Leitartikel

„Die unsichtbaren Kinder“

Die unsichtbaren Kinder

Die unsichtbaren Kinder

Kopenhagen
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Wenn Pflegeeltern Macht anwenden, wird das häufig nur mangelhaft registriert. Und: Die Behörden geben den Paaren keinerlei Feedback. Ein Versagen des Staates gegenüber sozial benachteiligten Kindern, meint Walter Turnowsky

11.500 Kinder können in Dänemark nicht bei ihren eigenen Eltern aufwachsen. Sie leben bei Pflegeeltern oder in Institutionen.

Die Schicksale der Pflegekinder werden in der öffentlichen Debatte und von der Politik nur in unregelmäßigen Abständen wahrgenommen. Doch dies sollte sich ändern, lautete es vor eineinhalb Jahren von aller oberster Stelle.

„Die meisten von ihnen berichten, dass es ihnen dort, wo sie wohnen, gut geht. Aber die Wirklichkeit ist auch, dass wir als Gesellschaft nicht immer gut genug auf sie aufpassen.“

Das Zitat stammt aus der Neujahrsansprache von Mette Frederiksen (Soz.) im vergangenen Jahr.

Wie Recht die Staatsministerin mit dem zweiten Teil des Zitats hat, bestätigt am Montag ein Bericht des Think-Tanks „Justitia“.

2019 haben die Kommunen fast 6.000 Fälle von Machtanwendung gegenüber Pflegekindern registriert.

Angesichts der Gesamtanzahl von Kindern in Institutionen oder Pflegefamilien erscheint diese Zahl hoch.

Das eigentlich Besorgniserregende ist jedoch, dass die Justitia-Analyse zeigt, dass eine große Anzahl der Machtanwendungen nicht korrekt gemeldet werden. Dies mag zunächst wie ein bürokratisches Versäumnis klingen, ist aber alles andere als das.

Denn hier geht es um Menschen, die zu den am stärksten Benachteiligten unserer Gesellschaft zählen. Es geht um Kinder und Jugendliche, für die der Staat die Verantwortung an Stelle der Eltern übernommen hat. Daraus folgt auch die Pflicht, dafür Sorge zu tragen, dass sie nicht erneutem Versagen ausgesetzt werden.

Hier geht es nicht darum, Pflegeeltern und Institutionen unter Generalverdacht zu stellen. Machtanwendungen können notwendig sein, um andere Kinder oder auch die Kinder vor sich selbst zu schützen. Die Aufgabe, die Pflegeeltern und Personal auf sich genommen haben, ist alles andere als einfach.

Da ist es fast schon ein sträfliches Versäumnis, dass sie noch nicht einmal eine Rückmeldung bekommen, ob eine Machtanwendung innerhalb des zulässigen war oder nicht. Pflegeeltern haben über die Jahre wiederholt darauf hingewiesen, dass es ihnen an Unterstützung seitens der Kommunen fehlt. Eine gründliche Beratung im ernsten Fall einer Machtanwendung sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein.

Selbstverständlich sollte auch sein, dass, wie „Justitia“ empfiehlt, den Kindern und Jugendlichen in diesen Fällen eine unabhängige Bezugsperson zur Seite zu stellen.

Und ebenso selbstverständlich sollte es sein, die Regeln so zu formulieren, dass sie einfach zu durchschauen und zu befolgen sind.

Sozialministerin Astrid Krag (Soz.) sagt, sie wolle die Vorschläge bei einer Überarbeitung des Gesetzes mit einbeziehen. Das ist zunächst einmal lobenswert, doch die Frage bleibt, warum das erst jetzt und als Reaktion auf Kritik geschieht.

Denn dies ist seit Jahrzehnten das Reaktionsmuster: Kritik wird laut oder ein Skandal fliegt auf, und dann wird nachgebessert. Doch die grundsätzliche Debatte darüber, wie Staat, Kommunen und Behörden ihrer Sorgepflicht gegenüber Pflegekindern nachkommen, bleibt aus.

In der eingangs zitierten Neujahrsansprache fordert Mette Frederiksen, mehr Kinder müssten von den Eltern entfernt werden. Vielleicht sollte ein höheres Maß an politischer Energie darauf verwendet werden, sicherzustellen, dass das System, dass dann die Verantwortung übernimmt, auch funktioniert.

Das ist das Mindeste, das wir den 11.500 Kindern schuldig sind. Denn jedes Versagen gegenüber Pflegekindern ist ein weiterer Übergriff, diesmal begangen durch den Staat.

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