Leitartikel

„Ehrliche Diskriminierung“

Ehrliche Diskriminierung

Ehrliche Diskriminierung

Apenrade/Aabenraa
Zuletzt aktualisiert um:

Künftig sollen Menschen mit Wurzeln im Nahen Osten in der dänischen Statistik gesondert aufgeführt werden. Das soll eine „ehrliche“ Debatte ermöglichen, sagt der Integrationsminister. Doch vor allem wird die Statistik zu noch mehr Stigmatisierung führen und die wahren Ursachen von Problemen noch weiter verdecken, meint Cornelius von Tiedemann.

Dänemarks Integrations- und Ausländerminister Mattias Tesfaye (Soz.) ist seit seinem Amtsantritt sehr darum bemüht, die inzwischen schon traditionell zu nennende harte Linie in der dänischen Ausländerpolitik fortzuführen. Im Kabinett von Regierungschefin Mette Frederiksen (Soz.) versucht er, die Rolle des „Realisten“ in der Integrations-Debatte zu spielen.

Dabei liegt der „Realität“, von der in der dänischen Einwanderungsdebatte ausgegangen wird, die Milchmädchenrechnung zugrunde, dass Ausländer grundsätzlich zu kriminellem Verhalten neigen, weil sie Ausländer sind – oder weil sie einem bestimmten, aus dänischer Sicht hochproblematischen Kulturkreis angehören. Namentlich: Dem Islam.

Nun hat Tesfaye vor einigen Tagen den nächsten Schritt in seiner „realistischen“ Ausländerpolitik gemacht und entschieden, dass die Bevölkerung in den behördlichen dänischen Statistiken künftig neu aufgeteilt werden soll. Statt Menschen mit dem Label „nichtwestlich“ zu versehen, soll künftig genauer differenziert (oder diskriminiert?) werden.

„Wir müssen die Probleme offen und ehrlich ansprechen“, sagt Tesfaye. Und deshalb sollen nun Menschen, die familiäre Wurzeln anderswo als in Dänemark oder anderen „westlichen“ Ländern haben, nicht mehr alle als „nichtwestlich“ bezeichnet werden. Stattdessen soll spezifischer in die „MENAPT“-Gruppe (das ist die englischsprachige Abkürzung für die Staaten des Nahen und Mittleren Ostens, Nordafrika, Pakistan und die Türkei) und den Rest (zum Beispiel Thailand oder Hongkong) als „übrige nichtwestliche Länder“ aufgeteilt werden.

Und, oh Wunder, teilt man die Menschen in dieser Weise auf, geht die „realistische“ Rechnung noch besser auf: Es zeigt sich, dass Menschen aus Ländern wie Syrien oder dem Irak schlechter auf dem Arbeitsmarkt integriert sind als Menschen aus Thailand oder Vietnam.

Die Schlussfolgerung kann ja nur sein, dass die Abstammung der Menschen hier die entscheidende Rolle spielt. So wollen es zumindest Tesfaye und seine Sozialdemokraten sehen und dafür bekommen sie großen Beifall beispielsweise von der Dänischen Volkspartei. „Wie ist es doch befreiend“, jubelt etwa der ausländerpolitische DF-Sprecher Peter Skaarup.

Zurückhaltender reagiert sein Pendant von der sozialliberalen Radikale Venstre, Kristian Hegaard, der es zwar „positiv“ sieht, wenn zielgerichtetere und ambitioniertere Integrationsmaßnahmen so möglich würden – der aber auch mahnt: „Wir dürfen das nicht dazu nutzen, Menschen aus bestimmten Ländern vorzuverurteilen, dann lösen wir gar nichts.“

Leider ist schon abzusehen, dass genau letzteres passieren wird – auch wenn es möglicherweise zeitgleich zu tatsächlich sinnvollen „zielgerichteten“ Maßnahmen kommt.

Das Problem an dieser eingangs als „Milchmädchenrechnung“ bezeichneten vermeintlichen Realität ist nämlich: Sie verankert die Ursache von Herausforderungen zum Beispiel am Arbeitsmarkt oder bei der Jugendkriminalität oder bei schulischen Leistungen in der Kultur. Dabei zeigen zahllose Untersuchungen, dass eine Reihe andere Faktoren ausschlaggebend und viel wichtiger sind. So wird immer wieder behauptet, dass „nichtwestliche“ Kinder schlechter in der Schule abschneiden würden. Dabei sind zum Beispiel dänische Kinder, die in vergleichbaren ökonomischen Verhältnissen aufwachsen, keinen Deut besser, ja, in manchen Bereichen sogar schlechter in der Schule.

Von dieser „Ehrlichkeit“ will Tesfaye offenbar aber lieber nichts wissen – denn sie wirft in Teilen kein gutes Licht auf die dänische Gesellschaft. Wenn er sich jedoch mal befleißigen würde, die Wissenschaft zurate zu ziehen, könnte er zum Beispiel folgenden Absatz in einer Vergleichsstudie des „Berliner Forum Gewaltprävention“ finden: „Es gibt heute keinen ernstzunehmenden Zweifel mehr, dass die Merkmale ‚Staatsangehörigkeit‘ oder ‚Ethnie‘ für die Erklärung von Kriminalität bedeutungslos sind. Dies gilt natürlich auch für den Begriff des ‚Ausländers‘, der ‚sich aus der Differenz zwischen der Staatsangehörigkeit eines Individuums und seinem momentanen geografischen Standort ergibt. Für die Annahme, dass dies eine Ursache für Kriminalität sein sollte, existiert kein einziger triftiger Grund.‘“

Die Studie hat zum Beispiel herausgefunden, dass ethnische Minderheiten aus bestimmten Ländern in einigen Ländern in der Kriminalitätsstatistik auffällig, in anderen Ländern völlig unauffällig sind.

Das Problem ist also viel komplexer, als es uns einfache Statistiken oder ideologisch-strategisch motiviert agierende Politiker weismachen wollen. Und es hat immer auch mit der Gesellschaft zu tun, in die migriert und integriert wird. Wenn diese nicht bereit ist, kulturelle Unterschiede zu tolerieren, zu respektieren und zu begrüßen, dann kann Integration nicht funktionieren – und dann fallen Statistiken auch in Zukunft nach den Wünschen derjenigen aus, die ein Dänemark ohne Zuwanderung wollen.

Mehr lesen

Leitartikel

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
„Stigmatisierungsliste: In einer Woche fällt wieder der Hammer“