FUEN

Grenzschließungen: „Nicht einmal im Zweiten Weltkrieg“

Grenzschließungen: „Nicht einmal im Zweiten Weltkrieg“

Grenzschließungen: „Nicht einmal im Zweiten Weltkrieg“

Helsinki/Helsingfors
Zuletzt aktualisiert um:
Die Sami waren plötzlich von einem Teil ihrer Weidegründe abgeschnitten, berichteten Anni Koivsto und Lars Miguel Utsi. Foto: Laszlo Mihaly / FUEN

Diesen Artikel vorlesen lassen.

Nicht nur im deutsch-dänischen Grenzland, sondern europaweit waren Minderheiten im Grenzland von den plötzlichen Grenzschließungen während der Corona-Krise hart betroffen.

Seit Anfang der 50er Jahre können die Einwohnerinnen und Einwohner der nordischen Länder einander besuchen, ohne den Pass zeigen zu müssen. Doch das wurde plötzlich während der Corona-Krise ganz anders.

Entsprechend deutliche Worte fand dann auch der Präsident des Nordischen Rates (Nordisk Råd), Bertel Haarder (Venstre), in seinem Grußwort an das „Forum der Europäischen Minderheitenregionen“, das die Föderalistische Union Europäischer Nationalitäten (FUEN) in Helsinki (Helsingfors) durchgeführt hat.

„Diese unkoordinierten Grenzschließungen darf es unter den nordischen Ländern nie wieder geben“, wetterte der Politveteran in seiner Videobotschaft.

Ålandinseln von Schweden abgeschnitten

Betroffen von den Grenzschließungen waren unter anderem die Ålandinseln. Seit 1921 ist die schwedischsprachige Inselgruppe eine autonome Region in Finnland. Sie hat ein verbrieftes Recht auf die eigene Sprache, liegt geografisch näher bei Schweden als bei Finnland. Doch während der Corona-Krise war die Verbindung nach Schweden plötzlich unterbrochen.

„Das haben wir noch nicht einmal während des Zweiten Weltkrieges erlebt. Die Verbindung nach Schweden ist die kürzere, und wir haben sie seit Jahrzehnten nicht als einen Grenzübertritt empfunden“, berichtete Mats Löström, der als einziger Vertreter der Ålandinseln im finnischen Parlament sitzt.

Rentierherden durften nicht über die Grenze

Vielleicht noch härter betroffen waren die Sami in Nordskandinavien. Die Bevölkerungsgruppe lebt verteilt auf die Territorien Norwegen, Schweden, Finnland und Russland – und das schon seit Jahrtausenden, bevor irgendwer an die vier Staaten überhaupt nur gedacht hatte. Die Weidegründe ihrer Rentiere erstrecken sich über die Ländergrenzen hinweg, doch plötzlich war das vorbei.

„Die Rentierhalter konnten von einem Tag auf den anderen ihre Herden nicht mehr über die Grenzen treiben“, erzählte Lars Miguel Utsi, Mitglied des Samiparlaments in Schweden.

Ähnlich wie im deutsch-dänischen Grenzland gab es auch im Land der Sami, Sàpmi, große Verunsicherung über die aktuell geltenden Regeln.

„Wir bekamen zahlreiche Anfragen, denn es war schwer für die Menschen, klare und aktuelle Informationen zu finden, und auf Samisch gab es sie schon gar nicht“, berichtete Anni Koivsto vom finnischen Samiparlament.

Deutsche Minderheit erzielte Lockerungen

Doch man braucht sich nicht zum nördlichsten Teil des europäischen Kontinents zu begeben, um Probleme der Grenzschließungen ausfindig zu machen. Im Herzen Europas, im deutschsprachigen Ostbelgien, war auch plötzlich die Grenze Richtung Deutschland dicht. Die Deutsche Gemeinschaft in Belgien machte sich dafür stark, dass zumindest für Grenzpendler Sonderregelungen gelten sollten. Unter anderem dank einer Vertretung im belgischen Parlament konnten sie dies auch durchsetzen.

„Dies kam dann allen Grenzpendlern zugute, auch denen, die nicht der deutschen Sprachgruppe angehören“, so Grégory Dalbert, Politischer Referent der Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien.

Mehr lesen

Leserbeitrag

Hanns Peter Blume
„Sozialdienst kam im Haus Quickborn zusammen“