Leitartikel

„Das moderne Versammlungshaus“

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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Facebook und Twitter seien eine gute Ergänzung, aber kein Ersatz für guten Wahljournalismus oder für den Gang ins Versammlungshaus, wo sich Politiker und Wähler direkt gegenüberstehen, meint Chefredakteur Gwyn Nissen.

Die Gäste vom Publicistklubben und dem Dachverband Danske Medier wollten am Dienstagabend vor allem eins von ihrem Talkgast wissen: Wann wird die Folketingswahl ausgeschrieben? Doch die Ladys und Gentlemen von der Presse wussten natürlich, dass Staatsminister Lars Løkke Rasmussen genau diese eine Frage nicht beantworten würde. Zumindest nicht mit einem konkreten Datum. Dänemark wartet also weiterhin auf einen Wahltermin innerhalb der nächsten drei Monate.

Dabei gibt es schon einen Wahltermin, nämlich den 26. Mai zur Europawahl. Das könnte sich auch als günstiger Termin für die Folketingswahl erweisen. Dazu befragt, welche Themen Løkke gerne im Wahlkampf diskutieren wolle, wollte er zunächst keine nennen, „denn dann bin ich sicher, dass diese auf jeden Fall nicht diskutiert werden“. Dennoch entschied er sich für eine Sache: Europa. Weil die EU und Europa für Dänemark wichtig seien, so Løkke. Die EU hätte auf fast alle Bereichen der dänischen Politik Einfluss, und die Politiker müssten auch die positiven Seiten der EU-Zusammenarbeit hervorheben. Wie es läuft, wenn das nicht der Fall ist, zeige der britische Brexit mit aller Deutlichkeit. Das Problem für Løkke und andere Politiker: Wer im nationalen Wahlkampf über EU redet, verliert. Die dänischen Wähler wollen Themen in ihrer Nähe diskutieren: Gesundheit, Rente, Verkehr, Schule, Seniorenleben, Klima. Eben Themen, die doch eng mit der EU zusammenhängen.

Lars Løkke freue sich auf den Wahlkampf, sagte er in der alten Druckhalle von „Politiken“. Er wittert wieder die Polit-Zirkus-Luft des Wahlkampfes. Er, der – so behauptet Løkke selbst – nach mehr als drei Jahrzehnten in der Politik jedes Versammlungshaus in Dänemark kennt.

Zur Versammlungsstätte auf dem Land haben sich auch digitale Versammlungshäuser wie Facebook und Twitter gesellt. Auch wenn der Ton manchmal zu rau ist: Løkke ist „wild“ mit den sozialen Medien. Weil er dort den direkten Dialog mit den Wählern hat. Die Beschuldigung, immer mehr Politiker nutzen die sozialen Medien, um somit den kritischen Fragen von Journalisten auszuweichen, bestritt er: „Journalisten sind nicht die Einzigen, die kritische Fragen stellen können“, sagte Løkke.

Das mag richtig sein, aber auf der anderen Seite muss er auch nicht auf alle Fragen in den sozialen Netzwerken antworten. Er kann sich eben die Fragen aussuchen, auf die er antworten möchte. Daher sind die neuen digitalen Versammlungshäuser eine gute Ergänzung, aber sie sind kein Ersatz für guten Wahljournalismus oder für den Gang ins Versammlungshaus, wo sich Politiker und Wähler direkt gegenüberstehen. In Kürze geht es los.

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