Leitartikel

„Sprachlos“

Sprachlos

Sprachlos

Pressburg/Bratislava
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Vielleicht geht die noch nicht gebildete neue Regierung neue Wege und nimmt die Rolle, die die Sprachen für die Integration, den Austausch und auch das Wachstum im Grenzland und im ganzen Land spielen, ernster, hofft Cornelius von Tiedemann.

Auf dem FUEN-Kongress in der Slowakei hat die parteilose irische Parlamentsabgeordnete Catherine Connolly einen bemerkenswerten Satz des irischen Dichters Seamus Heaney zitiert:

„Nicht Irisch zu lernen, bedeutet, die Möglichkeit zu verpassen, zu verstehen, was das Leben in diesem Land bedeutet hat und in einer besseren Zukunft bedeuten könnte. Es bedeutet, sich selbst Wegen des Zuhauseseins zu berauben. Wenn wir das Selbst-Verstehen, die Förderung der Fantasie, kulturelle Vielfalt und eine tolerante politische Atmosphäre als erstrebenswerte Errungenschaften betrachten, sollten wir uns daran erinnern, dass die Kenntnis der irischen Sprache ein wesentliches Element bei deren Umsetzung ist.”

Nun ist die Lage in Irland eine andere als die in Nordschleswig. Die irische Sprache wird zwar nicht mehr von allen Iren gesprochen, ist aber, neben dem heute dominanten Englisch, Amtssprache.

Doch das Zitat des 2013 verstorbenen Poeten hat auch für uns im deutsch-dänischen Grenzland Bedeutung. Wer hier lebt, der sollte sich doch auch darum bemühen, zumindest die beiden Amtssprachen zu verstehen, die wir nördlich und südlich der Grenze gebrauchen. Und sich mit der Geschichte und der Gegenwart beider Länder auseinandersetzen – durchaus auch über den Tellerrand des Grenzlandes hinaus.

Ohne den Gesamtzusammenhang des Dänischen sind auch die Dänen (und Deutschen!) in Nordschleswig nicht zu verstehen. Ohne das Verständnis des Deutschen – als Sprache, Kultur- und Geschichtsraum – sind weder die dänischen noch die deutschen Südschschlewiger oder eben auch Nordschleswiger zu verstehen.

Das alles klingt vielleicht banal. Doch wenn der Sprachunterricht für Neubürger in Dänemark inzwischen kostenpflichtig geworden ist und immer mehr Dänischlehrer sich neue Jobs suchen müssen, ist das auch für uns, die wir im Alltag Deutsch (oder Sønderjysk) sprechen, kein gutes Signal.

Wenn das Unterrichtsministerium die Mittel für das Deutsch-Projekt „Grenzgenial” streicht, obwohl die Deutschlehrer in ganz Dänemark laut protestieren, dann ist das auch kein gutes Signal für die Zukunft des Verständnisses untereinander.

Vielleicht geht die noch nicht gebildete neue Regierung andere Wege und nimmt die Rolle, die die Sprachen für die Integration, den Austausch und auch das Wachstum im Grenzland und im ganzen Land spielen, ernster.

Denn, so schrieb es der weise Heaney: „Wenn wir das Selbst-Verstehen, die Förderung der Fantasie, kulturelle Vielfalt und eine tolerante politische Atmosphäre als erstrebenswerte Errungenschaften betrachten”, dann sollten wir uns an unsere Sprachen als wesentliches Element erinnern.

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