Leitartikel

„Träume ich, oder bin ich wach“

Träume ich, oder bin ich wach

Träume ich, oder bin ich wach

Nordschleswig/Sønderjylland
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Staatsministerin Mette Frederiksen hat die deutsche Minderheit in Nordschleswig am Montagabend auf Düppel direkt mit den Worten „Auch ihr gehört zu Dänemark“ angesprochen. Das waren historische Worte, meint Chefredakteur Gwyn Nissen.

„Auch ihr gehört zu Dänemark“, sagte Staatsministerin Mette Frederiksen (Soz.) am Montagabend live im dänischen Fernsehen DR. Mit diesen Worten – in deutscher Sprache (!) – hatte sie sich direkt an die deutsche Minderheit in Nordschleswig gewandt. Denn zwar feierte Dänemark am 15. Juni die eigene Wiedervereinigung (Genforeningen) mit Nordschleswig vor 100 Jahren, doch mitten im nationalen Glücksgefühl fand sie in ihrer Ansprache auf Düppel auch Platz für die Minderheiten, die bei der Grenzziehung 1920 entstanden. Die Dänische in Südschleswig und unsere deutsche Minderheit in Nordschleswig.

Ja, wir gehören zu Dänemark. Daran haben wir seit Jahrzehnten nie gezweifelt. Auch nicht, dass wir von wechselnden Regierungen seit Jahren nicht nur respektiert und akzeptiert werden, sondern eben, dass wir als Minderheit in Dänemark dazu gehören. Auch mehrere Erwähnungen der Minderheit in den Neujahrsansprachen von Königin Margrethe haben über die Jahre dazu beigetragen.

Frederiksens Worte an die Minderheit waren historisch. Weil sie in deutscher Sprache fielen. Weil es am 100. Jahrestag der Übergabe Nordschleswigs an Dänemark geschah. Und weil dafür Düppel gewählt wurde, diese geschichtsträchtige Kriegsstätte, die fast ein Jahrhundert lang Deutsche und Dänen gespaltet hat und heute noch nationale Gefühle aufkommen lässt.

Düppel ist aber auch zum Ort der Versöhnung im Grenzland und zur Anerkennung der deutschen Minderheit gewachsen. 1995 hielt der damalige Hauptvorsitzende des Bundes Deutscher Nordschleswiger, Hans Heinrich Hansen, seine historische Rede zum 75. Jahrestag des Genforening. „Träume ich, oder bin ich wach", waren damals Hansens einleitende Worte.

Wer die Staatsministerin am Montagabend auf Düppel erlebte, wird sich das Gleiche gefragt haben. Deutsche Worte der Anerkennung – auf Düppel. Es wird auch in Zukunft nicht viel deutlicher gesagt werden können.

Wir gehören in Dänemark dazu.

Das haben wir schon lange gewusst, aber es reicht nicht, dass wir es wissen. Dänemark muss es auch hören – und verstehen. Ein beeindruckter BDN-Hauptvorsitzender, Hinrich Jürgensen, sprach von einer guten Vermarktung der deutschen Minderheit. Doch es war viel mehr. Es war auch eine Ansage an die deutsche Volksgruppe in Nordschleswig, sich nie wieder ducken zu müssen, weil wir Deutsche sind, und sich nie wieder sich selbst als geduldete, zweitrangige Bürger zu sehen.

Wir dürfen stolz sein – darauf, dass wir Deutsche sind und darauf, was wir als Minderheit über viele Jahre geleistet haben. Ja, auch wir gehören zu Dänemark.

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