Studie

Dänen unterschätzen sexuelle Belästigung

Dänen unterschätzen sexuelle Belästigung

Dänen unterschätzen sexuelle Belästigung

Malick Volkmann
Paris/London
Zuletzt aktualisiert um:
Die Fallzahl von sexueller Belästigung wird in Dänemark unterschätzt. Foto: dpa (Symbolfoto)

Die Dänen schätzen die wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage ihres Landes laut einer Studie recht realistisch ein. Bei der Zahl der Opfer sexueller Belästigung verschätzen sie sich hingegen deutlich.

Die Unterschiede zwischen subjektiver Wahrnehmung und der Realität sind oft recht groß – auch in Dänemark. Das geht aus einer Studie des Markt- und Meinungsforschungsinstituts Ipsos hervor.

Konkret geht es in der Erhebung um Schätzungen zur Bevölkerungsstruktur und gesellschaftsrelevanten Themen. In 37 Ländern – darunter Dänemark und Deutschland – schätzten insgesamt rund 28.000 Personen beispielsweise die Situation des Arbeitsmarkts oder den Anteil erneuerbarer Energien am gesamten Stromverbrauch ihres Staates ein.

Abschließend erstellten die Forscher eine Rangliste: Oben rangieren die Länder, in denen die Befragten die Lage ihres Landes am realistischsten einschätzten. Dementsprechend weiter unten finden sich die Staaten, in deren Bevölkerung der Unterschied zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit größer ist.

Dänen unterschätzen sexuelle Belästigung

Fragt man die Dänen, wie viele von hundert Frauen ab 15 Jahren bereits sexuell belästigt worden sind, so lautet die Antwort 36, sprich 36 Prozent. Das geht laut Ipsos-Analyse weit an der Realität vorbei, denn tatsächlich hätten schon 80 Prozent der Däninnen Erfahrungen mit sexueller Belästigung gemacht. Die Bevölkerung unterschätzt das Problem also massiv.

In einem Quiz der Forscher kannst du deine Wahrnehmung testen.

Die Dänen liegen bei der Unterschätzung von sexueller Belästigung auf Rang 1. Foto: Ipsos

Das Ergebnis gewinnt an Aussagekraft, da die Umfrage repräsentativ ist. Die Forscher begründen dies wiederum damit, dass die Internetdichte in Dänemark hoch genug sei und man dadurch ausreichend Bürger online befragen konnte.

Der Punkt der sexuellen Belästigung bildet allerdings einen negativen Ausreißer. In anderen Aspekten schätzen die Dänen die Lage in ihrem Königreich recht realistisch ein. Beispielsweise denken die Befragten, dass 16 von 100 Personen als arbeitssuchend gemeldet sind – in Wirklichkeit sind es fünf.

Das mag nicht herausragend klingen, allerdings schätzten bis auf Hongkong alle Staaten die Arbeitslosenquote als deutlich zu hoch ein und landeten somit hinter Dänemark.

Nimmt man alle Kategorien zusammen, dann belegt das südlichste der skandinavischen Länder den sechsten Platz. Nur die Briten, Ungarn, Schweden, Neuseeländer und eben die Teilnehmer aus Hongkong schnitten besser ab.

Die Dänen schätzen die Lage im Land gut ein und landen auf Platz sechs der Gesamtwertung. Foto: Ipsos

Forscher erklärt Abweichungen von der Realität

Doch woran liegen diese teils erheblichen Abweichungen von der Wirklichkeit? Gideon Skinner, Forschungsdirektor des Social Research Institute von Ipsos in London, gibt eine umfassende Antwort: „Es gibt verschiedene Gründe, warum wir uns bei grundlegenden Fakten in der Gesellschaft irren. Dies können äußere Einflüsse sein, wie etwa die Berichterstattung der Medien. Aber auch unsere eigenen, inneren Vorurteile sind wichtig. Beispielsweise die Tendenz, sich mehr auf die negativen als auf die positiven Aspekte zu konzentrieren. Außerdem die Tendenz zu glauben, dass alles früher besser gewesen ist, und die Tatsache, dass wir unsere eigenen individuellen Erfahrungen zu sehr betonen.“

Der Forscher sieht die Ergebnisse der Erhebung nichtsdestotrotz als bedeutend an: „Missverständnisse können ein nützlicher Hinweis auf die wahren Anliegen der Menschen sein. Wir können die falschen Vorstellungen der Menschen nicht korrigieren, indem wir einfach Tatsachen wiederholen. Stattdessen müssen wir die emotionalen Ursachen untersuchen, die dazu führen können, dass sich die Menschen um ein bestimmtes Thema sorgen.“

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