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„,Die Ukraine - mein Bruder, meine Verwandtschaft. Für deine Freiheit bin ich bereit zu sterben.'“

,Die Ukraine - mein Bruder, meine Verwandtschaft.'

,Die Ukraine - mein Bruder, meine Verwandtschaft.'

Jan Diedrichsen
Jan Diedrichsen
Apenrade/Brüssel
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Am 17. Mai wird der Deportation der Krimtataren gedacht. Derzeit verteidigen Ukrainer und Krimtataren ihr Land gegen eine russische Invasion und kämpfen um das Recht, gemeinsam in der Heimat zu Hause zu sein. Daran sollte an diesem Gedenktag erinnert werden.

Mit Gedenktagen ist es so eine Sache. Sie sollen an vergangenes Leid erinnern, laufen aber auch Gefahr, zur hilflosen Symbolik verklärt zu werden. Das abgespulte Gedenken an Vertreibungen und Genozide mit dem routinierten Blick von außen, ohne selbst wirklich betroffen zu sein, ist oft nur wohlfeil. Dies gilt auch für das ritualisierte Gedenken an die Vertreibung der Krimtataren 1944, das jedes Jahr am 17. Mai begangen wird.

Seit 2014 ist die Krim russisch besetzt, und sieben Jahre lang wurde der 17. Mai pflichtschuldig im Ausland begangen, auf der Krim ist das Gedenken durch die russischen Okkupanten verboten. Trotz der völkerrechtswidrigen Besatzung der Krim und des Einmarsches in Teile des Donbas im Jahr 2014 galt bis zum 24. Februar 2022 die Devise: „Feierliches Gedenken ja, aber nur nicht den russischen Bären verärgern.“

Der krimtatarische Dichter Samad Şukur rief 1993 aus: „Die Ukraine – mein Bruder, meine Verwandtschaft. Für deine Freiheit bin ich bereit zu sterben." Heute verteidigen Ukrainer und Krimtataren ihr Land gegen grausame Invasoren und kämpfen um das Recht, gemeinsam zu Hause zu sein. Daran sollte an diesem Gedenktag erinnert werden.

Eine Lektüreempfehlung für diejenigen, die in die komplexe und faszinierende Lebenswirklichkeit, Geschichte und Zukunft der Krim eintauchen wollen, sei das Buch „Die verlorene Insel“ der ukrainischen Journalistin Nataliya Gumenyuk. In einer Sammlung faszinierender Reportagen von der besetzten Krim, die sie im Zeitraum von 2014 bis 2019 bereist hat, werden Geschichten und Tragödien der Menschen und ihrer Lebensumstände erzählt, die sich seit 2014 grundlegend verändert haben. Unternehmer und Rentner, Krimtataren, Studenten und Aktivisten, Menschenrechtler und Militärangehörige, Menschen mit unterschiedlichen politischen und ideologischen Ansichten – sie alle erzählen offen ihre Geschichten: Einige versuchen, ihrem stillen, dumpfen Schmerz Worte zu verleihen, andere haben genug vom Schweigen und der Angst.

Die moderne Geschichte der Heimat der Krimtataren ist eine Geschichte von Vertreibung und Widerstand. In jedem Mai erinnern wir daran, was Stalin befahl, nachdem Hitlers Truppen die Krim verlassen hatten. Im Mai 1944 deportierten seine Schergen innerhalb von drei Tagen die gesamte krimtatarische Nation – etwa 200.000 Menschen – aus ihrer Heimat. In der krimtatarischen Sprache wird die Deportation als Sürgün („das Exil") bezeichnet. Tausende starben im Laufe der Reise an den unmenschlichen Bedingungen, dem Mangel an Wasser und Nahrung und der grausamen Behandlung durch Stalins NKWD. Tausende weitere starben an Hunger und Krankheiten in „speziellen Lagern" in Zentralasien und Sibirien, in den entlegensten Gebieten der Sowjetunion, wo sie fast ein halbes Jahrhundert lang ausharrten.

Stalin beschuldigte die Krimtataren der massenhaften Kollaboration mit ihren Nazi-Besatzern. Wie alle ethnischen Gruppen auf der Krim – einschließlich Russen, Ukrainer und sogar jüdische Karaiten – kollaborierten auch einige Krimtataren während des Krieges mit den Nazikräften. Doch die überwältigende Mehrheit kämpfte in der Roten Armee. Stalin vertrieb die Krimtataren von der Krim nicht, weil sie etwas getan hätten, sondern weil er dachte, dass sie etwas tun könnten. In seinem Wahn, der von einem bevorstehenden Krieg mit der Türkei um die Kontrolle der Meerengen von Bosporus und Dardanellen ausging, waren die Krimtataren eine potenzielle muslimische, turksprachige fünfte Kolonne.

Die Krimtataren hatten über die Jahrzehnte in der fernen Diaspora die Heimat nie aufgegeben oder gar vergessen. Die Überlebenden reagierten auf das Trauma ihrer Vertreibung, indem sie die schlagkräftigste Protestbewegung in der sowjetischen Geschichte auf die Beine stellten. Ihr Kampf um die Rückkehr auf die Krim, der auf den Prinzipien des gewaltlosen Widerstands gegen staatliche Ungerechtigkeit und Unterdrückung beruhte, übte einen unauslöschlichen Einfluss auf die sowjetische Opposition insgesamt aus.

Nach jahrzehntelangen unermüdlichen Anstrengungen erlangten die Krimtataren das Recht auf Rückkehr in ihre angestammte Heimat. Als die Sowjetunion zusammenbrach, erhielt die ukrainisch-krimtatarische Solidarität eine neue politische Heimat, und die Krimtataren wurden zu glühenden Anhängern des neuen unabhängigen ukrainischen Staates. Sie wurden oft als „die größten Ukrainer auf der Krim" bezeichnet.

Die verbrecherische Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 hat alles verändert. Fast über Nacht waren Aktivistinnen und Aktivisten Festnahmen, Inhaftierungen und Ausweisungen durch die de facto russischen Behörden ausgesetzt. Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) hat sich in den Jahren große Verdienste mit der Dokumentation dieser Verbrechen erarbeitet.

Zehntausende Krimtataren flohen von der Krim auf das ukrainische Festland. Mustafa Dzhemilev, der legendäre Führer des krimtatarischen Volkes, der in den 1970er Jahren einen 303-tägigen Hungerstreik im Gulag ertrug, durfte die Halbinsel nicht mehr betreten.

Nach der Annexion der Krim sprach sich eine Mehrheit der Ukrainer für eine Änderung der ukrainischen Verfassung aus, mit der die „national-territoriale Autonomie" der Krimtataren anerkannt und ihnen faktisch die Souveränität der Krim übertragen werden sollte.

Die Krimtataren kämpfen unterdessen in diesen Tagen als Freiwillige, um die Ukraine im Kampf gegen die Angreifer aus Russland zu unterstützen. Die Krimtataren haben ihre Heimat nie aufgegeben und geben sie auch jetzt nicht auf. Die Geschichte hat sie einen langen Atem und Duldsamkeit gelehrt.

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