Falsche Schlüsse gezogen

Forscher: Parallelgesellschaften sind etwas, das Politiker erfunden haben

Dominik Dose
Dominik Dose Online-Redaktion
Kopenhagen
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Foto: Scanpix

Drei Forscher der Universitäten Kopenhagen und Roskilde werfen dem Wirtschafts- und Innenministerium vor, die falschen Schlüsse aus seiner Untersuchung zu ziehen. Es gebe keine Anzeichen dafür, dass in Dänemark wirklich Parallelgesellschaften existieren, sagen sie.

28.000 Familien mit nicht-westlichem Hintergrund leben in Dänemark in einer Parallelgesellschaft. Sie leben so isoliert vom Rest der dänischen Bevölkerung, dass sie faktisch gar nicht zur Gesellschaft gehören, sagt ein Bericht des Wirtschafts- und Innenministeriums.

Es gibt in Dänemark zum jetzigen Zeitpunkt keine Anzeichen dafür, dass solche Parallelgesellschaften in Dänemark existiert, sagen hingegen drei Forscher der Universitäten Kopenhagen und Roskilde. Sie werfen den Politikern vor, diese sogenannten Parallelgesellschaften erfunden zu haben.

Keine Anzeichen für eine Parallelgesellschaft

Die Regierung sieht sie als so große Bedrohung für den Zusammenhalt Dänemarks an, dass sie nun eingreifen will. Brian Aryl Jacobsen vom Institut für querkulturelle und regionale Studien der Universität Kopenhagen fragt sich allerdings, wogegen die Regierung eingreifen möchte. „Wir wissen wirklich nicht, ob es in Dänemark eine Parallelgesellschaft gibt. Ich habe in meinen Forschungen keine Anzeichen dafür gefunden und ich kennen auch keine wissenschaftlichen Untersuchungen, die dies zeigen“, so der Forscher zur Wissenschaftsseite Videnskab.dk. Er erforscht die Macht der Moscheen und den religiösen Platz in der öffentlichen Debatte.

Der Bericht des Ministeriums definiert eine Parallelgesellschaft als eine Gruppe von Menschen, die keinen Kontakt zur dänischen Gesellschaft hat und auch nicht wünscht, ein Teil dieser zu werden.

„Das hat man aber gar nicht untersucht. Niemand war draußen und hat diese Menschen befragt“, sagt hingegen Jacobsen. Das Ministerium habe gar nicht untersucht, ob die Menschen, die angeblich in einer Parallelgesellschaft leben, sich wirklich nicht wünschen, Teil der dänischen Gesellschaft zu sein. Stattdessen habe das Wirtschafts- und Innenministerium Kriterien zugrunde gelegt, die ganz andere Dinge analysieren, so der Forscher.

Falschen Schlüsse gezogen

Es wurde zum Beispiel untersucht, ob die Menschen Arbeit haben, ob sie in einer Gegend leben, in der ebenfalls viele Menschen mit nicht-westlichen Wurzeln wohnen oder ob ihre Kinder in Tageseinrichtungen gehen und wenn dies der Fall war, ob in dieser noch viele andere Kinder mit nicht-westlichem Hintergrund sind.

Diese Kriterien sagen nichts darüber aus, ob jemand in einer Parallelgesellschaft lebt, meint Professor John Andersen von der Universität Roskilde. Er forscht unter anderem im Bereich der Ghettoisierung und Marginalisierung von sozial schwachen Gruppen. Das Ministerium könne mit diesen Indikatoren die unterschiedlichen Formen von Ungleichheit und sozialer Ausgrenzung analysieren, es sei aber keine Forschung oder Untersuchung, die zeige, dass eine Parallelgesellschaft existiere.

Eine einzelne Familie gilt als Gesellschaft

Forscherin Mikaela von Freiesleben von der Kopenhagener Universität ist vor allem darüber verwundert, dass eine Parallelgesellschaft laut Bericht des Ministeriums offenbar aus einer einzelnen Familie bestehen kann.

Der Bericht betont, dass Parallelgesellschaften nicht nur in den 22 Wohngegenden zu finden sind, die auf der sogenannten Ghettoliste der Regierung stehen, sondern an allen möglichen Orten in Dänemark.

„Ich denke, es ist positiv, dass die Regierung versucht hat, zu definieren, was eine Parallelgesellschaft ist, aber ich finde, sie haben vergessen, was sie genau mit einer Gesellschaft meinen. Basierend auf ihren Untersuchungen kann eine Gesellschaft aus lediglich einer Familie bestehen – und das werden nur wenige wirklich als eine Gesellschaft ansehen“, so die Forscherin.

Politiker nutzen Rhetorik aus

Die Rhetorik über eine Parallelgesellschaft führe dazu, dass die Lösungen durchgesetzt werden, die die Politiker auswählen, sagt Brian Aryl Jacobsen. „Die Erfahrungen zeigen, dass wenn man den Menschen vorwirft, dass es ihr eigenes Problem und ihre eigene Schuld ist, dass sie in Parallelgesellschaften leben, es eine größere Tendenz dazu gibt, ein Gesetz zu erlassen, dass diese Menschen bestraft und sie zwingt, ihre Art zu leben zu ändern“, so Jacobsen.

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