Leitartikel

„Wer darf überleben?“

Wer darf überleben

Wer darf überleben

Nordschleswig/Sønderjylland
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Was darf die Behandlung von Patienten kosten? Was ist ein Leben wert? Eine schwierige Frage, meint Chefredakteur Gwyn Nissen, der sich zum Thema „steigende Arzneimittelkosten" Gedanken gemacht hat.

Die Ausgaben für Medikamente steigen rasant. Das merken auch die dänischen Krankenhäuser, die im vergangenen Jahr neun Milliarden Kronen dafür ausgegeben haben. Das sind 50 Prozent mehr als vor sechs, sieben Jahren – Tendenz steigend.

Für die fünf Regionen, die in Dänemark die Krankenhäuser verwalten, gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder die Ausgaben für Medikamente begrenzen oder andere Sparmaßnahmen durchführen, wie zum Beispiel Personal entlassen oder die Anzahl der Betten reduzieren. Daher versuchen die Regionen, die Kosten für Medikamente zu zügeln, was nicht leicht ist, denn die Pharmaindustrie entwickelt immer wieder neue und bessere Medikamente und schafft damit einen neuen Bedarf.

Die Redaktion von Danmarks Radio hatte im vergangenen Monat ihren Fokus auf die „Milliarden für Medikamente" gerichtet. Auch auf die Verlierer: „Wir sind ein reiches Land. Warum können wir kranke Leute dann nicht behandeln? Ich habe mein ganzes Leben lang Steuern bezahlt, seit ich 15 war, und ich habe zu unserer Gesellschaft beigetragen. Jetzt, wo ich alt und krank geworden bin, möchte ich gerne Hilfe von derselben Gesellschaft, in die ich investiert habe", sagte eine krebskranke Patientin. Mari-Ann Petersen aus Kopenhagen hat Eierstockkrebs, bei dem es immer wieder zu Rückfällen kommt. Doch durch die richtige Medikation kann die Zeit zwischen den Ausbrüchen des Krebes auf ein halbes Jahr verlängert werden. Dann muss sie wieder in die Chemotherapie.

Die Reaktion von Mari-Ann Petersen ist verständlich, doch die Entwicklung in der Pharmaindustrie setzt das Gesundheitssystem unter Druck. Wer bekommt die lebenswichtige Medizin und wer nicht? Wer lebt länger und wer nicht? Das sind Entscheidungen, die du und ich nicht treffen wollen, die aber getroffen werden müssen.

2017 wurde daher ein Medizinalrat (Medicinrådet) gegründet, der zum einen aus einer fachlichen, ärztlichen Betrachtung Arzneimittel bewerten soll, gleichzeitig aber auch die Kosten dafür in Betracht nehmen muss. Diese Experten treffen für uns Entscheidungen, die wir unmöglich selber treffen können. Versuch es selbst.

Was ist ein besseres, längeres Leben wert? Fühlst du das Gleiche für dich selbst und deine Nächsten wie für Fremde? Was dürfen Medikamente kosten, wenn sie Patienten zu einem besseren Leben verhelfen? Mari-Ann Petersens Medizin kostet übrigens 700.000 Kronen im Jahr.

Ich möchte die Entscheidung nicht treffen, ob 700.000 Kronen passend oder zu viel sind. Aber ich bin froh darüber, dass es mutige Experten und von uns gewählte Politiker gibt, die uns diese und viele andere schwierige Entscheidungen abnehmen. Denn letztendlich wissen wir auch, dass das zur Verfügung stehende Steuergeld nicht reicht, um allen zu helfen.

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