Neues Projekt

Deutsch als Zubringer für eine berufliche Karriere

Deutsch als Zubringer für eine berufliche Karriere

Deutsch als Zubringer für eine berufliche Karriere

Monika Thomsen
Tondern/Tønder
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Das neue Deutsch-Projekt steht auf dem Stundenplan der 1G des Handelsgymnasiums in Tondern. Foto: Monika Thomsen

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Unterrichtsstätten aus fünf Kommunen ziehen an einem Strang, um Deutsch einen höheren Stellenwert einzuräumen. Das blaue Handelsgymnasium in Tondern führt Regie.

Der Startschuss für ein neues Projekt, das Jugendliche auf den Geschmack von Deutsch als berufliche Perspektive bringen soll, fiel am Mittwoch im blauen Handelsgymnasium in Tondern.

Außer Tondern sind auch die drei übrigen nordschleswigschen Kommunen und der Unterrichts-Standort Grindsted aus der Kommune Billund mit von der Partie.

Tondern federführend

Das blaue Gymnasium in Tondern übernimmt die führende Rolle. Lektorin Anette Okholm ist Projektkoordinatorin.

Die Hauptidee zielt darauf ab, bei den Jugendlichen das Bewusstsein dafür zu schüren, dass Deutschkenntnisse im breiten Sinne ein sicherer und gangbarer Weg für eine Karriere sind – insbesondere, wenn man im Grenzland lebt.

Es geht darum, die jungen Menschen dazu zu motivieren, Deutsch zu wählen, und dass sie ihre Deutschkenntnisse verbessern.

Finanzielle Förderung

Aus dem Ausbildungstopf des Regionsrats gab es im Dezember 2021 eine Finanzspritze in Höhe von knapp 2,7 Millionen Kronen für das Projekt.

Angestrebt ist, dass 1.200 bis 1.500 Schülerinnen und Schüler aus den Partner-Einrichtungen und auch von südlich der Grenze in das Projekt einbezogen werden. Die Zusammenarbeit umfasst auch Unternehmen.

Partnerschaften
• Gymnasiale Partner sind: das blaue Gymnasium in Tondern, das blaue Gymnasium in Sonderburg (Sønderborg), Aabenraa Staatsskole, Haderslev Katedralskole sowie Grindsted Gymnasie- og Erhvervsskole
• Die übrigen Partner: ausgewählte Volksschulen in den Kommunen Apenrade, Sonderburg, Tondern, Hadersleben und Billund
• das Goethe Institut Dänemark
• Interreg Projekte
• Zentralstelle für Auslandsschulwesen/Deutsches Sprachdiplom

Bei der Kick-off-Veranstaltung waren die Jugendlichen aus der 1G des Handelsgymnasiums mit von der Partie. „Das Projekt soll mit ihnen laufen. Daher sind sie dabei, damit sie sich eingebunden fühlen“, erläuterte Anette Okholm vor dem offiziellen Start.

Projektkoordinatorin Anette Okholm und Ausbildungschef Ole Dalsgaard Foto: Monika Thomsen

„Wenn nicht hier, wo dann?"

Direktor Karsten Uggerholt Eriksen erwähnte in seiner Begrüßung, dass sich die Einrichtung während der vergangenen Jahre intensiv mit dem Sprachteil befasst habe. „Wir setzen beinhart auf das Deutsche. Wo sollte man sonst Deutsch lernen, wenn nicht in Nordschleswig“, so Uggerholt Eriksen.

Sesamstraße-Fans ergraut

Bürgermeister Jørgen Popp Petersen (Schleswigsche Partei) ging auf die Wichtigkeit des Themas ein. „Es nimmt an Wichtigkeit zu, da die Generation Sesamstraße mittlerweile dabei ist, grauhaarig zu werden“, so Popp in Gedanken an die Altersgruppe, die Deutsch durch die Kinderprogramme im Fernsehen gelernt hat.

Er ging auf die Problematik ein, dass zu viele Jugendliche andere Sprachen vor Deutsch den Vorzug geben. Tondern gehöre zu den Kommunen, wo Deutsch seit einigen Jahren in den kommunalen Schulen bereits ab der 0. Klasse unterrichtet werde. Es komme aber auf den Zugang zur Thematik an. Er erwähnte auch, dass 2021 nur 65 Universitäts-Studierende Deutsch gewählt hätten.

Bürgermeister JørgenPopp petersen, Direktor Carsten Uggerholt Eriksen und Lektorin und Projektkoordinatorin Anette Okholm Foto: Monika Thomsen

Trendwende herbeiführen

„Das ist eine historisch niedrige Rate. Aus Gesprächen weiß ich aber, dass bei Exportunternehmen, im Handel und in der Touristikbranche Mangel an deutschkundigem Personal besteht. Wir müssen den Trend umkehren“, so Popp mit Blick auf den Handelspartner Deutschland mit 85.000 Millionen Menschen und die Nachbarländer Schweiz und Österreich, wo Deutsch ebenfalls eine Rolle spiele.

„Wenn wir nicht Deutsch sprechen, führt dies zu Marktverlusten. Es gibt Sympathie, wenn man sich für die Sprache eines Landes interessiert und sie spricht“, so der Bürgermeister. „Das Zitat mag etwas abgedroschen sein, aber mit Englisch kommt man durch und mit Deutsch weiter“, schloss er seinen Beitrag.

Die Zielsetzung des Projektes, das bis zum 31. Dezember 2024 läuft:
• 80 Prozent der teilnehmenden Schülerinnen und Schüler hat generell mehr Interesse am Fach Deutsch gewonnen.
• 80 Prozent der teilnehmenden Schülerinnen und Schüler sind sich über die Karrieremöglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt bewusst, die die Deutsch-Kompetenzen bringen.
• 30 Prozent der Jugendlichen, die das Fach Deutsch haben, nehmen an einer Sprachzertifizierung (Goethe/Sprachdiplom) teil.

Vorbilder für die Jüngeren

Anette Okholm wünschte sich, dass die Schülerinnen und Schüler der Gymnasien im Verhältnis zu den Volksschülern eine Vorbildfunktion einnehmen sollen.

„Der Fokus liegt auf dem Tourismus“, so die Projektkoordinatorin.

Den Stellenwert von Deutschkenntnissen in der Wirtschaft veranschaulichte Chefberater Ron Amir vom Verband Dansk Industri, in dem 19.000 Unternehmen vereint sind.

Klischees im Blick

Er präsentierte drei Klischees, auf die er im Zusammenhang mit Deutsch oft bei jungen Menschen stößt: „Englisch ist ausreichend“, „Deutsch, dann kann ich ja wohl ‚nur‘ Gymnasial-Lehrer werden“ und „Wenn ich mit Deutsch arbeiten soll, muss ich dann an der Universität Deutsch studieren?“.

„Mehr als 10.000 dänische Unternehmen exportieren nach Deutschland. 2020 exportierten wir im Wert für 154 Milliarden Kronen nach Deutschland“, so Amir. Er fügte hinzu, dass 115.000 dänische Arbeitsplätze vom Export nach Deutschland abhängen würden.

„In dieser Region spielt es zweifellos eine noch größere Rolle“, so der Chefberater.

Das Export-Potenzial sei bei Weitem nicht ausgeschöpft, da die Ausfuhr sich hauptsächlich auf Norddeutschland konzentriere.

Chefberater Ron Amir vom Industrieverband Foto: Monika Thomsen

„Die Autobahn, die zum Arbeitsmarkt führt"

„Eure Deutsch-Kompetenzen können in einigen Jahren bei der Jobsuche entscheidend sein, ob ihr vor Mitbewerbern den Zuschlag erhaltet“, so eine der Botschaften von Ron Amir.

„Nehmt an Austauschen und Praktika in Deutschland teil, lest die Literatur, die Sprachkenntnisse öffnen euch Türen. Ich hoffe, ihr könnt sehen, dass das die Autobahn ist, die zum Arbeitsmarkt hinführt“, so der Chefberater abschließend.

Für mich ist Deutsch eine Nachbarsprache, und durch Treffen wird das Interesse geweckt und die Schüler spüren, dass sie die Sprache gebrauchen können.

Heidi Iwersen, Deutschlehrerin

Praxisorientierte Erfahrungen

Während es für die Jugendlichen zurück in den Unterricht ging, vermittelte Deutschlehrerin Heidi Iwersen von Tønder Overbygningsskole anschließend den Projektpartnern einen Eindruck von ihren praktischen Erfahrungen.

Sie nutzt unter anderem verschiedene Interreg-Pprojekte für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit Schulen aus Deutschland.

„Für mich ist es eine Nachbarsprache, und durch Treffen wird das Interesse geweckt und die Schüler spüren, dass sie die Sprache gebrauchen können. Bei den Begegnungen ist es wichtig, dass man gemeinsam etwas zu tun hat“, so Heidi Iwersen zum „Nordschleswiger“.

Heidi Iwersen berichtete von ihren Erfahrungen aus der Praxis. Foto: Monika Thomsen

„Spaß an der Sprache haben"

„Sie müssen Spaß an der Sprache haben, damit sie später wagen, sie zu gebrauchen und sich auch trauen, ein Praktikum in Deutschland zu machen. Für mich geht es darum, den Topf ständig am Kochen zu halten“, so Iwersen.

Und die Nordschleswigerin enthielt mit einem Augenzwinkern den Kolleginnen und Kollegen nicht vor, wie ihre Zweisprachigkeit ihrer Karriere einen Kickstart beschert hatte – und zwar als Babysitterin für den heutigen Korrespondenten des dänischen TV-Senders „DR“, Michael Reiter.

Seine dänische Mutter und sein deutscher Vater, die an der Handelsschule in Tondern unterrichteten, wollten ein zweisprachiges Kindermädchen. Ein Kriterium, das Heidi Iwersen erfüllte. Das passt zum Titel des Projekts „Tysk i et karriereperspektiv”.

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