„Unge på toppen“

In Keld Brogaard können sich die jungen Menschen spiegeln

Anke Haagensen
Anke Haagensen Lokalredakteurin
Apenrade/Aabenraa
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Keld Brogaard verteilt Sporttaschen an die Teilnehmer der diesjährigen Auflage des Projekts "Unge på toppen". Foto: Karin Riggelsen

Der 30-jährige Apenrader hat selbst durch das Projekt „Unge på toppen“ den Weg vom antriebslosen Sozialhilfeempfänger zum Vollzeit-Berufstätigen geschafft. Jetzt hilft er anderen in gleicher Situation.

25 junge Sozialhilfeempfänger aus der gesamten Kommune haben am Montagmorgen jeweils eine Sporttasche mit Sportbekleidung erhalten. Diese Sporttasche und vor allem ihr Inhalt wird in den nächsten Wochen und Monaten ihr ständiger Begleiter sein. Sie müssen in Form kommen, um im Juni den berüchtigten Anstieg zum französischen Alpengipfel Alpe d’Huez zu erklimmen – auf dem Rennrad. Das wird ihnen Mitte März dann auch noch ausgehändigt. Mitte Mai geht es mit dem Rennrad von Apenrade Richtung Frankreich los. 1.600 Kilometer verteilt auf zwölf Etappen liegen vor den jungen Menschen.

Das Projekt heißt sinnigerweise „Unge på toppen“. Es beinhaltet ein kleines Wortspiel: Die jungen Sozialhilfeempfänger kommen in Topform und schließen das Projekt auf einem Alpengipfel ab. Das Projekt, das in Regie des Jobcenters der Kommune Apenrade stattfindet, besteht darüber hinaus aus einem zweiten, nicht minder wichtigen Teil: Alle 25 junge Männer und Frauen verpflichten sich, ein Praktikum in einem Unternehmen durchzuziehen.

Zweifelhaftes Jubiläum

Fünf „Erwachsene“ helfen den jungen Menschen. Einer von ihnen ist der 30-jährige Keld Brogaard. In ihm werden sich die Sozialhilfeempfänger spiegeln können. Er nahm nämlich schon bei der ersten Alpe-d’Huez-Fahrt vor zwei Jahren teil. Damals war er noch ein 28-jähriger, orientierungsloser junger Mann mit Sozialphobie. „Ich konnte kurz nach Projektende 2017 mein zehnjähriges Jubiläum als Sozialhilfeempfänger feiern“, sagt Brogaard und schüttelt über sich selbst den Kopf. Im Nachhinein betrachtet, waren es zehn traurige Jahre mit einer ebenfalls traurigen Vorgeschichte.

Brogaard kennt die Ängste und Ausreden

Für ihn war das Projekt die Rettung. Heute hat er eine Festanstellung im Team von Thomas Sonne, der das Projekt begleitet. Brogaard hat seine Sozialphobie ganz offensichtlich abgelegt und ist für die jungen Projektteilnehmer ein Ansprechpartner auf Augenhöhe.

Thomas Sonne selbst hat einen Background aus dem Militär. Zwei seiner Mitarbeiter, Jakob Hauberg Biering und Glenn Hollænder, waren auch Berufssoldaten. „Für mich passte das sehr gut. Sie nennen die Dinge beim Namen, packen sie nicht in Watte, sondern sagen dir, was Sache ist. – Das gilt übrigens auch für Lob“, betont Keld Brogaard. Seit dem vergangenen Jahr hat Sonne mit Lene Møller-Hansen auch eine Volksschullehrerin in sein Team aufgenommen, die Erfahrungen aus einem ähnlichen Projekt mitbringt. Alle haben ihre Kompetenzen und Qualitäten. Keld Brogaard bringt aber etwas mit, was die anderen nicht haben: Er weiß, wie es ist, wenn man auf der „anderen Seite“ steht. Wie es sich anfühlt, wenn man ganz unten und ohne Selbstbewusstsein ist.

„Ich erkenne die Ängste und Ausreden, weil ich sie ja von mir selbst kenne“, vermutet der 30-Jährige.

Eine Nummer im Jobcenter

Wenn er seine Lebensgeschichte erzählt, stimmt das schon ein wenig traurig. In den ersten Schuljahren war er ein ganz normaler Junge mit einem großen Freundeskreis. Dann verschloss er sich immer mehr, entwickelte eine Sozialphobie, die nicht wirklich erkannt und erst recht nicht therapiert wurde. Er verließ die Schule nach dem sechsten Schuljahr und kehrte dann zum neunten zurück, um zumindest den Volksschulabschluss in der Tasche zu haben.

Mit seinem 18. Geburtstag wurde er Sozialhilfeempfänger und war fortan „eine Nummer“ im Apenrader Jobcenter. So fühlte er es zumindest. „Ich wurde von einem Praktikum zum nächsten geschickt. Ich hielt es nirgendwo lange aus, meldete mich schließlich krank. Wenn ich drei Monate gearbeitet habe, war ich etwa ein halbes Jahr krankgeschrieben. Das war zehn Jahre lang mein Alltag“, erzählt Keld Brogaard. Er hielt die Praktika für komplett sinnentleert und fühlte sich als Spielball des Systems.

„Das war schon furchteinflößend und grenzüberschreitend zugleich.“ So schildert er seine Gedanken, als er 2017 aufgefordert wurde, sich an dem Projekt „Unge på toppen“ zu beteiligen. Ihm sagte – im Gegensatz zu vielen anderen Teilnehmern – besonders das Radfahren zu. „Ich bin schon immer gern und viel Rad gefahren“, sagt Brogaard. Um es aber aushalten zu können, so eng mit anderen Menschen zusammen zu sein und Sport zu treiben, war es für ihn wichtig, sportlich der Fitteste zu sein. Er ist deshalb sicherlich mehr Kilometer auf dem Rad gefahren und hat mehr Stunden im Fitnessstudio verbracht als alle anderen. „Sonst hätte ich mit den anderen nicht zusammen sein können“, ist er überzeugt.

Kein einziger Krankentag

Thomas Sonne und sein Team haben ihm Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen eingeflößt. Höhepunkt war aber sicherlich das Angebot von Thomas Sonne, Mitarbeiter seines Unternehmens zu werden. Die Tatsache, dass er seit dem Sommer 2017 im Sonne-Unternehmen Vollzeit-Angestellter ist ohne einen einzigen Krankentag, spricht Bände.

Seinen (Mehr-)Wert hat Keld Brogaard schon im vergangenen Jahr als Betreuer unter Beweis gestellt, als neue „Unge-på-toppen“-Rekruten die 600 Kilometer von Apenrade nach Skagen radelten. Im Laufe der Zeit hat er immer mehr Aufgaben erhalten. Inzwischen liegt die gesamte Logistik in seinem Verantwortungsbereich.

Etliche Tattoos auf seinem Körper stammen aus seiner Zeit als Sozialhilfeempfänger ohne Antrieb und Ehrgeiz. „Andere ritzen sich, ich habe mir Tattoos stechen lassen“, sieht er es heute. Als er 2017 den Alpengipfel erklomm, wollte er dieses Ereignis eigentlich auch mit einer Tätowierung feiern. „Ich habe bislang aber gar nicht Zeit dafür gehabt“, sagt der 30-Jährige schmunzelnd. In diesem Jahr soll es aber sein. Seine Kollegin Lene und er haben das vereinbart: Nach Abschluss des diesjährigen Projekts wollen sie sich das gleiche Tattoo stechen lassen.

Keld Brogaard ist heute unter anderem für die Logistik des Projekts "Unge på toppen" zuständig. Foto: Karin Riggelsen
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