Diese Woche in Kopenhagen

Sind wir nicht national genug? Kein Geld mehr für die Minderheiten?

Jan Diedrichsen
Jan Diedrichsen Sekretariatsleiter Kopenhagen
Kopenhagen
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Knivsbergfest 2018. Foto: Karin Riggelsen

So lange sich Menschen zur deutschen Minderheit bekennen, gibt es auch eine deutsche Minderheit. Eva Kjer Hansen hat eine Frage in den Raum gestellt, die sich uns sicher in den nächsten Jahren immer wieder stellen wird, meint der Leiter des Kopenhagener Sekretariats der deutschen Minderheit in Dänemark, Jan Diedrichsen.

Die dänische Minderheit kennt das Spiel: Wenn das Sommerloch sich gemütlich breit gemacht hat, wird in einer der landesweiten Medien, alle Jahre wieder, die Frage gestellt, ob die 500 Millionen Kronen, die der dänische Staat nach Südschleswig an Zuschüssen für die Minderheitenarbeit (vor allem für den Bildungsbereich) übersendet, wirklich noch zeitgemäß und angemessen sei. Die Diskussion ist nun („Der Nordschleswiger“ berichtete) in der Sommerwärme erneut aufgeflammt, durch ein Interview mit der dänischen Ministerin für Gleichstellung, Fischerei und Nordische Zusammenarbeit, Eva Kjer Hansen. Die aus Nordschleswig stammende Venstre-Ministerin kennt die Minderheiten besser als die meisten, sie weiß also genau, was sie sagt (und anrichtet), wenn sie erklärt, dass der Zeitpunkt nahe ist, an dem das nationale für die Minderheiten nicht mehr der entscheidende Faktor für die Identität sei und dass dies natürlich auch Auswirkungen auf die Finanzierung habe.

Dies sei eine Diskussion, die vor allem die Minderheiten selbst führen sollten, meint die Ministerin im „Kristeligt Dagblad“ und fügt hinzu, dass der Zeitpunkt kommen könnte, an dem man von politischer Seite die finanziellen Zuschüsse nicht mehr rechtfertigen könne. Alles im allen eine etwas verklausulierte aber dennoch eindeutige Botschaft an die Minderheiten: Ihr ändert euer „Profil“ als nationale Minderheiten, das werden wir in Zukunft so nicht finanzieren können.

Neu an der Äußerung ist, dass bislang die grundlegende finanzielle Fragestellung, ob die Zuschüsse noch angemessen sein, allein die dänische Minderheit hat über sich ergehen lassen müssen. Noch nie wurde, zumindest mir bekannt, von einem Minister so öffentlich die Finanzierung des Minderheitenmodelles – also beider Minderheiten – kritisch hinterfragt. Aber geben wir uns bitte keinen Illusionen hin. Natürlich werden unsere Gelder laufend hinterfragt. Aber meistens in Gesprächsrunden, an denen wir nicht direkt teilnehmen. Die Minderheiten sind dafür bekannt, dass sie ihre politischen Kämpfe sehr entschlossen führen können und daher hält man mit kritischen Fragen wohl eher zurück, als diese öffentlich zu machen. Aber es ist wird nicht einfacher, sowohl in Deutschland als auch in Dänemark, den Beamten und Politikern zu erläutern, warum die Gelder in der zugegebenermaßen nicht unerheblichen Größenordnung dennoch zeitgemäß sind. Es liegt gar nicht so viele Jahre zurück, als wir als deutsche Minderheit alle Kräfte und Unterstützer motivieren mussten, um auf Bundesebene zu erklären, dass wir eine andere Ausgangslage haben, als z. B. die deutsche Minderheit in Kasachstan und unsere Zuschüsse daher auch weiterhin berichtigt sind.

Für die deutsche Minderheit waren immer die guten Kontakte nach Berlin und vor allem zur Landespolitik nach Kiel der Garant dafür, dass die Förderung aus Deutschland nie grundsätzlich in Frage gestellt wurde. Lassen wir uns doch mal genau anschauen, was die Ministerin sagt. Natürlich hat sie recht, wenn sie erklärt, dass sich das Minderheitenleben völlig verändert habe. Die nationalen Gegensätze sind (beinah) verschwunden. Ob in Europa in den nächsten Jahrzehnten das nationalstaatliche Denken – wie es derzeit aussehen könnte – mit Macht zurückkehrt, oder ob die europäische Integration weiter und weiter greift, werden uns in Jahrzehnten die Geschichtsbücher erzählen.

Wichtig ist aber immer daran zu erinnern, dass die deutsche und die dänische Minderheit ein Produkt der Geschichte sind. Das wir entstanden sind, weil sich Grenzen verändert haben (siehe 2020). In den zurückliegenden 100 Jahren hat sich vieles verändert; mit einem Tiefpunkt während der deutschen Besatzung und dann einer immer enger werdenden Kooperation. Natürlich hat das auch Auswirkungen darauf, wie eine Minderheit nach innen und nach außen agiert. Wir sind nicht mehr so national wie vor dreißig-vierzig Jahren, was auch gut so ist. Genauso einleuchtend und selbsterklärend müsste es jedoch auch für jeden sein, dass wir als deutsche Minderheit unseren Fokus auf die deutsche Sprache und die deutsche Kultur legen; alles andere wäre, zumindest aus meiner Sicht, nicht nur den Geldgebern aber auch dem inneren Selbstverständnis einer deutschen Minderheit nur schwer zu vermitteln.

Oft wird pauschal von „der Minderheit“ gesprochen, als sei dies ein Wesen aus Fleisch und Blut, welches Finanzierung zum Überleben braucht. Die deutsche Minderheit ist die Summe der Menschen, die sich zur Minderheit bekennen. Nicht mehr und nicht weniger. Die Organisationen und Institutionen – seien es Schulen oder Dachverbände – sind da, um diesen Menschen Angebote zu machen und das Leben als Angehöriger der deutschen Minderheit attraktiv zu gestalten. So lange sich Menschen zur deutschen Minderheit bekennen, gibt es auch eine deutsche Minderheit – mit oder ohne Staatszuschüsse. Eva Kjer Hansen hat eine Frage in den Raum gestellt, die sich uns sicher in den nächsten Jahren immer wieder stellen wird. Aber wir sollten mit dem nötigen Selbstbewusstsein erklären, dass wir als deutsche Minderheit durchaus das Interesse daran haben, weiter zu existieren und dafür auch finanzielle Unterstützung benötigen werden.

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