Leitartikel

„Perfekt und krank“

Perfekt und krank

Perfekt und krank

Apenrade/Aabenraa
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Der übersteigerte Wunsch nach Perfektion ist längst in den Schulen angekommen. Doch genau dort hat die Erwartung nach Perfektion und Schönheit so rein gar nichts zu suchen, findet Redakteurin Sara Wasmund.

Bitte keine Pflaster, und wenn es geht, die Zähne des Kindes ein wenig aufhellen: Der Wunsch nach perfekter Selbstdarstellung ist nun offiziell auch in den Schulen des Landes angekommen. Die dänische Kinderhilfsorganisation Børns Vilkår bittet Eltern aus aktuellem Anlass, die Schulfotos ihrer Kinder nicht redigieren, sprich „schöner“ machen zu lassen.

Ein Drang nach Perfektion, der schnellstens wieder aufhören sollte.

Es gäbe vermehrt Eltern, die den Schulfotografen dazu anleiten, die Schulfotos ihrer Kinder etwas aufzuhübschen und „störende Elemente“ zu eliminieren. Gift für die Kinderseele, sagt ein Berater des Sorgentelefons, der immer wieder Schüler berät, die sich nicht gut genug und nicht geliebt fühlen.

Wenn Eltern die Fotos bemängelten und sie retuschieren lassen, sei das „wie Benzin ins Feuer zu gießen, denn die Eltern sagen ihren Kindern dadurch, dass sie einfach nicht gut genug sind“, so Beraterin Bente Boserup.

Wenn Pickel, Pflaster oder fehlender Zahn wegretuschiert werden, sagen die Eltern ihren Kindern indirekt, dass sie Mängel haben, so die Konklusion. Der Sender Danmarks Radio hatte mit mehreren Schulfotografen gesprochen und in Erfahrung gebracht, dass der Wunsch nach Bildbearbeitung immer häufiger fällt. Die Eltern wollen einen Fleck auf der Kleidung entfernt haben, kleine Wunden im Gesicht sollen verschwinden, und ab und an wurde den Recherchen nach auch die Bitte geäußert, die Zähne der Kinder einen Ton heller oder das Kind ein wenig „schlanker erscheinen“ zu lassen.

Ich kann mich nur noch vage an meine Schulfotos erinnern. Doch nach heutigen Perfektionsmaßstäben hätte da wohl so einiges retuschiert werden müssen. Der Zopf schief, die Zähne lückenhaft, die Wangen rot vom Toben. Aber ich erinnere mich vor allem an eines: dass es mir völlig schnuppe war, wie ich aussah, weil das Aussehen erst viel später im Leben eine Größe von Bedeutung wurde. Rückblickend bin ich unglaublich froh, dass ich mich als Kind nicht mit den gefilterten Unwahrheiten von sozialen Medien auseinandersetzen musste. Dass ich in einer Zeit ohne online gefilterte Spiegelbilder aufgewachsen bin.

Das Leben ist nunmal weder fleckenfrei noch immer sauber und man sollte daher Kindern keine optischen Paralellwelten anerziehen, in denen dieser Anschein erweckt wird. Wir leben schließlich nicht in einem Reklamespot für Waschmittel.

Die „Onlinenisierung“ unseres Alltags ist nicht zurückzudrehen. Das sollte aber nicht für das völlig gestörte Verhältnis zur perfekten Selbstdarstellung von Kindern gelten. Wir Menschen haben das Recht darauf, genau so unperfekt zu sein, wie wir nun mal sind. Kinder sollten schon gar nicht mit der Erwartung aufwachsen, dass sie perfekt zu sein haben. Sonst hat man in Zukunft mehr und mehr schöne, perfekte Fotos von pflasterfreien Kindern mit verletzten Seelen.

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