Leitartikel

„Unsere schwierige Geschichte“

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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Wir können die Zeit nicht zurückdrehen und müssen uns daher auch heute noch fragen, ob die Minderheit genug tut, um die eigene Geschichte aufzubereiten. Daher sollten wir dankbar sein, wenn Historiker wie Henrik Skov Christensen Licht auf unsere Vergangenheit werfen, meint Chefredakteur Gwyn Nissen.

400 frisch gedruckte Seiten über die Vergangenheitsbewältigung der deutschen Minderheit in Nordschleswig werden auch diesmal für Gesprächsstoff sorgen – wie jedes Mal, wenn es um die Geschichte und um die Vergangenheit unserer Minderheit geht. Der Blick zurück ist schwierig und zeitweise schmerzhaft, aber er ist auch notwendig.

In diesen Jahren, fast 75 Jahre nach Kriegsende und kurz vor einer ganzen Reihe von Jubiläen und Feierlichkeiten 2020, ist es verlockend, nach vorne zu schauen und sich über die freundschaftliche Entwicklung im deutsch-dänischen Grenzland zu freuen. Geht es uns doch gut im Jahre 2019, und was hat die Minderheit nicht alles erreicht.

Warum also müssen wir – die deutsche Minderheit – immer wieder aus diesem Wohlseins- und Zufriedenheitsgefühl herausgerissen werden? Warum müssen Historiker wie Hans Schultz Hansen, Henrik Skov Christensen und Dennis Larsen die dunklen Seiten der Minderheit ausgraben? Lasst sie doch ruhen. Genau das hat die Minderheit jahrzehntelang getan. Unsere Vergangenheit unausgesprochen liegen gelassen. Alle wussten Bescheid, aber es wurde selten offen darüber geredet.

Warum? Weil es schmerzt, und weil es schwierig ist. Weil es nicht um irgendwelche Soldaten oder Taten ging, sondern um Familie. Um Väter, Brüder, Söhne. Viele haben Falsches getan, und es ist schwierig für uns, sich heute im kuscheligen, hyggeligen Nordschleswig vorzustellen, was damals in den Köpfen dieser Leute vorgegangen ist. Was sie erlebt haben. Getan haben. Genau deshalb ignorieren Historiker die Geschichte nicht, sondern decken sie auf und untersuchen, wie nun Henrik Skov Christensen in seinem Buch „Täter oder Opfer“. Aber eben nicht nur was im Krieg passierte, sondern auch was nach dem Krieg in der Minderheit geschah – oder eben nicht geschah. Daran erinnern wir uns ebenfalls ungern in der Minderheit.

Es wurden zwar immer wieder ehrliche und ernst gemeinte Versuche unternommen, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. In frühen Jahren wurde noch vieles ausgebremst, und auch später war die Minderheit oft reaktiv statt aktiv und offensiv, vieles davon kam – wie wir heute wissen – zu spät oder wurde nicht priorisiert.

Wir können die Zeit aber nicht zurückdrehen und müssen uns daher auch heute noch fragen, ob die Minderheit genug tut, um die eigene Geschichte aufzubereiten. Daher sollten wir dankbar sein, wenn Historiker wie Henrik Skov Christensen Licht auf unsere Vergangenheit werfen. Auch wenn es unsere dunkle Seite ist. Und wenn es schmerzt. Aus der Geschichte müssen wir nämlich lernen – auch heute noch. Und über eines müssen wir uns im Klaren sein: Solange es eine deutsche Minderheit gibt, so lange werden wir uns mit unserer Vergangenheit beschäftigen müssen. Weil wir nicht mehr schweigen dürfen, und weil wir lernen müssen, mit unserer Geschichte zu leben und ehrlich umzugehen.

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