Satellitenklinik

Raus aus den Puschen: Einmal in der Woche ist Sprechstunde in „Damms Gård“

Raus aus den Puschen: Einmal in der Woche ist Sprechstunde in „Damms Gård“

Raus aus den Puschen

Feldstedt/Felsted
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Einmal pro Woche – immer mittwochs – ist die Satellitenklinik im ersten Stock von „Damms Gård“ geöffnet. Gunnar Pedersen und Rosa Lund gehören zu den zufriedenen Nutzern des Angebots. Krankenschwester Vivi Clausen (r.) kam früher zu ihnen nach Hause. Jetzt kommen sie zu ihr. Foto: Karin Riggelsen

Die Kommune Apenrade lockt mit einem neuen Angebot mobile Patienten aus den eigenen vier Wänden heraus.

Bis vor einigen Monaten kam Krankenschwester Vivi Clausen nach Hause zu Rosa Lund und Gunnar Pedersen. Einmal pro Woche muss ihm eine Spritze gesetzt werden wegen eines Nierenleidens. Alle 14 Tage hat Vivi Clausen dann die Medikamente von seiner Lebensgefährtin Rosa in ihre Tablettenboxen gefüllt – verteilt auf Morgen, Mittag, Abend – für alle sieben Wochentage.

Im Großen und Ganzen ist das Paar aber noch sehr mobil, führt den Haushalt selbstständig, kocht täglich und hält den Garten („überwiegend Rasen“, schränkt Gunnar ein) tipptopp. Sie gehen zum Krolfen und zum Kegeln. Aus diesem Grund kommt die Krankenschwester der Kommune Apenrade nicht mehr zu Rosa und Gunnar nach Hause; sie kommen stattdessen zu ihr.

Einmal pro Woche – jeweils mittwochs von 9 bis 12 Uhr – hat Vivi Clausen eine Art Klinik in einem Sitzungsraum im ersten Stock des Feldstedter Bürgerhauses „Damms Gård“ eingerichtet.

Weitere Pop-up-Kliniken in Bülderup, Klipleff und Loit

Vor rund zwei Monaten hat die Kommune Apenrade solche Satellitenkliniken eingeführt. Es gibt diese Pop-up-Kliniken in Bülderup, Klipleff, Loit Kirkeby und in Feldstedt. Sie haben einmal pro Woche geöffnet. Die Krankenpfleger bringen alles Nötige jeweils selbst mit. Einen ganzen Rucksack voll. Nach Ende der Sprechstunde wird alles wieder eingepackt und mitgenommen.

Die 88-jährige Rosa leidet an COPD (dän: KOL) – einer chronischen Lungenkrankheit. Auch wenn es nur 250 Meter von der Wohnung bis zum Damms Gård sind, kann sie die Strecke nicht gehen. Dazu fehlt ihr die Luft. Ihr Partner fährt aber noch Auto, und so bringt er sie alle zwei Wochen mit. In den Wochen, wo nur er einen Termin bei der Krankenschwester hat, geht er zu Fuß.

Im Flur begegnen sie ihrer Nachbarin Jytte. Auch sie hat einen Termin bei der Krankenschwester. Sie ist die Strecke mit dem Rollator gegangen. Man grüßt sich.

Heimkrankenschwester Vivi Clausen bringt ihre Utensilien in dem einen Rucksack mit. Foto: Karin Riggelsen

Nur kleinere Pflegeaufgaben

„Wir können in unseren Satellitenkliniken alle kleineren Pflegeaufgaben lösen. Außer dem Dosieren von Medikamenten und Spritzensetzen, können wir Verbände wechseln, Blutdruck und den Blutzuckerspiegel messen sowie kleinere Wunden versorgen“, sagt Vivi Clausen, die seit 1992 häusliche Pflege in Feldstedt und Umgebung leistet. In den ersten Jahren war sie in der Kommune Lundtoft angestellt und wurde bei der Kommunalreform 2007 von der Großkommune Apenrade übernommen. Ihr Einsatzgebiet ist aber im Großen und Ganzen das gleiche geblieben.

Effektivitätssteigerung ist ein schöner Nebeneffekt

„Die Satellitenkliniken wurden nicht eingeführt, um uns Krankenschwestern die Transportzeit zwischen den Patienten zu ersparen“, betont Vivi Clausen. Dies ist für die Finanzabteilung des Rathauses aber sicherlich ein schöner Nebeneffekt. Ein weiterer Nebeneffekt ist die Tatsache, dass die Heimkrankenpflege künftig viel weniger Verbandsmaterial wegwerfen muss. „Sobald wir Material von unseren Dienstfahrzeugen in eine Wohnung mitnehmen, müssen wir es aus hygienischen Gründen wegwerfen. Das gilt nicht für unsere Satelliten- und Krankenpflegekliniken“, sagt Vivi Clausen.

Das neue Angebot ist ein Teil des Rehabilitationsprogramms der Kommune, soll den mobilen Patienten so viel selbstbestimmtes Leben wie möglich bewahren und sie aus den eigenen vier Wänden herausholen.

Heraus aus den Puschen

„Um zu uns in die Satellitenklinik zu kommen, muss man sich anziehen, kommt wortwörtlich aus den Puschen. Viele verbinden den Gang zu uns mit dem Einkauf im Supermarkt, mit dem Friseur- oder Arzttermin“, erzählt Vivi Clausen. „Damms Gård“ ist dahingehend super zentral gelegen.

Die Satellitenkliniken können nur von Personen genutzt werden, die dem häuslichen Pflegedienst der Kommune angeschlossen sind.

Nicht alle sind sofort begeistert

Bei der Auswahl der Patienten kommt Vivi Clausen ihre gute Ortskenntnis zugute. „Ich bin die Namenslisten einfach mal von oben bis unten durchgegangen und habe dann geschaut, wer ist mobil genug, um die Satellitenklinik zu nutzen.“ Nicht alle Patienten nahmen das Angebot gleich an. Bei einigen musste die Krankenschwester Überzeugungsarbeit leisten, bei anderen beißt sie noch immer auf Granit. Sie hat aber durchaus Verständnis für diese Patienten. Alles Neue ist zunächst einmal angsteinflößend. Jede Veränderung beginnt im Kopf.

Rosa und Gunnar hat Vivi Clausen erfolgreich überzeugt. „Im Moment sind wir mobil. Sollte es aber irgendwann nicht so sein, weil einer von uns krank geworden ist, dann kommt Vivi wieder zu uns nach Hause. Dieses Versprechen gibt uns die nötige Sicherheit“, sagen die beiden rüstigen Senioren.

Das Feldstedter Bürgerhaus „Damms Gård" am Gråstenvej beherbergt unter anderem die örtliche Bücherei. Die Satellitenklinik wird einmal wöchentlich in einem Sitzungsraum im ersten Stock geöffnet. Wer nicht Treppen steigen kann, nimmt den Aufzug. Foto: Karin Riggelsen

Angebot wird auf umliegende Dörfer erweitert

„Momentan bieten wir den Service nur für Personen aus dem Ort Feldstedt an. Es ist aber vorgesehen, dass das Angebot auch auf die umliegenden Dörfer und Ortschaften erweitert wird“, sagt die Krankenschwester.

Genau wie für viele ihrer Patienten war das neue Angebot auch für sie gewöhnungsbedürftig. Wer 27 Jahre lang die Patienten in ihren Häusern besucht hat, für den ist es verständlicherweise ungewohnt, die Patienten auf „neutralem Boden“ zu empfangen. Inzwischen ist Vivi Clausen überzeugt, dass die positiven Effekte überwiegen, die zudem nicht nur die medizinische Pflege betreffen.

Viele positive Nebeneffekte

Viele der Patienten kommen selten bis gar nicht aus dem Haus und sprechen womöglich tagelang mit keinem anderen Menschen als mit Heimhelfern und Krankenpflegern.

Im „Damms Gård“ treffen die Patienten außer ihrer Krankenschwester auch andere Patienten, und da das Gebäude auch als Bibliothek und als Versammlungsstätte des Ortes dient, ist eigentlich immer jemand da, mit dem man sprechen kann.

„Ich höre im Flur immer mal wieder Klönschnack und herzliches Lachen. Das ist für mich immer wieder ein schönes Zeichen. Und kürzlich sagte mir ein Patient, dass er die Bibliothek im Erdgeschoss für sich entdeckt hat und sich jetzt regelmäßig Lesestoff holt. So etwas bestätigt mich darin, dass diese Satellitenkliniken eine sehr gute Sache sind. Sie sind ein Beitrag zur Erhöhung der Lebensqualität“, sagt sie.

Satelliten sind nur eine Ergänzung

Die Satellitenkliniken sind eine Ergänzung zu den größeren Krankenpflegekliniken, die die Kommune Apenrade bereits vor Jahren in Tingleff, Bau, Rothenkrug und Apenrade eingerichtet hat.

„Hier dreht es sich um voll ausgestattete Behandlungsräume mit Behandlungsstuhl, mit Spülraum und entsprechender Beleuchtung. Hier können auch größere Wunden versorgt werden“, sagt Vivi Clausen.

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