Leitartikel

„Harter Ton ist ein demokratisches Problem“

Harter Ton ist ein demokratisches Problem

Harter Ton ist ein demokratisches Problem

Apenrade/Aabenraa
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Wut, Hass und grobe Beleidigungen werden zunehmend zu einem Problem. Wer möchte unter diesen Bedingungen noch Politiker werden, fragt Chefredakteur Gwyn Nissen.

Einfach beschämend: Mehr als die Hälfte aller Folketingskandidaten hat während des Wahlkampfes im Vorsommer 2019 erlebt, dass sie auf sozialen Plattformen bedroht, belästigt oder schikaniert wurden. Das ist nicht nur beschämend, das ist ein demokratisches Problem, das uns alle angeht. Und zwar in zunehmendem Maße.

Der Hintergrund: Das Institut für Menschenrechte hatte 320 Folketings-Kandidaten zum Wahlkampf befragt – und das Ergebnis gibt kein schönes Bild unserer Diskussionskultur in Dänemark wieder. 57 Prozent der Kandidaten sind in irgendeiner Form belästigt worden, während nur 28 Prozent der Politiker nicht schikaniert wurden, schreibt die Tageszeitung „Politiken“.

Ida Auken wurde mit dem Tod gedroht, Karsten Hønges Enkel wurden als Behinderte beschimpft, und Karsten Heegaard, der selbst im Rollstuhl sitzt, solle „in den Hafen fahren“. Sau, Schlampe, Hexe und weiteres vulgäres Vokabular lag in der Inbox, im Feed oder in der SMS.

Die verbalen Angriffe gingen sogar über die reine Schriftform hinaus: Auch telefonisch (21 Prozent) und bei persönlichen Aufeinandertreffen sind die Kandidaten beleidigt und belästigt worden (21 Prozent).

Es sind laut Christian Mogensen vom Center für digitale Pädagogik vor allem Männer über 50 Jahre aus den Randgebieten des Landes, denen jegliche Spur von Bildung und Benehmen fehlt.

Es ist kein neues Thema, dass unsere Politiker belästigt und unterschiedliche Meinungen nicht respektiert werden. Die sozialen Medien haben das Problem verstärkt und es den Trolls und Motzern dieser Welt leicht gemacht. Ihnen eine öffentliche Plattform für Wut und Hass geliefert. Man darf auch davon ausgehen, dass jener, der im Internet zu Hass-Kommentaren greift, auch im Alltag kein netter Nachbar ist.

Viele Politiker sind aus einem Stoff gemacht, der solche Kommentare abprallen lässt. Oder sie haben die Gabe, diese Personen und ihre Angriffe zu ignorieren oder ihnen mit Humor oder gar Mitleid zu begegnen. Aber eben nicht alle und vor allem nicht neue Kandidaten, die diese Seite der Politik zunächst noch nicht kennen. Man kann sich auch selber die Frage stellen: Möchte ich unter diesen Bedingungen in die Politik gehen?

Genau hier werden Belästigung, Beleidigung und Co. zum demokratischen Problem: Wenn Leute erst gar nicht in die Politik gehen, weil sie sich dies nicht antun wollen. Daher haben wir alle eine Verantwortung für den guten Ton in der Debatte – und dafür, dass wir Grenzen setzen, wie wir miteinander umgehen.

Meinungsverschiedenheiten müssen sein, aber das gibt keinem das Recht, Andersdenkende zu schikanieren – weder in den sozialen Plattformen noch von Angesicht zu Angesicht.

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