus Nordschleswig. Foto: Volker Heesch

Nach Besuch des Predigerseminars in Hadersleben wirkte er als Gemeindepastor in Wodder bei Scherrebek in einem stark dänisch geprägten Gebiet. Das Zusammenleben mit den dänischen Nordschleswigers, die sich vielfach einer dänischen Freigemeinde angeschlossen hatten, förderte bei dem jungen Theologen, der seinen Familiennamen Schmidt durch den Ort seiner Tätigkeit, Wodder, ergänzte, eine gewisse Distanz zur Unterdrückungspolitik der preußischen Herrschaft in Schleswig-Holstein unter dem Oberpräsidenten von Köller, der 1897 bis 1901 die dänische Volksgruppe zu unterdrücken versuchte und schikanierte.

„Schmidt-Wodder erkannte das Heimatrecht beider Volksgruppen in Nordschleswig an“, so Lubowitz. Er stellte aber auch klar, dass Schmidt-Wodder überzeugt von der Überlegenheit des deutschen Volkstums gewesen sei. 1907 setzte sich eine etwas liberalere Politik der Provinzialregierung gegenüber den dänischen Nordschleswigern durch. Etwa zeitgleich hatte Schmidt-Wodder in einer schleswig-holsteinischen Kirchenzeitung betont, dass Zwang im nationalen Kampf unwirksam sei. 1909 gründete Schmidt-Wodder den Friedensverein, den Verein für deutsche Friedensarbeit in der Nordmark, der bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der deutschen Niederlage und der Volksabstimmung 1920 aber keine entscheidende Wirkung in Nordschleswig zur Stärkung der deutschen Position entfalten konnte.

Bereits vor dem Ende des Kaiserreichs am 9. November 1918 schloss sich Schmidt-Wodder dem Deutschen Ausschuss für das Herzogtum Schleswig an. Dieser stellte sich ab Ende Oktober 1918 auf eine sich abzeichnende neue Grenzziehung ein – mit der Einsicht, dass die Königsaugrenze nicht zu halten wäre. „Schmidt-Wodder empfand die Abtretung an Dänemark als Schmach“, so Lubowitz. Er begann sofort mit dem organisatorischen Aufbau von Minderheitenorganisationen. „Ziel war eine Grenzrevision“, so der Historiker und verwies auf die Argumentation, dass diese durch deutsche Stimmenmehrheiten in vielen Orten gerechtfertigt sei, „was für eine Grenzlinie er wünschte, ließ er allerdings offen“.

Unter den Teilnehmern der HAG-Generalversammlung waren auch drei Enkelinnen Johannes Schmidt Wodders, (v. r.) Metta und Hildegard Schmid sowie Helga Petersen, die gespannt dem Vortrag von Frank Lubowitz über ihren Großvater folgten. Foto: V. Heesch

Lubowitz berichtete von der Wahl Schmidt-Wodders 1920 als einzigem deutschen Abgeordneten ins dänische Parlament, wo er konsequent nur Anteil an politischen Fragen nahm, die die deutschen Nordschleswiger betraf. „Seine Persönlichkeit hatte große Ausstrahlung“, so Lubowitz und fügte hinzu, dass er sich auch unter dänischen Parlamentariern Achtung erwarb.

Seine Linie bestand darin, die deutsche Volksgruppe gegenüber der dänischen Merheitsbevölkerung klar abzugrenzen. Den inneren Zusammenhalt zu stärken und ein eigenes Netz von Einrichtungen und Vereinen zu schaffen. Lubowitz berichtete, dass Schmidt-Wodder über keinen weiteren organisatorischen Apparat verfügte. Seine ökonomische Grundlage bestand aus der Tätigkeit als Schriftleiter der Neuen Tondernschen Zeitung. Nach deren Fusion zur Nordschleswigschen Zeitung 1929 zog er auf den Hof Petersholm, den er mit Spendengeldern als Basis erwerben konnte.

Deutsche Minderheit ab 1920 ohne repräsentative Gremien

„Es gab in der Minderheit keine repräsentativen Gremien, sie wurde von einem Honoratiorenclub geführt, dem neben Schmidt-Wodder Rektor Wilhelm Koopmann und Büchereileiter Frederik Christensen angehörten“, so Lubowitz zur offenbar nach 1920 innerhalb der Minderheit fehlenden demokratischen Legitimation ihrer Leitung.
Der Referent berichtete über intensiven Schriftverkehr Schmidt-Wodders und viele Beiträge in Organen den Verbandes der deutschen Minderheiten, die in der 1920er Jahren nach den Grenzziehungen ab 1918 8,5 Millionen Angehörige in Mitteleuropa zählten. Auch eine große Reisetätigkeit prägte das Wirken des Kopfes der deutschen Nordschleswiger, u. a. als einflußreicher Delegierter beim Europäischen Nationalitätenkongress in Genf.

Lubowitz berichtete, dass der konservative Schmidt-Wodder mit allen Regierungen in Berlin zusammenarbeitete. Anerkennung fand er aber vor allem im deutschnationalen Lager. Es wurde über die Distanz Schmidt-Wodders zu den erstarkenden Nationalsozialisten berichtet, er konnte seine Führungsposition aber nur bis zum Ende der Zersplitterung der nordschleswigschen deutschen Nazis behaupten. „Nach 1935 schwand sein Einfluss“, so Lubowitz. Erst 1939 löste Nazi-Volksgruppenführer Jens Möller Schmidt-Wodder im Folketing ab.

Und er berichtetete, dass das Ansehen Schmidt-Wodders im dänischen Lager besonders nach der deutschen Besetzung Dänemarks 1940 schwand, nachdem dieser sich vor allem auch publizistisch ganz für die deutsche Nazipropaganda vereinnahmen ließ. Lubowitz berichtete über den Umgang der dänischen Justiz mit dem langjährigen Folketingsmitglied ab 1945. Nach nur dreiwöchiger Untersuchungshaft erlebte Schmidt-Wodder nach drei Jahren eine Einstellung der Ermittlungen. Auch bei der Gründung des Bundes Deutscher Nordschleswiger 1945 erhob er noch seine Stimme, wobei er sich aber nicht damit durchsetzen konnte, die Loyalitätserklärung gegenüber König und Dänemark nach einem Bekenntnis zum deutschen Volk erst an zweite Stelle zu setzen.

Später habe er sich für seine NS-Ausrichtung entschuldigt, in den 1950er Jahren nutzte er alte Kontakte zugunsten der deutschen Nordschleswiger. Kurz nach seinem 90. Geburtstag mit vielen Ehrungen starb er 1959 auf seinem Hof Petersholm. Unter den Zuhörern, die bei Lubowitz mit viel Beifall bedanktem, waren auch drei Enkelinnen Schmidt-Wodders, Elke Petersen, Hildegard und Metta Schmidt.

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