Leitartikel

Statistische (Un-)Wahrheiten

Statistische (Un-)Wahrheiten

Statistische (Un-)Wahrheiten

Volker Heesch
Volker Heesch Hauptredaktion
Apenrade/Aabenraa
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Foto: Jeppe Bøje Nielsen/Ritzau Scanpix

Die aktuelle Debatte über die Kriminalitätsrate in Dänemark und die Tatsache, dass überproportional viele Menschen ausländischer Herkunft in den Gefängnissen des Landes sitzen, müsse ausgewogener betrachtet werden, meint Volker Heesch. Denn die Zahlen erklärten auch, weshalb das so sei.

Das statistische Amt Dänemarks, Danmarks Statistik, veröffentlicht laufend neue Übersichten zu verschiedensten Themen – von der Preissteigerungsrate bis hin zur Zahl der Autos oder Bahnreisenden. Besondere Aufmerksamkeit finden traditionell neue Daten aus dem Bereich Kriminalität.

In diesen Tagen gab es neue Zahlen unter der Überschrift „Mehr Anzeigen bei Gewalt und Bedrohung“, was nicht gerade das Sicherheitsgefühl der Bürger stärkt. Auch wurde berichtet, dass der Anteil von Strafgefangenen in dänischen Haftanstalten gestiegen ist. Nicht dass die eine Statistik etwas mit der anderen zu tun hat. Interessant ist nur, dass solche Veröffentlichungen sogleich Eingang in die politische Debatte finden.

So kommen bei Meldungen zum Thema Gewaltverbrechen regelmäßig Forderungen nach Strafverschärfungen. Die jüngsten Angaben zum hohen Anteil von Strafgefangenen mit ausländischem Pass oder auch ausländischer Herkunft veranlassten den rechtspolitischen Sprecher der Sozialdemokraten, Morten Bødskov, zu Forderungen, es müssten mehr straffällige Ausländer ausgewiesen und zur Strafverbüßung in ihre Heimatländer überstellt werden. Aus dem Regierungslager antwortete der konservative Justizsprecher Naser Khader, dass man das längst anstrebe. Leider würden viele Länder aber „ihre“ Straftäter gar nicht aufnehmen.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Jedes Verbrechen und jede Straftat sollte unterbleiben. Aber ein rascher Blick in die Statistiken reicht nicht dazu aus, Justizpolitik zu führen. Interessante Aufschlüsse liefern da schon eher Untersuchungen wie die „Nationalen Strategischen Analysen“ der dänischen Polizei. Diese belegen, dass wir trotz ständiger Berichte über abstoßende schwere Gewaltverbrechen in Dänemark zum Glück international günstige Verhältnisse haben. Allerdings gebe es die Erkenntnisse, dass „gewöhnliche“, also minder schwere Gewalttaten, die in jüngster Zeit häufiger angezeigt werden, vielfach weiterhin gar nicht bei der Polizei aktenkundig werden. Beispielsweise Misshandlungen innerhalb von Familien bleiben unentdeckt. Hier wird Handlungsbedarf sichtbar, denn offenbar werden viele Opfer dieser Straftaten sich selbst überlassen, Täter kommen ungeschoren davon. Wichtig ist es, dass noch mehr solcher Straftaten ans Licht der Justiz kommen, dass die gesellschaftliche Akzeptanz dieser Art Gewalttätigkeit gebrochen wird.

Und was weitere statistische Wahrheiten oder Unwahrheiten angeht – da verwundern doch die vielen Deutungen der Zahlen, dass mehr Ausländer hinter dänischen Gittern sitzen. Eine Erklärung ist, dass ausländische Straftäter strenger als „ethnische“ Dänen verurteilt werden. Andere Fachleute kamen zu dem Schluss, dass allein die Tatsache, dass viele der Ausländer in Dänemark relativ jung sind, statistisch gesehen zu Buche schlägt, denn rein statistisch sind junge Leute krimineller als ältere.

Da bleibt zu hoffen, dass die jüngste Initiative gegen Jugendkriminalität Wirkung zeigt, denn am besten ist es, wenn möglichst wenige überhaupt erst auf die „schiefe Bahn“ kommen. Das ist besser für die Opfer und auch die Täter.

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