Leitartikel

„Spät – aber nicht zu spät“

Spät – aber nicht zu spät

Spät – aber nicht zu spät

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
Apenrade/Aabenraa
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Der ehemalige Chefredakteur des „Nordschleswigers“, Siegfried Matlok, äußert sich zum neu errichteten Gedenkstein für elf Marinesoldaten in Sonderburg.

Während die Dänen in der Stadt ihre lang herbeigesehnte Befreiung bejubelten, spielte sich gleichzeitig in der Sonderburger Bucht eine Tragödie ab: ein deutsches Kriegsverbrechen auf dänischem Boden, nur wenige Stunden nachdem die deutsche Kapitulation für Dänemark am 5. Mai ab 08.00 Uhr in Kraft getreten war. Elf deutsche Marinesoldaten an Bord des Minensuchbootes „M 612“ wurden wg. angeblicher Meuterei zum Tode verurteilt. Der Sonderburger Fischer Henry West hat später sieben der elf toten deutschen Matrosen geborgen. Sie waren in Uniform, an Händen und Füßen gefesselt. In sieben Totenscheinen beurkundete Kreisarzt Dr. Sebbessen den Tod von „unbekannten deutschen Marinesoldaten. Todesursache Hinrichtung“, wie der Düsseldorfer Journalist Hugo Braun ermittelte.

75 Jahre später wurde im Sonderburger Hafengebiet endlich ein Gedenkstein errichtet, symbolisch durch die dänische Kommune Sønderborg und durch die Bundesrepublik Deutschland zum Gedenken an die toten Soldaten. Die Gedenkstunde wurde besonders bewegend dadurch, dass zwei der Schwestern des ermordeten Soldaten Gustav Ritz (Ida Gatz und Hilde Ritz) teilnehmen und in Erinnerung an ihren erst 18-jährigen „lieben Bruder“ dort Blumen niederlegten.

Es wehte eine Brise Geschichte über den regennassen Alsensund, der deutsche Honorarkonsul, Carsten Friis aus Hadersleben, machte zurecht darauf aufmerksam, dass er – auch als dänischer Staatsbürger – besonders die Tatsache anerkenne, dass eine dänische Kommune ein Gedenken an elf junge Soldaten ermögliche, die der Kriegsmaschine einer feindlichen Macht angehörten, die fünf Jahre Dänemark besetzt hatte. Der Vorsitzende des Kulturausschusses der Stadt, Stephan Kleinschmidt, ernannte den in Klipleff hergestellten Gedenkstein „zu einem wichtigen Teil der Erinnerungskultur in unserem Grenzland“ und fügte hinzu: „Gedenksteine gebe es, um Gedenken wach zu halten.“

Dass dies erst im 75. Jahr nach Kriegsende realisiert werden konnte, lag vor allem daran, dass in der Nachkriegsgeschichte Meuterer und Deserteure lange Zeit als fahnenflüchtige Landesverräter betrachtet wurden, die wegen „Wehrkraftzersetzung“ disziplinarisch hart bestraft wurden. Insgesamt wurden weit mehr als 10.000 Todesurteile (!) noch nach Kriegsende gegen Soldaten vollstreckt; als „soldatische Handlungen“ versuchten die Richter sogar ihre Justizmorde zu rechtfertigen. Die Bundesrepublik Deutschland kämpft mit den eigenen Verbrechen der Nazis bis in die heutige Zeit; ein qäulender aber richtiger Prozess, der historisch auch nie „bewältigt“, abgeschlossen werden kann. Erst im Jahre 2009 wurden diese Todesurteile der NS-Justiz wie in Sonderburg offiziell aufgehoben. Diesen Hintergrund muss man kennen, um das späte Warum beantworten zu können, denn frühere Versuche, einen Gedenkstein für die Ermordeten zu errichteten, scheiterten wohl auch, weil die dänische Seite sich nicht in diesen so politisch-moralisch heftigen innerdeutschen Streit einmischen wollte. Sonderburgs Bürgermeister Erik Lauritzen, der diesen Gedenkstein nun so verdienstvoll durchsetzte, stellte selbstkritisch fest, dieser Gedenkstein hätte schon früher kommen müssen, „aber lieber später als nie“, so der Sozialdemokrat.

Verdienstvoll wurde in allen Reden der jahrelange Einsatz der leider verstorbenen Historikerin Inge Adriansen erwähnt – für sie war der Gedenkstein eine Herzensangelegenheit. Ebenso von Jürgen Karwelat von der Berliner Geschichtswerkstatt, der – mit Wurzeln in Loit Kirkeby – sich seit 1993, als Ida Gatz ihn um die Aufklärung des Schicksals ihres Bruders bat, unermüdlich um eine Lösung bemüht hat. Bereits 1995– zum 50. Jahrestag – führte er in Sonderburg eine kleine Gedenkfeier durch – unter Leitung des auch auf dänischer Seite hoch anerkannten deutschen Pastors Günter Weitling. Der frühere Minister Frode Sørensen darf beim Zustandekommen nicht vergessen werden, und schließlich möchten wir – in aller Bescheidenheit – auch das ständige Bohren unseres „Nordschleswigers“ vor und hinter den Kulissen nicht ganz verschweigen.

Vize-Bürgermeister Stephan Kleinschmidt sagte in seiner Ansprache: Kommende Generationen sollen daran erinnert werden, was geschehen ist und die Geschichte und ihre Verbrechen kennen.“ Dass der Blick aber nicht nur in Trauer über das Unfassbare auf die Vergangenheit gerichtet sein soll, darum bat besonders beeindruckend die Schwester Ida Gatz, als sie im Fernsehen von TV Syd eindringlich den Wunsch ihrer Familie äußerte, dass Europa aus früherer Feindschaft die richtigen Konsequenzen zieht – durch Zusammenarbeit und Zusammenhalt, damit sich auch der Fall Sonderburg nirgends wiederholt!

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